Von Tölz zum Spitzingsee: Silvia Baumgartner arbeitet fü r die Bergbahn. Die Gondeln sind zuverlässiger als der Straßenverkehr mit seinen Baustellen und Umleitungen.

Arbeitswege und Strapazen

Pendler und ihre Geschichten: „Es bleibt viel Zeit auf der Strecke“

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Hörbücher, Schleichwege oder Zeitpuffer: Pendeln geht am besten mit Plan. Die Pendler im Landkreis entwickeln ihre ganz eigenen Strategien, um mit ihrem Dasein zurecht zu kommen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Tippt man das Wort „pendeln“ in die Internet-Suchmaschine, bekommt man gleich eine Anleitung serviert: „Wie man richtig pendelt“. Die Rettung für alle, die sich morgens in Autos und Zügen über ihr Dasein ärgern? Leider nicht. Die Netzseite www.lichtkreis.at beschäftigt sich weniger mit Stauumfahrungen als mit dem kleinen hin- und herschwingenden Pendel, das der Meditation und Wahrsagerei dient.

Wahrsagen, ja das wäre was für Martin Holzapfel. Der Tölzer muss jeden Tag nach München-Allach (einfach 65 Kilometer), weil er dort als Konstrukteur bei einer Rüstungsfirma arbeitet. Sein Pendel heißt „Google Maps“. Ohne den Blick auf den Routenplaner läuft in der Pendlerhauptstadt München nichts. „Ich such’ mir jeden Tag den schnellsten Weg“, sagt Holzapfel. Eine Parallelstraße zum Mittleren Ring kennt der 28-jährige Leiharbeiter mittlerweile bestens. Und er weiß genau, dass er nach 7 Uhr seine Abkürzung durch ein Wohngebiet nehmen muss, um der Blechlawine zu entgehen.

Pendelt von Bad Tölz nach München: Florian Holnburger nennt die Fahrten mit der BOB „Adventure Tours“

Alles Kalkulation also? Für Silvia Baumgartner besteht das Pendeln mehr aus Überraschungseffekten: „Manchmal schaffe ich es in 35 Minuten, ich hab’ aber auch schon drei Stunden gebraucht. Das war der Horror“, sagt sie. Die Tölzerin (38) ist bei der Spitzingsee-Bergbahn angestellt und fährt dorthin einfach 40 Kilometer. Sie kümmert sich darum, dass Ausflügler es bequem in der Gondel haben. Gerade weil Baumgartner in den vergangenen acht Jahren etliche Baustellen und Umleitungen kennenlernen durfte, plant sie immer einen Zeitpuffer ein. Ihr Verhältnis zum Pendeln sei „zwiespältig“, Baumgartner erklärt das mit einem sehr passenden Satz: „Ich fahre gerne Auto, aber es bleibt auch viel Zeit auf der Strecke.“

Was alle Pendler gemeinsam haben: Sie wollen die Zeit verkürzen. Und wie? „Ich telefoniere im Auto viel mit Freunden“, sagt Baumgartner. Martin Holzapfel setzt ganz klassisch auf das Radio („Ich schalte immer dahin, wo gerade Musik läuft.“), hat sich aber zuletzt mehrere Hörbücher gekauft. Der Schüler Max-Ferdinand Meißauer hat im Bus Zeit zum Lernen – seiner Meinung nach zu viel. „Es ist ein Trauerspiel in fünf Akten“, kündigt er seine Geschichte an, bevor er sie erzählt: Die handelt von einem 18-Jährigen, der jeden Tag von Kochel zum Staffelsee-Gymnasium nach Murnau muss. Die Kurzfassung: Wenn es ideal läuft, braucht er eine halbe Stunde, nachmittags sitzt Meißauer aber meistens über eine Stunde im Bus, der über Großweil und Ohlstadt nach Kochel tuckert. „Und wenn er ausfällt, fehlen meistens Informationen und Ansprechpartner“, ärgert sich der Gymnasiast, der sich als „absoluter Verfechter der öffentlichen Verkehrsmittel“ versteht. Als Mitglied im SPD-Kreisvorstand bringe sich Meißauer in die Diskussion um das Nahverkehrsnetz ein.

Von Geretsried nach München fährt die Bundesbeamte Sarah Stoppe – mit dem Bus und dann mit der S-Bahn. Insgesamt ist sie täglich mindestens fünf Stunden unterwegs.

Angewiesen auf die Öffentlichen ist auch Sarah Stoppe aus Geretsried. Bereits um 4.36 Uhr muss sie den Bus erwischen, um die erste S-Bahn in Wolfratshausen zu erreichen. Die bringt Stoppe nach München, wo sie als Beamte bei der Bundeswehr-Verwaltung arbeitet. Insgesamt sitzt die 34-Jährige fünf Stunden pro Tag in Bus und Bahn. „Das ist Stress pur. Ich habe fast kein Familienleben mehr“, sagt Stoppe. Um den Führerschein zu machen, habe der zweifachen Mutter bislang schlicht die Zeit gefehlt. Außerdem sei sie zu 80 Prozent gehbehindert. „An schlechten Tagen brauche ich einen Rollstuhl“, sagt sie. Durch die langen Wege kann Stoppe ihre junge Tochter nicht immer rechtzeitig aus dem Hort holen. Die Siebenjährige habe deshalb auch schon ein Handy bekommen.

Als wären diese Umstände noch nicht genug, muss sich Stoppe oft über die S-Bahn ärgern. „Letztens haben sie uns in Baierbrunn rausgeschmissen.“ Die Informationspolitik sei oft chaotisch. Stoppe zählt sich nicht zu notorischen Nörglern, die es unter Pendler auch gebe: „Mein Mann ist Zugführer. Deshalb kann ich vieles verstehen.“

Florian Holnburger fehlt für die Informationspolitik der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) jedes Verständnis. Als Techniker pendelt er mit dem Zug seit vier Jahren ins Münchner Klinikum rechts der Isar. Die BOB-Fahrten nennt er mit einer Portion Galgenhumor „Adventure-Tours“. Mal stimme die Wagenreihung nicht, im Sommer werde zu viel geheizt, im Winter friere man dank laufender Klimaanlage oft. Weil er sich nicht auf die BOB verlassen könne, nimmt Holnburger einen Zug früher, „wenn ich einen wichtigen Termin habe“. Eine weitere Strategie: Er greift auf eine App zurück, die über Verspätungen informiert.

Von Tölz nach Oberschleißheim: Rolf Geiger verpackt Industrieanlagen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat er 70 000 Kilometer auf sein Auto gefahren.

Bei all den Weichenstörungen und verhinderten Gegenzügen, sagt der 34-Jährige: „Pendeln ist für mich keine verlorene Zeit.“ Wegen der Mitpendler. Eine Art Gemeinschaft sei über die Jahre zusammengewachsen. Man ratscht und lästert: „Wir schließen schon Wetten am Hauptbahnhof ab, was heute wieder schiefgeht“, sagt Holnburger.

Wer sich mit vielen Pendlern unterhält, versteht irgendwann: Pendeln geht am besten mit Plan. Es braucht Strategien, um den Alltag erträglich zu gestalten. Hörbücher, Schleichwege und Zeitpuffer. Doch irgendwann, sagt Rolf Geiger, „geht es dir auf den Sack“. 70 000 Kilometer ist er allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit seinem Auto gefahren. Bad Tölz – Oberschleißheim. Tagein tagaus. Jetzt, mit 62 Jahren, nerven ihn die Baustellen auf der Münchner Ostumfahrung noch mehr als früher. Und oft geht die Reise erst richtig los, wenn Geiger ankommt. Als Verpacker und Lieferant von Industrieanlagen muss er gerne mal per Schwertransport nach Nürnberg oder Tschechien gurken. Geigers Eindruck: „Der Verkehr wird immer schlimmer.“

Von Geretsried nach Ingolstadt: Martina Steffens nimmt ihre Haustiere im Kofferraum mit.

Mit dem hat Martina Steffens nur zweimal die Woche zu kämpfen. Dafür pendelt die Mitarbeiterin für Nachhaltigkeitskommunikation gleich die rund 130 Kilometer bis Ingolstadt. Dort hat sie bis vor Kurzem noch gelebt, ehe sie sich für die „Nähe zu den Bergen“ und Geretsried entschied. Ihre spezielle Herausforderung: Steffens pendelt mit ihren Haustieren. Hund und Katze kommen in den Kofferraum. „Auch nicht immer ganz einfach. Aber insgesamt stört mich die Fahrerei noch nicht“, sagt sie.

Im Gegensatz zu Stephanie Peter, die täglich von Gaißach-Untergries Richtung München pendelt. Ihr Highlight waren einst die 20 Minuten, die sie vor dem Richard-Strauß-Tunnel warten musste, „weil irgendein Staatsminister durch die Stadt kutschiert wurde“. Stephanie Peter pendelt seit 17 Jahren, nun durchstöbert sie Woche für Woche Zeitungen und das Internet. Sie wünscht sich eine andere Stelle – im Landkreis.

Hier geht‘s zu aktuellen Zahlen und Statistiken der Pendler im Landkreis.

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