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„Was eine Kirche aus dem Jahr 1680 wert ist, ist schwer zu sagen“, stellt der Kirchenpfleger Georg Riesch zum Thema Reichtum der Pfarrei fest.

Besitz der Kirche

Für Pfarreien ist Vermögen oft eine Last

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Bad Tölz-Wolfratshausen – Wie reich ist die Kirche? Das Erzbistum München und Freising hat bekannt gegeben, dass es Vermögenswerte von sechs Milliarden Euro besitzt. Über beträchtliches Eigentum verfügen auch die Pfarrgemeinden vor Ort – verweisen aber darauf, dass dieser Besitz Lasten mit sich bringt.

Es klingt beeindruckend: Neun Kirchen und Kapellen nennt die Pfarrkirchenstiftung St. Jakob in Lenggries ihr eigen. „Wir sind eine große Flächengemeinde“, sagt Pfarrer Josef Kraller. Lediglich die Kapelle in Vorderriß gehöre dem Freistaat. Doch ob die örtliche Kirche deshalb reich ist? „Es stehen immer wieder Renovierungen an“, sagt Kraller. Selbst aber könnte die Pfarrei das nicht bezahlen. Sie ist auf Zuschüsse der Erzdiözese angewiesen, kann einen Teil aus ihren Rücklagen bestreiten – und muss ansonsten immer wieder Spendenaktionen starten.

Die Veröffentlichung seiner Vermögenswerte durch das Erzbistum München-Freising hat eine Debatte um den Reichtum der Kirche ausgelöst. Bei den Pfarreien vor Ort besteht das Vermögen in erster Linie aus Immobilien. „Natürlich: Die Kirchenstiftung besitzt mit der Basilika ein wunderschönes Gotteshaus“, erklärt der Benediktbeurer Diakon Hubertus Klingebiel. „Verkaufen können wir sie aber nicht.“ Vielmehr bedeute das Eigentum für die Pfarreien vor Ort „vor allem Lasten“, so Klingebiel.

400 000 Euro für Instandhaltung der Kirche in neun Jahren

„Die Kirchenstiftung Kochel besitzt die Pfarrkirche, das Pfarrhaus, das Pfarrheim und den Friedhof“, informiert Kirchenpfleger Georg Riesch. Doch was das alles wert ist? „Bei einer Kirche aus dem Jahr 1680 ist das sehr schwer zu sagen.“ Klar zu beziffern sind dagegen die Belastungen. „In den neun Jahren, in denen ich Kirchenpfleger bin, wurden für Renovierungen, Umbauten und bauliche Verbesserungen 400 000 Euro ausgegeben.“ Zuletzt habe die Sanierung des Kirchendachstuhls 150 000 Euro verschlungen. Demnächst brauche das Pfarrheim neue Fenster und eine Heizung. Das Bistum Augsburg trage 60 Prozent solcher Kosten. Der Eigenanteil sei für die Pfarrei vor Ort oft schwer zu stemmen. Profitieren würde die Allgemeinheit, betont Riesch, etwa im öffentlich zugänglichen Pfarrheim, das im Übrigen pro Jahr allein 2000 Euro an Nebenkosten verursache.

Auch abgesehen von den Immobilien sieht Pfarrer Kraller bei der Kirche vor Ort keinen Reichtum. Der Haushalt der Lenggrieser Pfarrei umfasse jährlich 280 000 Euro. „Das meiste davon sind Personalkosten.“ Was darüber hinausgehe, könne die Pfarrei nur über Geld aus dem Klingelbeutel finanzieren.

Haushaltszahlen sind einzusehen

Über die Haushaltszahlen der Pfarreien können sich Gläubige informieren. Sobald die Kirchenverwaltung den Haushalt verabschiedet habe, werde per Aushang darauf hingewiesen, dass Mitglieder der Pfarrei das Zahlenwerk zwei Wochen lang im Pfarrbüro einsehen können, erklärt Kaspar Demmel von der Tölzer Pfarrverbandsverwaltung. Ähnlich ist es in Kochel. Kirchenpfleger Riesch würde die Bücher auf Anfrage jederzeit gern herzeigen. „Leider wird das nie in Anspruch genommen“, sagt er. „Das ist schade. Denn je weniger man weiß, desto mehr kann spekuliert werden.“

Deswegen findet er es „vollkommen richtig“, dass die Erdiözese München-Freising ihr Vermögen offen gelegt hat. „Ich fand, es war höchste Zeit, dass Transparenz geschaffen wurde“, findet auch der Tölzer Pfarrgemeinderatsvorsitzende Klaus Wittmann. „Spätestens seit dem Eklat von Limburg ist man hellhörig geworden. Es ist gut, allen Katholiken Einblick zu geben, was mit dem Geld der Kirche passiert.“

Aus Sicht von Diakon Klingebiel war es zudem wichtig, dass die Kirche selbst sich Klarheit über ihre Vermögenswerte verschafft hat. Das Ergebnis sieht er aber zweigespalten. „Natürlich ist es gut zu wissen, dass die Kirche auf soliden Füßen steht. Andererseits wünsche ich mir eine andere Kirche, die nicht ihren Reichtum verwaltet, sondern sich auf die Botschaft Jesu besinnt, in Armut zu leben.“

Klingebiel und der Lenggrieser Pfarrer Kraller weisen darauf hin, dass man auch den Einsatz des Kirchengeldes betrachten müsse: „Renovierungen, soziale Einrichtungen, Personalkosten“, zählt Kraller auf. „Das Erzbistum unterhält allein 22 Gymnasien und Realschulen und 500 Kindergärten. Das alles muss bezahlt werden.“ Kraller befürchtet, dass durch die reine Bezifferung des Kirchenvermögens ein schiefes Bild entsteht. „Es könnte sein, dass noch mehr Menschen aus der Kirche austreten, weil sie sagen: Die Kirche ist so reich.“

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