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Demut vor der großen Aufgabe: Nach zehn Jahren nimmt die evangelische Krankenhaus-Seelsorgerin Kathrin Wild (55) Abschied von der Tölzer Kirchengemeinde.

Potrait

Pfarrerin Kathrin Wild sagt „Servus“

Die dienstälteste aktive Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Bad Tölz, Kathrin Wild, lässt sich beurlauben, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Zehn Jahre anstrengende Klinik- und Alten-Seelsorge sind genug, sagt die 55-Jährige. Aushelfen will sie auch weiterhin.

Bad Tölz – Darauf angesprochen, was sie einmal ihren Enkeln erzählen wird, schüttelt die in Waakirchen lebende Kathrin Wild erst einmal fragend den Kopf. Zehn Kliniken und Seniorenheime hat sie mit einer halben Krankenhausstelle betreut und Tod, Krankheit und Siechtum ganz nahe erlebt. Das zehrt. Und doch fallen ihr dann ganz unvermittelt einige Geschichten ein, die ihr bis heute nachhängen und es wert sind, erzählt zu werden. Etwa die von dem jungen Mann, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt war und sie bat, ihm zu helfen, mit dem Hass auf den Unfallverursacher umzugehen. „Da war ich sprachlos“, sagt sie immer noch ein bisschen verblüfft über das ungewöhnliche Ansinnen. Und glaubt in der Rückschau schon, dass sie dem Mann über die Gespräche hinaus („Das kann auch ein guter Arzt oder eine Krankenschwester“) helfen konnte. Weil: „Kirche hat Rituale, und da sind wir stark.“

Bis heute geht ihr auch nicht der Familienvater aus dem Kopf, der im Koma lag und um sein Leben kämpfte. Sie berichtet von der Verzweiflung der Frau und der Angehörigen, dem Kranken im Tiefschlaf, und sie selbst, immer im Hintergrund, versuchend, die Situation zu meistern und Beistand zu leisten. „Ich habe wirklich nicht viel gemacht.“ Als sie den Mann nach dem Wiederaufwachen besuchte, begrüßte er sie mit den etwas rätselhaften, aber unvergesslichen Worten: „Sie waren meine Anwältin fürs Leben.“ Das ist viele Jahre her. Kathrin Wilds Augen leuchten trotzdem, als sie davon erzählt.

Ihr Großvater war einst als Schweriner Domprediger ein bekannter Mann. Keiner seiner vielen Söhne ergriff die geistliche Laufbahn. Dafür die Enkelin, die mit der Familie 1988 nach Westdeutschland umgesiedelt war und in München studiert hatte. Nach ersten Stationen in Gauting und Kaufbeuren-Neugablonz entdeckte sie ab August 2005 als dritte Pfarrerin in Tölz ihre Liebe zum Oberland. Wasser ist das verbindende Element zu ihrer Heimat. „Das habe ich gleich gewusst, da bleibe ich.“ Zwölf Jahre später sagt sie im Brustton der Überzeugung: „Ich fühle mich hier sauwohl.“ Das liegt auch daran, dass sie die Mentalität der Bayern schätzt: „Du hast sie nicht gleich gewonnen, aber wenn du sie gewonnen hast, dann hält das.“ Kein Zufall, dass ihr in dem Zusammenhang der verstorbene katholische Krankenhausseelsorger Pater Wolfgang einfällt. Die Zusammenarbeit mit ihm „war schon ein Highlight“.

Tölz war auch noch aus einem anderen Grund wichtig für sie. Im Kirchenchor hat die verwitwete Kathrin Burger ihren späteren zweiten Ehemann kennengelernt. Nachdem der Radiologe aus Agatharied vor einem halben Jahr in den Ruhestand gegangen ist, will sie ab Neujahr mit ihm und den vier Kindern diesen neuen Lebensabschnitt nun gemeinsam gestalten und mehr Freiraum haben. Ihr Nachfolger wird übrigens zum 1. Juli anfangen.

Wenn Kathrin Wild zurückschaut und erzählt, wird sie auch ernst. Etwa, wenn sie vom oft unterschätzten Pflegepersonal spricht oder von Angehörigen, die von der Situation des Umgangs mit Kranken, Dementen und Sterbenden völlig überfordert sind und sie als Seelsorgerin mit extrem hohen Erwartungen konfrontieren: „Ich bin aber keine Ersatztochter.“ So etwas deprimiere.

Auf der anderen Seite bricht sie eine Lanze für ihre Seelsorgearbeit, die in Kirchenkreisen oft nicht ausreichend gewürdigt werde. „Wir begleiten die Menschen in Krisensituationen. Da geht es um die existenziellen Fragen.“ Floskeln und Worthülsen helfen da nicht recht weiter. Vor dieser anspruchsvollen Aufgabe werde sie ehrfürchtig und „geradezu demütig“. Und sie spricht von der Kraftquelle Gott, die ihr auch in schwersten Momenten zur Seite gestanden habe.

Pfarrerin Kathrin Wild war jahrelang im Ethik-Komitee und Palliativteam der Asklepios-Stadtklinik tätig. Beim Umgang mit Sterben und Tod glaubt sie, ein Umdenken festgestellt zu haben. Und zwar bei Ärzten wie bei der gottlob immer besser informierten Bevölkerung. Es gehe nicht mehr ausschließlich darum, das Leben, koste es, was es wolle, zu verlängern, sondern „man darf auch mal sagen: es ist gut. Es darf gestorben werden.“ Ärzte, so rekapituliert sie lächelnd, wollen immer Leben retten. Der Tod sei für sie gleichbedeutend mit einer Niederlage. Aber genau so sei es eben nicht.

Pfarrerin Wild ist gegen aktive Sterbehilfe, „weil die Gefahr groß ist, dass man da jemanden tötet, der im Weg ist“. Sie kann aber akzeptieren, wenn jemand sein Leben etwa mit Sterbefasten beendet. Und sie hat auch der Frau die Hilfe nicht versagt, die sie vor ihrem letzten Weg anrief und um ihren Segen bat, „weil ich morgen in die Schweiz fahre“. – „Vor der Entscheidung habe ich Respekt gehabt.“

Die Verabschiedung

von Pfarrerin Kathrin Wild findet am Sonntag, 14. Januar, um 9.30 Uhr in der Johanneskirche Bad Tölz statt. Anschließend wird im Gemeindehaus gefeiert.

Christoph Schnitzer

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