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Katastrophen-Tourismus: Hunderte Menschen wollten in Bad Tölz den historischen Wasserstand der Isar sehen.

Vor 20 Jahren

Pfingsthochwasser 1999 in Bad Tölz: Der größte Feuerwehreinsatz nach dem Krieg

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Das Pfingsthochwasser von 1999 überstieg alle bis dahin bekannten Dimensionen – sollte jedoch schon sechs Jahre später noch einmal übertroffen werden.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Wenn Hermann John dieser Tage die aktuelle Hochwasserlage beobachtet, dann kommt ihm vieles bekannt vor. „Der Anfang ist immer ziemlich gleich“, sagt er. Dauerregen, ein steigender Isarpegel – genau wie heute ging es auch fast zum gleichen Datum vor 20 Jahren los. John war damals Kommandant der Tölzer Feuerwehr. Das Pfingsthochwasser 1999 bescherte dem südlichen Landkreis den bis dahin „größten Feuerwehreinsatz nach dem Krieg“, wie es damals im Tölzer Kurier hieß.

Was damals gerade für Bad Tölz Schlimmeres verhinderte: Seit 1995 lief eine Nachrüstung des Sylvensteinspeichers. Die Dammerhöhung um drei Meter war bereits fertig. So hieß es am Ende: „Der Damm hat uns gerettet!“ Dramatisch, aber letztlich erfolgreich war unterdessen der Kampf gegen eine Überflutung des Kochler Klärwerks. Und die Flut forderte einen Toten: Ein 56-jähriger Wolfratshauser starb beim Rafting.

Beim Pfingsthochwasser 1999 war der Kommandant der Feuerwehr in Bad Tölz  38 Stunden auf den Beinen

1999, „das war eine Zeit, in der man noch nicht so gerüstet war wie heute“, sagt John. Mittlerweile gibt es genaue Ablaufpläne, welche Maßnahme bei welchem Pegelstand getroffen wird: Mobile Barrieren werden aufgestellt, Pumpen stehen bereit, es gibt genaue Vorausberechnungen, um welche Uhrzeit welcher Pegelstand erwartet wird. „Das ist gigantisch und trifft oft bis auf ein paar Zentimeter zu“, sagt John.

1999 hingegen sei den Tölzern nicht wirklich klar gewesen, was auf sie zukam. „Die Isar ist gestiegen und gestiegen, keiner hat gewusst, wie hoch es noch geht. Wir haben in letzter Verzweiflung Sandsäcke auf die Kaimauer gelegt. Aber das war ein Kampf gegen Windmühlen.“ Die Isar schwappte über die Mauer.

Die Sandsäcke auf der Mauer nutzten nichts: Beim Pfingsthochwasser 1999 schwappte der Fluss über den Isarkai.

Auch an anderen neuralgischen Punkten wie an der Königsdorfer Straße oder der Isarlust „haben wir gepumpt wie verrückt, konnten aber nicht abwenden, dass Keller vollliefen und Erdgeschoss-Wohnungen unter Wasser standen“, erinnert sich John. Großer Sachschaden entstand in Bad Tölz, weil die Rehgrabenbrücke unterspült wurde.

John erinnert sich auch an den einsetzenden „Hochwasser-Tourismus“. Tatsächlich versammelten sich hunderte Menschen an der Tölzer Isarbrücke, um mit eigenen Augen den historischen Höchststand des Flusses zu sehen.

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Für John war es damals der längste Einsatz seines Lebens. „Ich war 38 Stunden am Stück auf den Beinen“, sagt er. „Man steht unter Strom und merkt die Müdigkeit gar nicht.“ Beim August-Hochwasser 2005 seien die Abläufe schon viel besser organisiert und getaktet gewesen. Damals saß John in der Einsatzzentrale am Landratsamt und sorgte mit dafür, dass es „Ablösungen im Zehn- bis Zwölf-Stunden-Takt“ gab. Dadurch dass 2005 der Katastrophenfall ausgerufen wurde, sei es auch möglich gewesen, Einsatzkräfte von außerhalb des Landkreises hinzuzuziehen.

80.000 Sandsäcke retten beim Pfingsthochwasser die Kläranlage in Kochel

Zu Pfingsten 1999 konzentrierten sich die Feuerwehrkräfte auf das Projekt „Rettung der Kochler Kläranlage“. 400 Personen von 17 Feuerwehren befüllten über Tage hinweg etwa 80 000 Sandsäcke und schichteten sie auf. Das Wasser, das der aufweichende und vom Bruch bedrohte Damm und die Sandsäcke nicht zurückhalten konnten, pumpten die Feuerwehren aus dem Klärwerk. Am Ende war der Kampf gewonnen, die Kläranlage gesichert.

Verzweifelter Kampf: In Kochel schafften es die Helfer, eine Überflutung der Kläranlage zu verhindern.

Einheimische und Feuerwehrkräfte hielten auch an vielen anderen Stellen im Landkreis zusammen. Viele Straßen waren überflutet. Eine riesige Mure verschüttete die Straße zwischen Vorderriß und Wallgau.

Verunglückter Bootfahrer erst Tage nach dem Pfingsthochwasser gefunden

Andere Menschen sahen die zu jenem Zeitpunkt wahrhaft „Reißende“ hingegen als sportliche Herausforderung. Ein mit vier Männern besetztes Schlauchboot legte am Pfingstmontag südlich von Lenggries ab. Es kenterte bei den Stromschnellen auf Höhe der Isarburg. Drei Männer retteten sich ans Ufer. Ein 56-jähriger Wolfratshauser wurde erst Tage später tot am Tölzer Isar-Kraftwerk gefunden.

Durch die Ereignisse zu Pfingsten 1999 bestätigt fühlen konnte sich das Wasserwirtschaftsamt Weilheim, das die Erhöhung des Damms am Sylvensteinspeichers um drei Meter bis dahin immer gegen Kritik hatte verteidigen müssen. Der damalige Behördenchef Hans-Joachim Kilian stellte fest, dass das Hochwasser ohne Dammerhöhung nicht mehr kontrollierbar gewesen wäre.

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Ganz ohne Damm wären 1300 Kubikmeter pro Sekunde (cbm/s) durch Bad Tölz geflossen – noch einmal deutlich mehr als beim bisherigen Jahrhunderthochwasser von 1940, als 900 cbm/s gemessen wurden. Dank Sylvensteinstausee konnte die Durchflussmenge in Bad Tölz 1999 bei der kritischen Marke von 450 cbm/s gehalten werden. Übertroffen werden sollte dieser Zufluss im August 2005 mit rund 600 cbm/s.

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