1. Startseite
  2. Lokales
  3. Bad Tölz
  4. Bad Tölz

Pflegenotstand: NeuroKom schließt therapeutische WG im Haus Wildstein

Erstellt:

Von: Andreas Steppan

Kommentare

null
Im ehemaligen Kursanatorium Wildstein an der Tölzer Wengleinstraße leben aktuell noch 25 Menschen mit Hirnverletzung. © Archiv

Es ist ein weiteres trauriges Beispiel für die Auswirkungen des Pflegenotstands: Die Trägergesellschaft GFG schließt zum 31. Januar 2019 ihre Einrichtung für Hirnverletzte „NeuroIntegrale Wildstein“ an der Tölzer Wengleinstraße. Der Grund dafür ist nach Angaben von Geschäftsführerin Silvia Ulze in erster Linie der Fachkräftemangel.

Bad Tölz – Die Bewohner wurden am Donnerstag über den Schritt informiert. „Für sie war es zunächst ein Schock“, sagt Silvia Ulze. Für einige sei das ehemalige Kursanatorium Wildstein seit zehn Jahren ihr Wohnort. „Aber auch wenn es zunächst weh tut, sehen die Menschen auch den Schub und die Perspektive, etwas Neues zu beginnen“, versucht die Tölzerin, die positive Seite zu sehen.

Anlass der Schließung ist, dass der Bezirk Obernbayern als Kostenträger den Vertrag mit der NeuroKom für das Haus Wildstein zum 31. Januar 2019 gekündigt hat. „Wir erfüllen die vorgeschriebene Fachkraft-Quote nicht“, räumt Ulze ein. Deshalb hatte in der Einrichtung, die auf 38 Bewohner ausgelegt ist, seit Februar 2017 ein Aufnahmestopp gegolten. Aktuell leben dort noch 25 Personen. Mit dieser reduzierten Belegung sei der Betrieb freilich auch wirtschaftlich immer schwieriger geworden, so Ulze. Ein weiteres Problem: Auch die Auflagen des Wohnqualitätsgesetzes wären nur durch teure Baumaßnahmen erfüllbar gewesen.

Lesen Sie auch: Doppelt Zwillinge – plötzlich Großfamilie: Jetzt sind die Kletts auf dringender Wohnungssuche

„Wir haben unsere offenen Stellen in sechs Landkreisen ausgeschrieben, ohne Erfolg“, berichtet die Geschäftsführerin. Zuletzt sei von drei neu eingestellten Sozialpädagogen einer verstorben, die anderen beiden hätten bald erkannt, dass sie mit der Klientel der NeuroKom nicht zurecht kamen. „Jetzt sind wir in die Knie gegangen“, sagt Silvia Ulze.

Lesen Sie auch: Pflegende Angehörige: „Manchmal ist mir einfach alles zu viel“

Im „NeuroIntegrale Wildstein“ leben schwer Hirnverletzte im Alter zwischen ungefähr 30 und 60 Jahren in einer therapeutischen Wohngemeinschaft. Die Hirnverletzungen sind zum Beispiel durch Unfall, Schlaganfall oder Hirnblutung entstanden. Die Bewohner haben die komplette Reha durchlaufen, können aber aus verschiedenen Gründen nicht in ihre alten Lebensstrukturen zurückkehren. Sie erhalten hier Training und Förderung, haben meist einen „mittelmäßigen Hilfsbedarf“, so Ulze, können aber „am allgemeinen Leben teilhaben“. Sie arbeiten entweder in den Oberland-Werkstätten oder in der eigenen therapeutischen Werkstatt der NeuroKom.

Lesen Sie auch: Junger Mann wird zum Pflegefall - aber für ihn gibt es keinen Betreuungsplatz

Etwa die Hälfte kann die NeuroKom laut Ulze selbst weiterbetreuen, und zwar im „ambulant begleiteten Wohnen“. Das bedeutet: Die Menschen leben selbstständig in Mietwohnungen. Zwischen drei und 19 Stunden pro Woche kommt jemand zu ihnen, der ihnen hilft und sie fördert. Dazu sucht die NeuroKom nun Wohnungen: für eine Frauen-Dreier-WG, für Pärchen und Einzelpersonen. Die weiteren „Wildstein“-Bewohner benötigen Plätze in anderen Einrichtungen. Wie NeuroKom auf Hirnverletzte spezialisiert sind laut Ulze aber „leider nur wenige“.

„Sehr schmerzlich“ ist für die Geschäftsführerin auch, dass sie im Zuge der Schließung 20 Mitarbeiter entlassen muss, je zur Hälfte Festangestellte und Aushilfen.

Lesen Sie auch: Ihm stehen zwei Milliarden Euro zur Verfügung - Doch was macht der Bezirkstag eigentlich?

Erhalten bleiben die weiteren Module, die die NeuroKom anbietet: neben einer Außenwohngruppe vor allem das „Mutterhaus“ , die Neuroberufliche Rehaeinrichtung (NRE) an der Buchener Straße mit 40 Plätzen. Hier sieht Ulze Zukunftsperspektiven. Eine aktuell unterbrochene Renovierung werde fortgesetzt, auf der dahinter liegenden Wiese gebe es noch Platz zum Bauen. Im Idealfall, so Ulze, könne dort eine Nachfolgeeinrichtung für die jetzt geschlossene entstehen – sobald der Betreiber durch den Verkauf von Haus Wildstein wirtschaftlichen Spielraum habe und der ganze Markt durch das Bundesteilhabegesetz ab 2020 neu geordnet sei.

Auch interessant

Kommentare