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Die Erfindung des Kühlschranks, sagt Werner Bartens, hat mehr für die höhere Lebenserwartung getan als die Medizin.

Lesung mit Dr. Werner Bartens

Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Medizinbetrieb

Keine Frage, die Menschen leben heute länger als vor 100 Jahren. Nur noch wenige sterben an ansteckenden Krankheiten, schwere Verletzungen sind behandelbar. Die Medizin hat unbestreitbar große Fortschritte gemacht und keiner möchte sie abschaffen.

Bad Tölz – Trotzdem oder gerade deswegen hatten sich in der Tölzer Buchhandlung Rupprecht viele Besucher versammelt, um Dr. Werner Bartens zu lauschen, der über die „Heillosen Zustände“ im deutschen Gesundheitswesen referierte. Grundlage hierfür bot sein bereits 2012 erschienenes gleichnamiges Buch. Darin legt er detailliert dar, warum es falsch ist, wenn die Gesundheitsindustrie aus wirtschaftlichen Gründen immer weiter wächst. Im Rückschluss bedeute dies ja, dass die Menschen immer kränker werden müssten.

Bartens forschte und praktizierte mehrere Jahre als Arzt in den USA und in Deutschland und erlangte so Einblick in die „Medizinindustrie“. Wie schafft es also die „Medizinindustrie“ zu wachsen, während die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung ebenso wächst? Das zeigte Bartens anhand von drei großen, „innovativen“ Medizinfeldern auf, zu denen er jeweils anschaulich und unterhaltsam Beispiel um Beispiel anfügte.

Zuerst ging er auf neue, kreativ erfundene Krankheiten ein, die neuer Behandlungsmethoden und Medikamente bedürfen – etwa die Wechseljahre des Mannes. „Alle Wechselfälle des Lebens zu einer Krankheit zu machen, ist ein neues Phänomen der letzten 20 bis 30 Jahre“ führte er dazu aus. Auch die inflationäre Diagnose tatsächlich bestehender Krankheitsbilder wie ADHS oder Depressionen ordnete er diesem Bereich zu.

Eine zweite äußerst praktikable Lösung der Medizinindustrie, immer mehr Menschen behandlungsbedürftig zu machen, sei das Herabsetzen von Grenzwerten, führte Bartens aus. Beispiele seien die Entwicklung des Cholesteringrenzwertes und die Interpretation des Body-Mass-Index. Dadurch erhalte man immer mehr beobachtungs- und behandlungsbedürftige Patienten, ohne dass sich am Gesundheitszustand der Bevölkerung tatsächlich etwas verändert habe.

Zu guter Letzt gebe es noch viel zu viele unnötige oder auch grundsätzlich unnütze Eingriffe in Kliniken bei Menschen, denen Zuwendung, Trost und „Barmherzigkeit“ viel mehr helfen würden. Doch für all diese personal- und zeitintensiven „Behandlungen“ wären im mehr und mehr technisierten Medizinapparat immer weniger Ressourcen vorhanden.

So wurde der Vortrag zu einem beklemmenden Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen in der Medizin, die ohne grundlegende Umbrüche im Gesundheitswesen nicht zu erreichen sein werden, so der Autor.

An dieser Stelle hätte man sich vielleicht noch den ein oder anderen Tipp erhofft, wie man sich mit den neuen Erkenntnissen denn nun beim nächsten Arztbesuch verhalten sollte. Die Erwartung einiger Zuhörer, dass der hervorragend informierte Autor auch den Sinn und Zweck der heutigen Impfpraxis infrage stellen würde, wurden nach heftigen Diskussionen weitgehend enttäuscht.

Wie groß denn nun der Anteil der Medizin an der höheren Lebenserwartung sei, lautete eine Frage. Bartens’ verblüffender Schluss: Nur etwa 5 bis 10 Prozent gingen aufs Konto der Medizin. Weit höheren Anteil habe wohl die Erfindung des Kühlschranks gehabt. ep

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