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Überall sieht man Gruppen zusammenstehen, auf der Suche nach dem nächsten Pokémon.

Pokémon Go: Monster mischen Tölzer Marktstraße auf

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Bad Tölz - Bad Tölz ist voller Pokémons – und allerorten sieht man junge Leute, die sich mit dem Smartphone in der Hand auf die Suche nach den Fantasiewesen machen. Das neuartige Handyspiel „Pokémon Go“ hat das Straßenbild der Stadt auf ungeahnte Weise verändert.

Ob Zwergspaniel Sammy jemals so viel Gassi gegangen ist wie in den vergangenen Tagen? Aber es nutzt nichts – der kleine Hund muss jetzt mit: auf Pokémon-Jagd durch ganz Tölz. Für den Vierbeiner mit den hängenden Ohren werden die kleinen Monster für immer unsichtbar bleiben. Doch Dennis, der Mensch am anderen Ende der Leine, der sieht die Pokémons auf dem Display seines Smartphones. Der 17-Jährige ist begeisterter Anhänger des neuen Handy-Spiels „Pokémon Go“, das seit seinem deutschlandweiten Erscheinen am Mittwoch für einen selten dagewesenen Hype sorgt.

Das Prinzip von „Pokémon Go“ klingt für Nicht-Eingeweihte fast futuristisch: Der Spieler sieht auf dem Display seines Handys eine Karte rund um den eigenen Standort. Darauf eingezeichnet sind bestimmte (virtuelle) Anlaufstellen, zu denen die Spieler sich – ganz physisch – begeben sollten. Denn dort gibt es Belohnungen abzuholen. Bestenfalls tummelt sich auf dem Weg ein kleines Monster, ein Pokémon. Beim Blick durch die Handy-Kamera sieht man das Phantasiewesen dann inmitten der realen Umgebung und kann es mit Hilfe sogenannter Pokebälle auf dem Display abwerfen.

Überall sieht man Gruppen zusammenstehen, auf der Suche nach dem nächsten Pokémon.

Dass Dennis bei Weitem nicht der einzige ist, der seit Mittwoch, den Blick fest aufs Smartphone gerichtet, auf Monstersuche durch die Straßen läuft, das ist in der Tölzer Innenstadt nicht zu übersehen. Alle paar Meter kommen sie einem entgegen, die – meist jungen – Pokémon-Jäger, oft in Gruppen, leicht daran zu erkennen, dass sie mit dem Finger die Pokebälle übers Display schnippen.

„Pokémon Go“ ist – im Gegensatz zu manch konventionellem Computerspiel – nicht unbedingt ein einsames Vergnügen. Dennis ist heute zusammen mit dem 20-jährigen Philip und natürlich Sammy aufgebrochen. Sie wissen, dass sie nicht lang allein bleiben werden. Denn sie haben mitten in der Marktstraße ein „Lockmodul“ aktiviert, über dem rosa Blüten schweben. Das lockt Pokémons an – und damit auch andere Spieler, die herbeiströmen, um die Monster zu fangen.

Es dauert keine fünf Minuten, da nahen auch schon zwei Burschen mit Handys und gesenktem Kopf – unverkennbar Mitspieler. „Das sieht man sofort“, konstatiert Dennis. „Welches Team seid Ihr?“, ruft er den Neuankömmlingen entgegen. „Blau“, lautet die Antwort. Das war zu erwarten. Denn wie Philip und Dennis erläutern, ist das blaue Team „Mystic“ in Bad Tölz gegenüber den Roten („Valor“) und den Gelben („Instinct“) klar in der Mehrheit.

Man streitet also mit Guido (20) aus Penzberg und Frank (18) aus Wolfratshausen zusammen. Mittlerweile sind auch die Tölzerin Julia (18) und Samuel (21) aus Schlehdorf zur Gruppe gestoßen – magisch angezogen von der Verheißung des Lockmoduls.

Teils kannte man sich vorher, einige mehr, andere weniger. Über „Pokémon Go“ kommt man ins Gespräch. „Seit gestern habe ich mindestens zehn neue Leute kennengelernt“, sagt Philip. Die Monsterjagd verbindet generationenübergreifend. „Gestern hat uns ein grauhaariger Mann – mindestens 60 – gefragt, wo er hier ein Zabat fangen kann.“

Heute hat die frisch zusammengewürfelte Truppe aus der Marktstraße gleich eine gemeinsame Mission. Auf ihren Handys haben sie entdeckt, dass das gegnerische Team Rot eine „Arena“ eingenommen hat. Die „Blauen“ machen sich auf den Weg zur Rückeroberung. Vor Ort müssen sie ihre Pokémons in den Kampf mit einem Monster schicken, das die Roten zur Bewachung der Arena postiert haben.

„Damals war Pokémon für uns als Kinder schon das Größte“, erklärt Philip seine neu entflammte Leidenschaft. „Früher habe ich Pokémon auf dem Gameboy gespielt. Das kommt jetzt alles wieder auf.“ Damit ihm jetzt beim Spielen der Akku nicht ausgeht, hat der 20-Jährige immer eine Power-Bank bei sich – also einen mobilen Akku zum Aufladen des Smartphones. Guido war da weniger vorausschauend. „Gibt’s hier irgendwo eine öffentliche Steckdose?“, fragt er in die Runde.

Ein paar Schritte weiter kündigt sich auf Julias Display ein freudiges Ereignis an: Ein Pokémon schlüpft. Das Ei hat Julia tags zuvor eingesammelt. Die Geburt beginnt, sobald der Besitzer eine bestimmte Kilometerzahl zurückgelegt hat – in diesem Fall zehn. Eine Rossana erblickt nun das Licht der Welt, lila Haut, dicke rosa Lippen, langes blondes Haar, stämmige Figur und rotes Kleid.

„Das Spiel motiviert dazu, sich mehr zu bewegen“, nennt Julia einen Vorzug. Und aus Sicht der 18-Jährigen nimmt man dabei seine Umwelt sogar intensiver wahr. Denn „Pokémon Go“ macht auf Details aufmerksam, die man sonst übersehen würde. Hinter einer Marienfigur am Eck eines Marktstraßen-Hauses oder an der Sonnenuhr am Bahnhof sind Pokebälle zu holen.

In der Tölzer Marktstraße wimmelt es vor „Pokestops“, wo „Bälle“, „Tränke“, „Beleber“ oder „Eier“ auf Abholung warten – übrigens auch vor dem Tölzer Kurier. Doch abseits der Stadtmitte hört es auch schon wieder auf. „Im Lettenholz gibt’s so gut wie gar nichts“, sagt Julia. Schlechte Bedingungen für Pokémon-Spieler herrschen in Lenggries. „Bisher habe ich nur einen Pokestop beim ,Bunker‘ gefunden und eine Arena in der Nähe des Bahnhofs“, berichtet die Lenggrieserin Franziska (20).

Auch sie spielt deshalb vorwiegend in Bad Tölz, wo sie als Zahnarzthelferin arbeitet. Hinaus auf Pokémon-Suche kann sie natürlich nur in der Mittagspause oder am Wochenende. „Ich habe auch schon Lockmodule in der Marktstraße gesehen“, sagt sie. „Aber da konnte ich während der Arbeitszeit nicht hin.“

Seit ihre älteren Brüder das erste Pokémon-Spiel für den Gameboy geschenkt bekamen, ist Franziska den kleinen Monstern verfallen – da war sie fünf. „Und ein bisschen Kind muss man immer bleiben“, sagt sie.

Dringt auch die Kritik an „Pokémon Go“ zu den Spielwütigen durch? Immerhin muss der Smartphone-Besitzer den Zugriff auf sein Bewegungsprofil erlauben, um spielen zu können. „Das passiert auch, wenn man Google-Maps benutzt“, sagt Franziska. Die Lenggrieserin ist aber durchaus für den Datenschutz sensibilisiert. „Wenn ich nicht spiele, schalte ich die GPS-Ortung aus.“ Philip sieht die Sache deutlich entspannter. „Ich führe ein offenes Leben“, sagt er. „Wenn die Leute wissen, wo ich mich aufhalte, juckt mich das wenig.“

Doch zum Reden bleibt gerade keine Zeit. Irgendwo im Gries oder an der Isar muss sich ein Schillok aufhalten – schildkrötenähnlich, stark und sehr selten. Die Gruppe muss los.

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