Eine Unterkunft für bis zu 170 Asylbewerber entsteht derzeit auf der Tölzer Flinthöhe. Die Regierung gibt solchen zentralen Einrichtungen den Vorzug vor Quartieren in Einzelwohnungen. Foto: arp/Archiv

Unterbringung von Flüchtlingen

Prinzip „Zentral vor dezentral“ umstritten

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Bad Tölz-Wolfratshausen –  Zentral statt dezentral: Dieses Motto soll künftig bei der Unterbringung von Asylbewerbern gelten. Im Landkreis würde das eine glatte Kehrtwende bedeuten und könnte zu einer Konzentration der Flüchtlinge in den Städten führen. Das Echo ist geteilt.

Kreisrätin Barbara Schwendner zeigte sich „entsetzt“ über den Kurswechsel bei der Unterbringung von Asylbewerbern. Dass Staatsregierung und Regierung von Oberbayern die Flüchtlinge lieber in zentralen Gemeinschaftsunterkünften zusammenfassen möchten als – wie im Landkreis bisher üblich – in einzelnen Wohnungen, bezeichnete die Tölzer Grünen-Politikern jüngst als „humanitären Rückschritt“ (wir berichteten).

Für „überzogen“ hält der Kochler Bürgermeister Thomas Holz (CSU) Schwendners Kritik. Ob nun zentrale oder dezentrale Unterbringung: „So menschlich, wie es bei der Aufnahme von Flüchtlingen zugeht, hat Bayern ein sehr positives Bild abgegeben.“ Bei all dem sei es aber auch angebracht, die Kosten nicht aus den Augen zu verlieren. „Es ist nachvollziehbar, wenn man sagt: Zwei, drei große Unterkünfte sind leichter zu betreuen als 20 kleine.“ Auf der anderen Seite habe Kochel nur positive Erfahrungen mit der dezentralen Unterbringung seiner rund 100 Asylbewerber gemacht. Generell hält es Holz für zu früh, um bei der Flüchtlingsunterbringung „komplett neue Strukturen aufzusetzen. Keiner weiß genau, wie es weitergeht. Da tut man gut daran abzuwarten.“

Auch sein Lenggrieser Amtskollege Werner Weindl (CSU) erklärt: „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust.“ Auf der einen Seite stehe die Kostenersparnis, auf der anderen Seite werde die Betreuung „umso schwieriger, je größer die Einheit ist“. Auf keinen Fall aber solle man bestehende Einzelwohnungen, in denen Asylbewerber untergebracht sind, vorschnell aufgeben. „Denn wir könnten sie schnell wieder brauchen.“

Thema Essen birgt Konfliktpotential

Auf jeden Fall an der dezentralen Unterbringung festhalten möchte der Jachenauer David Warham. Er arbeitet federführend im örtlichen Helferkreis mit. In der Jachenau wohnen je rund 20 Flüchtlinge auf einem Hof in Lain und im ehemaligen Gasthaus Post. Schon da zeigt sich laut Warham: „Je mehr Menschen und Nationalitäten zusammenleben, desto größer werden die Probleme.“ In der Jachenau laufe alles „sehr friedlich“ ab. Streit zwischen den Asylbewerbern gebe es höchstens um Banalitäten wie das Backblech, „weil viele gerne Brot backen“. Insgesamt sei das Essen immer ein großes Thema, das nach Warhams Einschätzung in großen Unterkünften zusätzliches Konfliktpotenzial birgt.

„Viele Menschen auf einem Haufen: Da sind Streitereien vorprogrammiert“, glaubt auch Ingrid Spindler vom Heilbrunner Helferkreis. „Mit der dezentralen Unterbringung fahren wir bisher sehr gut“, sagt sie. Die Betreuer könnten individuell auf den einzelnen zugehen, es hätten sich enge Beziehungen entwickelt. „Die, die weggezogen sind, kommen immer noch regelmäßig zu Besuch.“ Doch gerade in Heilbrunn hätten sich die Helfer auch Gedanken gemacht, wie sie mit der – aktuell noch nicht belegten – Leonardisklinik mit bis zu 90 Bewohnern umgehen. „Manches könnte man dort auch leichter organisieren und Angebote anderer Art machen.“

"Wir haben unseren Job gemacht"

Auch der Tölzer Bürgermeister Josef Janker verweist darauf, dass man Asylbewerber mit Integrationsangeboten leichter erreiche, „wenn man viele von ihnen an einem Fleck antrifft, als wenn man zu 20 einzelnen Häusern fahren muss“. Das zeigen Janker zufolge die Erfahrungen aus dem „Jodquellenhof“, wo zum Beispiel die Jugendförderung regelmäßig mit einem Freizeitangebot vor Ort ist. „Das muss man dann eben abwägen gegenüber der Gefahr der Ghettobildung“, sagt der Rathauschef.

Die Konzentration auf größere Unterkünfte hätte einen Nebeneffekt: Sie stehen in der Regel eher in den Städten und größeren Gemeinden. „Das würde dem Grundtenor im Landkreis widersprechen, dass sich durch die Gemeindequote jede Kommune aufgerufen fühlt, Plätze zu schaffen“, warnt Werner Weindl.

Eine höhere Belastung für Bad Tölz befürchtet Janker unterdessen nicht. „Mit etwa 400 Asylbewerbern sind wir jetzt schon bei einer Zahl, dass man sagen kann: Wir haben unseren Job gemacht.“ Werde zum Beispiel die Unterkunft für 170 Personen auf der Flinthöhe fertig, dann würden dort keine zusätzlichen Flüchtlinge einziehen, sondern es werde im Gegenzug der „Jodquellenhof“ geräumt.

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