Prof. Martin Lechner Kreisvorsitzender der Lebenshilfe
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Prof. Martin Lechner Kreisvorsitzender der Lebenshilfe

Serie WIE GEHT’S?

Prof. Martin Lechner blickt auf das Jubiläumsjahr der Tölzer Lebenshilfe zurück

Im Sommer 1970, also vor 51 Jahren, ist in Bad Tölz die Kreisvereinigung der Lebenshilfe gegründet worden, die seither in verdienstvoller Weise ein breites Angebot von Einrichtungen und Diensten für Menschen mit Behinderung in unserem Landkreis aufgebaut hat. Alle geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten im vergangenen Jahr mussten angesichts der Corona-Pandemie abgesagt werden. Aber auch bei der Betreuung und Förderung der ihr anvertrauten Menschen stand die Lebenshilfe in diesem so außergewöhnlichen Jahr vor riesengroßen Herausforderungen, wie Lebenshilfe-Kreisvorsitzender Prof. Martin Lechner im Interview berichtet.

Herr Lechner, wie haben Sie, wie hat die Lebenshilfe das Corona-Jahr erlebt?

Es war ein Auf und Ab der Gefühle, der Sorgen und der Hoffnungen. Ich bin froh und dankbar, das Jahr einigermaßen körperlich gesund und mental unversehrt überstanden zu haben.

Wie hat diese Zeit das Leben in den Einrichtungen verändert?

Sehr stark! Die Wohnheime waren lange Zeit für Besucher gesperrt. Viele gängige Maßnahmen und Angebote mussten abgesagt werden. Die Oberland-Werkstätten hatten mehrere Monate Betretungsverbot. Die Angestellten hielten trotzdem die Lieferketten aufrecht.

Welche Herausforderungen ergaben sich aus der Fürsorgepflicht für Menschen mit Behinderung und für das Personal?

Überall wurden strenge Hygienekonzepte entwickelt und eingeführt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten einen erschwerten Arbeitstag aufgrund der Maskenpflicht und des Ansteckungsrisikos. Abstand halten ist ja in der Betreuung und Pflege unserer Bewohner schwierig.

„Ein Auf und Ab der Gefühle“

Gab es Erkrankte, und wie geht es denen heute?

Ja, es gab auch bei uns positive Testergebnisse und Erkrankte sowohl bei Mitarbeitern als auch bei Betreuten. Gott sei Dank kam es bisher zu keinem gravierenden Ausbruch in einer Einrichtung oder zu Todesfällen. Die meisten sind wieder wohlauf.

Welche praktischen Probleme ergaben sich bei der Betreuung?

Zu Beginn der Pandemie war es schwierig, ausreichend Schutzmaterial zu bekommen. Aber wir hatten eine gute Unterstützung seitens des Landratsamts und Gesundheitsamts. Die Kosten aber belasten uns enorm. So müssen wir derzeit zirka 40 000 Euro monatlich für die angeordneten wöchentlichen Schnelltests ausgeben.

Wie konnte man Menschen mit Behinderung das Ausmaß der Bedrohung verständlich machen, und was bedeuteten die Restriktionen für sie auf emotionaler Ebene?

Unsere Mitarbeiter haben eine sehr einfühlsame Aufklärungsarbeit geleistet und dafür auch viel Verständnis geerntet. Und sie haben alles getan, um die Belastungen der Isolation klein zu halten – sowohl intern wie hin zu den Angehörigen.

Kosten belasten enorm

Was bedeutete Corona für das große Ziel der Inklusion, also der Einbindung von Menschen mit Behinderung in das öffentliche Leben?

Die Kontaktsperren betreffen alle gleichermaßen – Menschen mit und ohne Behinderung. Von daher sehe ich keine negativen Auswirkungen bezüglich des Ziels der Inklusion, wohl aber hinsichtlich ihrer derzeit möglichen Praxis.

Wie war in dieser schwierigen Zeit Vorstandsarbeit möglich?

Wir haben zuerst die Zahl der Treffen reduziert und sie in unserer Turnhalle abgehalten. In der zweiten Welle sind wir dann zu Online-Sitzungen via Zoom übergegangen. Das klappt sehr gut und ist effektiv. Man spart viel Zeit und kann sich trotzdem gut austauschen.

Corona lässt auch viele Sumpfblüten gedeihen: Coronaleugner, Reichsbürger und Rechtsextreme stellen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Frage. Sind diese Gruppen auch eine Bedrohung für die Lebenshilfe?

Nein, das sehe ich nicht. Gleichwohl gibt es auch bei uns in der Lebenshilfe wie insgesamt in der Gesellschaft unterschiedliche Beurteilungen der gegenwärtigen Krise.

„Lage kann noch nicht abschließend beurteilt werden“

Können Sie der Krise auch etwas Positives abgewinnen?

Noch kann man die Lage nicht abschließend beurteilen. Ich sehe die Chance, dass unser Leben wieder bescheidener wird. Vor allem erhoffe ich mir, dass die überbordenden Ansprüche, Vorschriften und bürokratischen Hürden, die unsere Arbeit stark belasten, aufgrund der Corona-Erfahrung überdacht und reduziert werden.

Und zurück zur Ausgangsfrage: Wie geht’s?

Sehr durchwachsen, aber gedämpft zuversichtlich!

Das Interview führte R. Bannier

In der Reihe

„Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen CoronaZeiten erleben.

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