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Vollendete Tatsachen: Die altehrwürdige Linde an den Kohlstattstraße, für deren Erhalt sich die Nachbarschaft und die Baumschutzkommission stark gemacht hatten, fiel gestern Morgen der MotoOrsäge zum Opfer.

Kohlstattstraße

Protest zum Trotz: 100-jährige Linde gefällt

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Bad Tölz - Die Nachbarn sind schockiert, Grünen-Stadtrat Richard Hoch fühlt sich brüskiert: Eine über 100 Jahre alte Linde an der Kohlstattstraße wurde gestern Morgen auf Anweisung von Bürgermeister Josef Janker gefällt.

Für die Nachbarn kam es völlig überraschend, als am Donnerstag in aller Frühe Mitarbeiter des Tölzer Betriebshofs mit der Motorsäge an der Kohlstattstraße anrückten. Es war gerade einmal 7.30 Uhr, da war der mächtige Stamm einer 100 bis 120 Jahre alten Linde auch schon durchtrennt.

Dabei hatte es noch vor einigen Wochen so ausgesehen, als trage das Engagement für den Erhalt des Baums Früchte. Die Nachbarn hatten in einer Online-Petition gegen die Fällung gestartet. Noch stärker ins Gewicht fiel, dass sich die städtische Baumschutzkommission – bestehend aus Vertretern der Stadtrats-Fraktionen sowie Achim Rücker vom Bund Naturschutz als beratendes Mitglied – für den Erhalt ausgesprochen hatte.

Nun erklärt Bürgermeister Josef Janker, er habe die Möglichkeiten zum Erhalt des Baums geprüft – aber am Ende andere Prioritäten gesetzt. Zum Hintergrund: Der Baum stand auf einem städtischen Grundstück, das an die Baugenossenschaft Lenggries verkauft werden soll. Diese will hier ein Wohnhaus mit Sozialwohnungen errichten. Wo der Baum stand, sind zwei Stellplätze vorgesehen.

Von der Baugenossenschaft und dem Architekten sei nun auf Rückfrage der Stadt die Aussage gekommen, dass sich der Baum während der Bauzeit nicht ausreichend schützen lasse, erklärt Janker. „Man müsste die Krone und auch das Wurzelwerk zurückschneiden, so dass beides mindestens 1,50 Meter von der Hausaußenwand entfernt ist.“ Dabei aber könne der Baum so beschädigt werden, dass er eingehe oder in die Baugrube falle. Eine Alternative sei, das Haus kleiner zu planen. „Das würde bedeuten, dass es drei Zwei-Zimmer-Wohnungen weniger würden“, sagt Janker. „Statt 15 wären es nur noch zwölf Wohneinheiten.“ Unter diesen Bedingungen würde auch der zugesicherte Mietpreis von sieben Euro pro Quadratmeter steigen. „Und es würden zwei Behinderten-Parkplätze entfallen.“ Diesen drei Kriterien habe er gegenüber dem Erhalt des Baums die Priorität eingeräumt so Janker. Stadtbaumeister Hannes Strunz erklärt, die Baugenossenschaft habe erklärt, das Grundstück nicht zu kaufen, falls der Baum stehen bleibt.

Als „Sauerei“ bezeichnet Richard Hoch die Baumfällung. „Die Stadt hat Tatsachen geschaffen, ohne vorher den Dialog zu suchen.“ Wie die anderen Mitglieder der Baumschutzkommission hatte die Stadt auch Hoch vor gut einer Woche über die beabsichtigte Fällung und die Begründung dafür informiert. „Ich habe widersprochen“, sagt Hoch. Seiner Ansicht nach hätte es andere Möglichkeiten gegeben, den Baum zu erhalten, „zum Beispiel durch eine geringfügige Drehung des Baukörpers“. Das ist aus Jankers Sicht aber nicht möglich, weil der Bau „abstandsmaximiert“ sei: Wegen der vorgeschriebenen Abstände zu den Nachbargebäuden könne man ihn nicht verschieben oder drehen. Nach dieser Antwort mailte Hoch gestern noch einmal an dem Bürgermeister. Das nächste, was er hörte, war gestern ein Anruf von Anwohnern. Da war der Baum schon gefällt.

Diese Vorgehensweise empfindet Hoch als „unverschämt“. Seiner Ansicht nach hätte der Beschluss der Baumschutzkommission nur durch einen Beschluss des Bauausschusses aufgehoben werden können. Wenn die Kommission aber derart übergangen werde, verkomme sie „zur reinen Alibiveranstaltung. Dafür ist mir meine Zeit zu schade. Ich bin schwer am Überlegen, wie wir die Zusammenarbeit künftig noch gestalten können.“ Zur Eile habe bei der Fällung gar kein Grund bestanden. Die Stadt habe wohl vollendete Tatsachen schaffen wollen, statt Zeit für weitere Diskussionen zu gewähren.

Zeitdruck habe bei der Fällung tatsächlich nicht geherrscht, räumt Janker ein. „Der Betriebshof hat eben jetzt gerade Kapazitäten, es liegt kein Schnee, und es musste vor Ende Februar gemacht werden.“ Der Bürgermeister verweist darauf, dass die Baumschutzkommissionnur beratende Funktion habe. Zudem hätten auf die E-Mail mit der Ankündigung der Fällung die Kommissionsmitglieder Michael Lindmair (FWG) und Robert Paintinger (CSU) zugestimmt. Margot Kirste (FWG) und Jürgen Renner hätten keine Rückmeldung gegeben.

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