Woche der seelischen Gesundheit

Psychisch krank: „Die Krankheit wird immer ein Teil von mir sein“

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
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Eine psychische Erkrankung ist für viele Menschen immer noch ein Stigma. Das soll sich im Tölzer Land ändern - auch durch mehr Aufklärung.

Bad Tölz-Wolfratshausen –  „Es besteht Angst, wenn jemand psychisch krank ist“, ist die Erfahrung, die Christel Hansing gemacht hat. Sie leitet den „Montagsclub“, eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit psychischer Erkrankung. Betroffene würde daher oft zu einer Notlüge greifen. „Man kann sagen, dass man an Burn-out leidet, nicht an einer Psychose.“

Hansing und weitere Mitglieder des Steuerungsverbunds Psychische Gesundheit (SPG) sowie Betroffene trafen sich anlässlich der Woche der seelischen Gesundheit im Landratsamt, um sich auszutauschen – auch über die Artikelserie „Wenn die Seele krank ist“, die der Tölzer Kurier seit einigen Wochen veröffentlicht. Den Anstoß dazu gab Rainer Müller. Er leidet an einer bipolaren Störung. Er geht offen damit um, hat aber festgestellt, „dass selbst Freunde nicht darüber reden wollen, wenn ich ihnen davon erzähle“. Es gebe auch oft kein Verständnis von nicht Betroffenen, „weil sich die Menschen nicht hineinversetzen können. Sie verstehen nicht, wie man morgens nicht aufstehen kann, glauben, wenn man sich zusammenreißt, dann geht das schon“, ergänzte Hansing. Müller versucht, das durch anschauliche Beschreibungen seines Zustands zu ändern. Das Wort „manisch-depressiv“ sei dafür nicht geeignet, weil die Begriffe einfach negativ belegt seien. Er beschreibt seine bipolare Störung so: „Stellen Sie sich vor, Sie verbrennen Holz, Holz, Holz – die ganze Zeit. Solange können Sie auch ohne Unterbrechung arbeiten – bis das Holz aus ist. Dann wird es so kalt, dass Sie morgens nicht aufstehen können.“

Hansing wünscht sich mehr Kontakt zwischen gesunden und psychisch kranken Menschen. Nur so könne das Verständnis wachsen. „Wir sind noch ganz weit weg davon, dass ein Besuch beim Psychologen normal ist“, bestätigte SPG-Vorstandsmitglied Oliver-Arnold Gießler-Fichtner. „Deshalb gehen ja auch viele lieber damit zum Hausarzt, um nicht stigmatisiert zu werden“, so Hansing.

„Die Krankheit ist nur ein Teil von mir“

Auch Autorin Viola Huber (35), die während ihrer Berufsausbildung zur Kinderpflegerin an paranoider Schizophrenie erkrankte, wünscht sich einen normaleren Umgang. „Ich habe festgestellt, wenn man den Leuten seine Krankheit erklärt, verstehen sie, dass das nicht so schlimm ist“, sagt sie. „Und die Leute, die Angst vor uns haben, weil wir psychisch krank sind, sollten sich mal überlegen, wie es den Menschen geht, die krank sind und nicht verstehen, was mit ihnen passiert.“

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Dass andere ihre Krankheit verstehen, „das war nie mein Anspruch“, sagte Tanja Buburas. Eine Angststörung riss sie vor einigen Jahren im Prinzip mitten aus dem Leben. Heute hat sie gelernt, mit den Panikattacken umzugehen. Sie spricht offen über ihre Krankheit. „Ich muss das aber auch nicht wie ein Schild vor mir hertragen. Es wird immer ein Teil von mir sein, aber es ist eben nur ein Teil.“ Ihr gehe es eher darum, anderen Betroffenen die Möglichkeiten aufzuzeigen und den Blick nach vorne zu richten. Ihre eigene Geschichte ist dabei ein gutes Vorbild: Buburas steht wieder mitten im Leben. Heute macht sie die Öffentlichkeitsarbeit für den Real-Verbund Isarwinkel. „Diese Botschaft, dass man gesunden und gut damit leben kann – das kommt mir oft zu kurz“, ergänzte SPG-Vorstandsmitglied Rosi Schnitzenbaumer. Viel zu verbreitet sei noch die Angst, dass man für immer in der Psychiatrie verschwinde, wenn man sich seinen Problemen stellt. Und wenn man dafür den Mut aufbringe, „darf es nicht so sein, dass man drei Monate auf einen Therapieplatz wartet“, kritisierte Schnitzenbaumer.

Mit dem Zeitungsartikel in die Praxis

Schnelle Hilfe finden Betroffene beim Krisendienst Psychiatrie, den Heike Hohenstatt vorstellte. Zwischen 9 und 24 Uhr ist der Telefonnotdienst besetzt. Er hilft entweder im direkten Gespräch, vermittelt an geeignete Hilfsangebote oder schickt in sehr dringenden Fällen auch ein Fachkräfteteam. Geplant ist der Ausbau zu einer 24-Stunden-Erreichbarkeit

Dass auch die Artikel-Serie im Tölzer Kurier etwas bewegt, bestätigte SPG-Vorsitzender Dr. Arnold Torhorst, der die Serie zusammen mit Rainer Müller angestoßen hatte. Eine Frau sei beispielsweise mit einem der Artikel in der Hand zu ihm in die Praxis gekommen. „Sie hat gesagt: ,Das hat mein Mann ausgeschnitten und mir gesagt, ich soll mal zum Arzt gehen‘“, schilderte Torhorst. „Und der Mann hatte Recht: Die Frau hatte Depressionen. Mit Medikamenten geht es ihr nun blendend.“

Krisentelefon

Der Krisendienst Psychiatrie ist täglich zwischen 9 und 24 Uhr unter der Telefonnummer 01 80/6 55 30 00 erreichbar.

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Rubriklistenbild: © Christian Charisius

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