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Trotz Reform

Psychische Probleme müssen warten

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Statistisch gesehen gibt es mehr als genug niedergelassene Psychotherapeuten im Landkreis. Tatsächlich müssen Hilfesuchende bis zu einem halben Jahr warten, ehe sie einen Therapieplatz bekommen. Neue Angebote wie feste Sprechstunden sollen die Situation entschärfen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Wer sich entschließt, eine Psychotherapie zu machen, steht in der Regel unter einem großem Leidensdruck. Diese innere Not zu spüren und den Betroffenen trotzdem sagen zu müssen, dass sie zwischen drei und sechs Monaten warten müssen, ehe sie überhaupt mit einer Therapie beginnen können, fällt Dr. Michael Heinisch schwer, wie er sagt. Doch dem Tölzer Psychotherapeuten und den meisten seiner Kollegen im Landkreis bleibt nichts anderes übrig. „Der Bedarf hier ist wesentlich höher als das Angebot“, sagt Heinisch.

Dabei sagen die Zahlen etwas anderes. Auf 124 930 Einwohner im Landkreis kommen 40 niedergelassene Psychotherapeuten mit Kassenzulassung. Der sogenannte Versorgungsgrad liegt damit bei 189 Prozent. Ab 110 Prozent gilt eine Region als überversorgt. Das heißt, dass neue Therapeuten nicht zugelassen werden dürfen. Diese Bedarfsplanung ist aus Sicht von Dr. Claudia Ritter-Rupp allerdings veraltet und müsste dringend überarbeitet werden, um den Patienten einen schnelleren Zugang zu einer Psychotherapie zu ermöglichen. Nicht nur in der Region, sondern im gesamten Freistaat. Denn: „Eine Nicht-Behandlung kann zu einer Verstärkung psychischer Probleme und psychosomatischer Beschwerden führen, die wiederum einen erhöhten Behandlungsbedarf nach sich ziehen“, warnt die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB).

Inzwischen hat der Gesetzgeber reagiert. Seit Kurzem gilt ein neues Gesetz, wonach niedergelassene Psychotherapeuten mit Kassenzulassung eine „psychotherapeutische Sprechstunde“ anbieten müssen. 100 Minuten pro Woche sind dafür vorgesehen, wenn die Behandelnden einen vollen Versorgungsauftrag haben. Ziel ist es, die Wartezeiten für die Patienten zu verkürzen. Laut KVB-Pressesprecherin Birgit Grain sollen Hilfesuchende innerhalb von vier Wochen zumindest einen Termin für ein Erstgespräch bekommen. In 25 Minuten soll unter anderem abgeklärt werden, ob der Patient eine Psychotherapie benötigt oder ob ihm mit anderen Unterstützungsangeboten wie einer Familienberatungsstelle geholfen werden kann.

Die Therapeuten können selbst entscheiden, ob sie eine offene Sprechstunde anbieten oder ob die Patienten vorher telefonisch einen Termin vereinbaren müssen. Zu diesem Zweck muss der Therapeut oder eine Sprechstundenhilfe mindestens 200 Minuten pro Woche telefonisch erreichbar sein. Auch diese Richtlinie ist neu, weil es in manchen Praxen bislang schwer war, außer einem Anrufbeantworter jemanden an den Apparat zu bekommen.

Was zunächst gut klingt, ist aus Sicht der Bundespsychotherapeutenkammer allerdings ziemlich sinnlos. Denn eine Therapie könne die neue Sprechstunde trotzdem nicht ersetzen. Und auf deren Beginn muss der Patient schließlich trotzdem weiterhin zum Teil sehr lange warten, weil die Plätze rar sind. Zwar gibt es ganz neu auch die Möglichkeit, an eine solche Sprechstunde bei Bedarf eine „Akutbehandlung“ anzuschließen. Die wird von den Krankenkassen aber etwas schlechter honoriert als eine normale, langfristig angelegte Therapie. Dieser finanzielle Nachteil gilt übrigens auch für die psychotherapeutische Sprechstunde. Dadurch ist es aus Sicht der KVB für die Therapeuten nicht gerade attraktiv, diese neuen Angebote auch wirklich in ihren Praxen anzubieten.

Für Dr. Heinisch ist diese geringere Vergütung zweitrangig. Ihm geht es darum, den Menschen tatsächlich einen schnelleren und leichteren Zugang zu einer psychotherapeutischen Behandlung zu ermöglichen. Und dafür gibt es dem Tölzer Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie zufolge nur eine Möglichkeit: „Es müssten einfach mehr Therapeuten zugelassen werden.“

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