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Ein Leben fürs Puppenspiel: Bernhard Leismüller mit einer Marionette vor dem Wahrzeichen Lindaus, der Hafeneinfahrt mit dem „Lindauer Löwen“ und dem Leuchtturm.

Jubiläum

Puppenspieler aus Reichersbeuern findet am Bodensee sein Glück

Beim Marionettentheater in Bad Tölz leckte er einst Blut und erlernte sein Handwerk. Mittlerweile leitet Bernhard Leismüller seit 20 Jahren erfolgreich ein Spielhaus.

Reichersbeuern/Lindau– Endlich dürfen die Puppen wieder tanzen. Nach der Coronabedingten dreimonatigen Pause inklusive finanzieller Durststrecke freuen sich Bernhard Leismüller und sein 14-köpfiges Ensemble von der Lindauer Marionettenoper nun auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs – auch wenn infolge der Einschränkungen vorerst nur ein Drittel der 98 Plätze im Saal besetzt werden können. Am 19. Juni soll es losgehen. Zum Auftakt in die neue Saison hat Leismüller „Die Zauberflöte“ ausgewählt und hofft, sein Publikum damit aufs Neue verzaubern zu können.

Sein Publikum, das kommt zum Teil auch aus dem Tölzer Land, zu dem der 43-Jährige in besonderer Verbindung steht: Er ist ein gebürtiger Reichersbeurer und dort auch aufgewachsen. Als Kind zog es ihn oft ins Tölzer Marionettentheater. Inspiriert von der Familie eines Schulfreundes bastelte er sich schon damals aus einer großen Pappschachtel ein kleines Theater mit Kulissen sowie einfache Figuren und schrieb sich kurze Stücke dazu.

Mit elf Jahren sah er „Entführung aus dem Serail“ im Tölzer Marionettentheater

Diese Vorliebe wurde bestärkt, als der Bub zu seinem elften Geburtstag von seiner Mutter eine Eintrittskarte für die „Entführung aus dem Serail“ geschenkt bekam. „Die Kombination aus Oper und Marionette hatte ich zuvor noch nicht gekannt. Ich war begeistert“, erinnert sich der Puppenspieler heute an dieses inspirierende Erlebnis.

Über die gelungene Premiere des „Brandner Kaspar“ in Lindau freuten sich auch die aus Sachsenkam stammenden „Bacher-Sängerinnen“, Anni Veitinger (li.) und Margret Wurmseher (3. v. li.). Sie hatten ebenso wie Yvonne Brosch (2. v. li.) bei einer früheren BR-Tonaufzeichnung für dieses Stück mitgewirkt, welche Bernhard Leismüller nun als akustische Grundlage für die Marionetten-Version der Komödie verwendet.

Als er beim Tölzer Marionettentheater mitspielen wollte hatte die damalige Spielleiterin Traudl Eisen zunächst Bedenken. Er schien ihr zu jung, war ja noch ein Kind. Doch schließlich ging sein Wunsch doch in Erfüllung: Aus einem Einsatz als Vertretung für ein fehlendes Mitglied wurde ein fester Platz im Ensemble.

Auf zuerst noch einfachere Aufgaben folgten immer anspruchsvollere Rollen – wie etwa 1995 die Premierenbesetzung des Tamino aus der „Zauberflöte“. Dazu kamen wachsende Verantwortlichkeiten im Spielbetrieb. Zugleich übte sich Leismüller im Marionettenbau, angeleitet vom seinerzeitigen künstlerischen Leiter der Tölzer Bühne, Oskar Paul. „Seine Kreativität und Darstellungsart sind mir bis heute Vorbild“, sagt Leismüller.

Um ein Haar wäre Bernhard Leismüller Chef des Tölzer Marionettentheaters geworden

Als „Hauptberuf“ entschied sich der junge Reichersbeurer für eine Ausbildung zum Floristen. Im Anschluss folgte der Zivildienst. Und just um diese Zeit ergab sich die Notwendigkeit, die Leitung der Tölzer Marionettenbühne neu zu besetzen. Ein Vorstellungsgespräch beim Bürgermeister brachte ihm zwar eine mündliche Zusage ein, doch letztlich fiel die Wahl auf einen anderen Bewerber.

Was folgte, beschreibt Leismüller im Rückblick als „unschöne Entwicklung“: Nach anfänglichen Bemühungen um gute Zusammenarbeit knirschte es schon bald zwischen dem ehrenamtlichen Ensemble und dem neuen Chef, dessen Umgang mit dem Team als schwierig bezeichnet wurde. Als die Stadt dennoch seinen Vertrag verlängerte, trat das Ensemble zurück. Als neue Spieler kamen daraufhin Albert Maly-Motta und Karlheinz Bille ins Boot, die, nachdem die Stadt dem Leiter schließlich doch kündigte, die Führung übernahmen und eine neue Mannschaft aufbauten. „Mit diesen beiden habe ich einen schönen, freundschaftlichen Kontakt“, sagt Leismüller.

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Er selbst entschloss sich in jener Situation, seine Berufung tatsächlich zum Beruf zu machen – am besten mit einem eigenen Theater. Als Standort fasste er Lindau ins Auge – und diese Vision sollte mit Unterstützung der damaligen dortigen Kulturamts-Leiterin Wirklichkeit werden.

Marionettenoper Lindau feiert im Herbst 20. Geburtstag

20 Jahre ist das nun schon her. Die Lindauer Marionettenoper hat sich seitdem bestens entwickelt: „Wir spielen etwa 120 Vorstellungen pro Jahr und haben eine Auslastung von etwa 96 Prozent. Dafür bin ich dankbar“, schildert der Bühnenchef. An die 500 selbst gebaute Puppen gehören inzwischen zur Ausstattung. Seit zehn Jahren gibt es außerdem auch eine mobile Bühne, die Gastspiele ermöglicht.

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In der Beliebtheitsskala weit oben steht unter anderem die hintersinnige Geschichte vom Brandner Kaspar und dem ewigen Leben. Die Corona-Krise hat zwar ein Loch in die Kasse gerissen, doch sei man mit den gebotenen Hilfsmaßnahmen, Online-Aufführungen und dem rührig um Spenden bemühten Förderverein bislang einigermaßen über die Runden gekommen.

Jetzt fiebert das Ensemble dem Neubeginn entgegen, Zusatzvorstellungen sind eingeplant. Ein besonderes Augenmerk liegt überdies auf der für den Spätherbst vorgesehenen Geburtstagsfeier. „Zu unserem 20-jährigen Bestehen wollen wir mit der Mozart-Oper ,Die Entführung aus dem Serail‘ erstmals ein Stück mit live auftretenden Sängern und Orchester darbieten. Das wäre natürlich ein Höhepunkt. Wir hoffen sehr, dass dieses Highlight stattfinden kann“, so Leismüller. Vielleicht dann auch mit Publikum aus dem Tölzer Land.

Kontakt

Lindauer Marionettenoper, Fischergasse 37, 88131 Lindau, Telefon 08382/9113915, E-Mail info@marionettenoper.de

Rosi Bauer

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