Reaktionen aus dem Tölzer Land

Brexit: „Es ist schrecklich“

  • schließen
  • Volker Ufertinger
    Volker Ufertinger
    schließen

Bad Tölz - Es ist kaum zu fassen, aber es ist geschehen: Großbritannien verlässt die Europäische Union (EU). Die Briten im Landkreis sind fassungslos, die heimischen Wirtschaftsvertreter warten erst mal ab, machen sich aber durchaus auch Sorgen.

Vanessa Magson-Mann ist entsetzt über das Votum. Seit vier Uhr morgens war die Ickingerin wach, um auf BBC die Geschehnisse zu verfolgen. Als das Ergebnis feststand, war an Schlaf nicht mehr zu denken, so aufgewühlt war sie. „Es ist eine Tragödie“, sagt sie. In den 25 Jahren, in denen sie in Deutschland lebt, hat sie ihre Landsleute und deren bisweilen exzentrisches Verhalten verteidigt. Und jetzt? „Zum ersten Mal in meinem Leben schäme ich mich, Britin zu sein. Es ist schrecklich.“

Die Ickingerin ist sich sicher, dass die Entscheidung größte Konsequenzen für ihr Mutterland hat. „Viele dachten wohl, sie würden die Kontrolle wieder erlangen. Aber in Wirklichkeit haben sie die Kontrolle verloren.“ England werde bald merken, dass es keine Insel mehr ist, sondern Teil einer globalen Welt. Der Autohersteller Nissan habe schon angekündigt, alle Werkstätten zu schließen. „Und das ist erst der Anfang.“

Besonders leid tut es ihr um die jungen Leute. Davon haben nach ersten Analysen 75 Prozent für den Verbleib gestimmt. Doch sie wurden überstimmt und werden jetzt damit leben müssen, dass sich Großbritannien ins Abseits manövriert hat.

Auch Mark Haddow erreichte die schlechte Nachricht am frühen Freitagmorgen, nachdem er am Abend zuvor noch in der Hoffnung ins Bett gegangen war, dass sich die Briten für einen Verbleib in der EU aussprechen würden. Dass das Votum am Ende doch negativ ausgefallen ist, bestürzt den Tölzer Zahntechniker-Meister mit schottischen Wurzeln. „Ich bin entsetzt und kann die Entscheidung nicht nachvollziehen,“ fasst Haddow seine Gefühlslage zusammen. Das Ergebnis des Referendums sei eine Katastrophe für die Wirtschaft, deren Folgen noch niemand absehen könne.

Als britischer Staatsbürger, der seit zirka 40 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, könnte das Votum aber auch für ihn persönlich folgenschwere Konsequenzen haben, weshalb sich Haddow überlegt, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. „Ich werde erst einmal abwarten, wie sich alles entwickelt, sammle aber schon mal alle Dokumente zusammen.“

Auch David Warham aus der Jachenau wird wohl demnächst Asyl beim Landratsamt beantragen, wie es der Schotte scherzhaft ausdrückt. Dabei ist dem 71-Jährigen eigentlich gar nicht nach Witzen zumute. „Ich bin ganz traurig und sehr überrascht über den Ausgang des Referendums. „Das ist ein schlechter Tag für Großbritannien.“

Hubert H. Löcherer geht noch einen Schritt weiter: „Der Brexit ist für Europa ein schwerer Schlag“, sagt der Generalbevollmächtigte der Kochler Maschinenbau-Firma Dorst Technologies. „Lassen Sie noch TTIP scheitern, und Europa als eine handels- und wirtschaftspolitische Kraft wird es nicht mehr geben.“ Zwar sind die Geschäftsbeziehungen von Dorst Technologies nach Großbritannien minimal. Dennoch hätte ein Austritt der Briten aus der EU Auswirkungen auf den gesamten europäischen Markt – und der ist enorm wichtig für das international tätige Unternehmen.

Genaue Exportzahlen für den Landkreis gibt es übrigens nicht, aber: „Wir wissen, dass der Export im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sprunghaft wächst und nehmen an, dass dabei auch England eine Rolle spielt“, sagt Reinhold Krämmel, Vorsitzender des Regionalausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK). Grundsätzlich sei festzuhalten, dass Großbritannien nach den USA der zweitwichtigste Auslandsmarkt für die bayerische Exportwirtschaft ist. „Dies dürfte sich auch in den Regionen widerspiegeln.“

Praktisch keine Konsequenzen hat der Brexit dagegen für die Sparkasse. „Die Folgen sind höchstens indirekt, weil unsere Kunden betroffen sind“, sagt Pressesprecher Willi Streicher. „Wir werden beobachten, wie die Politik nun reagiert und welche Folgen diese Politik für die Banken hat.“

Rubriklistenbild: © AFP

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Next to Nothing“ heute in Lenggries
„Next to Nothing“ heute in Lenggries
Tölzer Eisstadion: Schnuppertag für kleine Puckjäger
Ist Eishockey die richtige Sportart für mich? Um das herauszufinden, können Kinder ab vier Jahre am Dienstag, 28. Februar, oder Donnerstag, 2. März, in die schnellste …
Tölzer Eisstadion: Schnuppertag für kleine Puckjäger

Kommentare