Wegen der „massiven Angriffe“ beantragte der Staatsanwalt unter Einbeziehung eines früheren Urteils eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.
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Wegen der „massiven Angriffe“ beantragte der Staatsanwalt unter Einbeziehung eines früheren Urteils eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.

Vor Gericht

Rentner wütet „wie ein Berserker“: Polizistin geschlagen, getreten und gebissen

  • vonRudi Stallein
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Ein Leben lang war der Mann ein Musterbeispiel für einen unbescholtenen Bürger. Das änderte sich mit einem dramatischen Wandel der Lebensumstände des heute 74-jährigen Tölzers. Nun stand er vor Gericht.

Bad Tölz/Wolfratshausen – Nach der Scheidung von seiner zweiten Frau rutschte der vormals erfolgreiche Handelsvertreter in die Obdachlosigkeit ab. Essen holte er sich von der Tafel, nachts durchstöberte er die Abfallkörbe der Stadt nach Pfandflaschen. 2016 kam es zu ersten Straftaten: versuchter Diebstahl, Beleidigung, Körperverletzung. Als die Polizei ihn im Sommer 2019 verdächtigte, betrunken und ohne gültigen Führerschein Auto gefahren zu sein, rastete der Senior völlig aus. Nun musste er sich wegen tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte, versuchter und vorsätzlicher Körperverletzung, Beleidigung, fahrlässiger Trunkenheit und Fahrens ohne Fahrerlaubnis vor Gericht verantworten. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten verurteilt, die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

„Die Eskalation tut ihm sehr, sehr leid“, erklärte Verteidiger Christian Beil. „Er hat sich verhalten wie ein Berserker.“ Inzwischen sehe sein Mandant ein, dass es sein eigenes Verschulden war. „Er hätte einfach kooperieren sollen, dann wäre nichts passiert.“ Doch dazu war der Mann, dem eine Psychiaterin ein „gewisses Dominanzstreben“ und „erhöhte Kränkbarkeit“ attestierte, nicht in der Lage, als am 12. Juni 2019 gegen 11.30 Uhr die Polizei vor der Tür stand. Er soll an jenem Tag auf einem Supermarktparkplatz in alkoholisiertem Zustand beim Einparken ein fremdes Auto beschädigt haben und davongefahren sein.

Als er mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, rastete der Rentner völlig aus. Er schlug und trat um sich, beleidigte die Beamten, spuckte einer Polizistin ins Gesicht, versuchte, in ihre Hand zu beißen. Auf die Frage des Staatsanwalts, wo sie den Auftritt des Angeklagten auf einer „Widerstandsskala von eins bis zehn“ einordne, antwortete eine Polizistin: „Er hat schon sieben geboten.“

Vor Gericht bedauerte der Mann sein Verhalten. „Ich entschuldige mich dafür“, sagte er. „Aber“, ergänzte er im Hinblick auf die Schilderungen der Beamtin, „ganz so stimmt es nicht“.

Diesen Nachsatz konnte er sich auch im zweiten Anklagepunkt nicht verkneifen. Zehn Tage nach der wüsten Rauferei war der Mann gegenüber der Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin handgreiflich geworden. Die 39-Jährige hatte ihn bezichtigt, er habe das Handy der Mutter „verschwinden lassen“. Daraufhin sei es zum Streit gekommen und der Mann völlig ausgerastet. Vom ersten Schlag sei sie zu Boden gegangen und habe es nicht geschafft, aufzustehen. „Ich kam mir vor wie in der Waschmaschine. Er schlug ständig. Wenn ich versucht habe hochzukommen, habe ich wieder einen Schlag bekommen“, sagte die Frau. Im Gerangel habe der Mann ihr auch brutal in die Finger gebissen. „Was ist denn da in Sie gefahren?“, fragte nicht nur der Staatsanwalt.

Wegen der „massiven Angriffe“ beantragte er unter Einbeziehung eines früheren Urteils eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Für den Verteidiger war der dramatische Wandel der Lebensumstände seines Mandanten ursächlich für dessen Ausraster. „Es erklärt vielleicht ein bisschen seine Aggression und Verzweiflung“, so der Anwalt. Er habe ein Leben lang geschuftet, erklärte der ehemalige Handelsvertreter in seinem letzten Wort. Am Ende sei er belogen und um 1,5 Millionen Euro betrogen worden. „Das haben meine Nerven nicht mehr mitgemacht“, sagte der 74-Jährige. „Und die Haft hat mir den Rest gegeben.“ Weil er eine frühere Geldstrafe nicht zahlen konnte, hatte er heuer eine mehrwöchige Ersatzfreiheitsstrafe absitzen müssen.

„Was da passiert ist, überschreitet das Maß alles Vorstellbaren“, hielt Richter Helmut Berger dem Rentner vor. Er verurteilte ihn zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 19 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt ist. Als Auflage muss er an die Polizisten 100 beziehungsweise 200 Euro Schmerzensgeld bezahlen sowie 400 Euro an die Tochter seiner Ex-Freundin.

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