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Umringt von Kindern: So dramatisch wie der Einsatz Ende August 2015 sind nicht alle Arbeitstage von Christina Jaud, die inzwischen bei der Polizei in Murnau arbeitet.

Rettungsmedaille für Tölzer Polizistin

Frau aus brennender Wohnung gezogen

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Bad Tölz - Unter Einsatz ihres eigenen Lebens hat Christina Jaud aus Bad Tölz letzten Sommer eine Weilheimerin aus deren brennender Wohnung gerettet. Dafür bekommt sie am Mittwoch die Bayerische Rettungsmedaille verliehen.

Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes hatten die Hoffnung schon aufgegeben. „Sie sagten: ,Da kann man nicht mehr reingehen‘“, erinnert sich Christina Jaud. Zu dick war der Rauch, der aus der offenen Terrassentür des Ein-Zimmer-Appartements an der Sondermayerstraße in Weilheim qualmte. Dennoch zögerte die Polizistin aus Bad Tölz keine Sekunde, ließ sich auf den Boden fallen und kroch unter den halb heruntergelassenen Rollläden in das Flammeninferno – ohne Atemschutz.

„Im Nachhinein habe ich mir schon gedacht: ,Was hast Du denn da gemacht?‘“, gibt Jaud zu. Ein Feuerwehrmann sagte ihr später: „Zwei Atemzüge, und Sie wären tot gewesen.“ Es blieb bei einer leichten Rauchvergiftung, weil Jaud wusste, dass sie nahe am Boden bleiben musste, wo der Rauch noch nicht schwarz war. Über die Gefahren nachgedacht hat sie während des Einsatzes Ende August 2015 aber nicht groß. „Das war eher eine Kurzschlussreaktion“, sagt Jaud. „Ich wusste: Wenn ich nicht reingehe, stirbt der Mensch da drin.“

Für dieses selbstlosen Einsatz, bei dem sie ihr eigenes Leben riskiert hat, wird die 27-Jährige am morgigen Mittwoch von Ministerpräsident Horst Seehofer mit der Bayerischen Rettungsmedaille ausgezeichnet – zusammen mit 86 anderen Lebensrettern aus ganz Bayern. „Ich habe mich total gefreut, als ich davon erfahren habe“, sagt Jaud. Zumal sie von der damals 48 Jahre alten Frau nie wieder etwas gehört hat. Übel nimmt Jaud ihr das aber nicht. „Für mich ist nur wichtig, dass sie überlebt hat.“

Ohne die Tölzerin und deren Kollegen Jean-Philippe Postruzin hätte die Frau allerdings keine Chance gehabt. „In der Wohnung war alles voller Rauch, sehen konnte ich überhaupt nichts.“ Deshalb schlug Jaud immer wieder mit der Hand auf den Boden und schrie „hierher, hierhier!“, während ihr der Rauch in den Augen und in der Lunge brannte. Sie selbst wurde durch ihren Partner gesichert, der sie am Fuß festhielt, damit er sie bei Bedarf wieder hätte herausziehen können.

Plötzlich bekam Jaud selbst einen Fuß zu fassen: Durch das Adrenalin aufgeputscht, gelang es der zierlichen Polizistin, die Frau in Richtung Terrassentür zu ziehen, obwohl diese deutlich schwerer war als sie selbst. „Wenn sie nicht irgendwann mitgeholfen hätte, hätte ich es aber nicht geschafft.“ Die Weilheimerin war nämlich vom Rauch so benommen, dass sie nur teilnahmslos auf dem Boden saß. Zusammen mit Postruzin gelang es Jaud schließlich, die Frau ins Freie zu bringen.

Insgesamt dauerte die Aktion vielleicht eine halbe Minute – und hätte auch keine Sekunde länger dauern dürfen: Kaum, dass die beiden Frauen die inzwischen lichterloh brennende Wohnung verlassen hatten, rissen durch die sengende Hitze die Rollos und versperrten den rettenden Ausweg. „Das war wirklich wie im Film“, sagt Jaud.

Zeit, sich über ihren Erfolg zu freuen, blieb der Polizistin nicht: Denn die kleine Wohnung war Teil eines Mehrparteienhauses, auch die anderen Bewohner mussten evakuiert werden. „Ich bin um die Ecke gerannt und habe Sturm geklingelt, damit die Leute rauskommen.“ Einer älteren Dame aus einer Dachgeschosswohnung half Jaud noch beim Treppensteigen, dann überließ sie der Feuerwehr das Löschen der Flammen.

Die sind wohl ausgebrochen, weil die Frau vergessen hatte, den Herd auszuschalten. Während des Kochens war sie laut Jaud wohl müde geworden und hatte sich schlafen gelegt. Irgendwann fingen schließlich das Regal über dem Herd und diverse andere Gegenstände in der Nähe des Elektrogeräts Feuer. Die Weilheimerin erlitt eine schwere Rauchvergiftung und musste mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden.

Sie hat überlebt – dank Jaud und ihrem Kollegen, die an diesem Tag beide in der Weilheimer Polizeiinspektion Dienst hatten. Das Gebäude liegt Luftlinie nur etwa 200 Meter vom Unglücksort entfernt, schätzt Jaud, sodass die beiden Beamten schnell vor Ort waren. Als Heldin fühlt sich die Tölzerin trotz ihres selbstlosen Einsatzes übrigens nicht: „Ich bin nur meinem Instinkt gefolgt.“

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