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Leitet die neue Traumastation an der Tölzer Schlemmer-Klinik: Diplom-Psychologin Dr. Almuth Böhm (37). 

Schlemmer-Klinik

Der Kampf mit dem grünen Kaninchen

Bad Tölz – Sie ist 2010 an die Tölzer Stefanie-von-Strechine-Straße umgezogen, hat 130 Betten und gilt als eine der führenden Einrichtungen zur Behandlung psychischer Krankheiten. Nun hat die CIP Klinik Dr. Schlemmer eine neue Abteilung eröffnet. Frauen, die durch sexuellen Missbrauch traumatisiert sind, finden hier systematische Hilfe.

Das Beispiel eines grünen Kaninchens hilft Dr. Almuth Böhm, ihre Arbeit zu erklären. „Wenn ich Ihnen sage, Sie dürfen jetzt zwei Minuten lang auf keinen Fall an ein grünes Kaninchen denken, dann werden Sie es garantiert die ganze Zeit vor Augen haben“, sagt die Psychotherapeutin. Bekomme man aber gesagt, man dürfe ein fiktives grünes Kaninchen keinen Moment aus den Augen lassen, dann passiere das Gegenteil. „Die Gedanken schweifen ab, irgendwann haben Sie es vergessen.“

So ähnlich sei es auch mit der Aufarbeitung eines Traumas. Wer dessen Ursache beständig zu verdrängen versucht, der wird es erst recht nicht los. Um wieder frei für andere Themen zu werden, müsse man sich mit seinem Trauma auseinandersetzen.

Einen geschützten Rahmen und professionelle Hilfe dabei bietet seit Anfang des Jahres die CIP Klinik Dr. Schlemmer im Tölzer Badeteil. Patienten mit der Diagnose „posttraumatische Belastungsstörung“ wurden hier zwar auch zuvor behandelt. Jetzt aber gibt es eine eigene Traumastation mit zwölf Plätzen, auf denen Frauen einen zwölfwöchigen stationären Aufenthalt durchlaufen.

Spezialisiert hat sich die Klinik dabei auf eine ganz bestimmte Gruppe: Frauen, die Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, vorwiegend in der Kindheit. „Oft leiden sie unter einer Mehrfachtraumatisierung, weil noch andere Faktoren dazukommen“, erklärt Böhm, die Leiterin der Station. „Das kann zum Beispiel eine Vernachlässigung durch die Eltern sein, die vielleicht keine emotionale Wärme gegeben haben, den Kindern gerade einmal die Mahlzeiten hingestellt haben oder sie behandelt haben wie den letzten Dreck.“

Die Folgen machen den Betroffenen oft ein Leben lang zu schaffen. Typisch für die posttraumatische Belastungsstörung: Die Frauen durchleben ihre schlimmen Erfahrungen in Träumen und Erinnerungen immer wieder aufs Neue. „Das ist oft mit körperlichen Reaktionen verbunden, mit Übererregung, Wachsamkeit oder Schreckhaftigkeit“, erklärt die Psychologin.

Für solche Situationen kann es äußerliche Auslöser, sogenannte Trigger, geben. Naheliegenderweise werden Frauen durch körperliche Berührungen an ihr Missbrauchs-Trauma „erinnert“. „Manchmal sind die Trigger aber auch gar nicht klar und zuordenbar.“ Die Betroffenen vermeiden dann in der Regel solche Auslöser. „Sie gehen zum Beispiel nie Partnerschaften ein, meiden bestimmte Orte, gehen nicht einkaufen oder leben in einem Gefühl der ständigen Bedrohung. Das alles bedeutet eine große Einbuße an Lebensqualität.“ Nicht selten sei eine posttraumatische Belastungsstörung auch mit aggressiven Ausbrüchen verbunden oder mit mangelndem Selbstwertgefühl.

In der Tölzer Schlemmer-Klinik bleiben die Frauen zwölf Wochen, sind dabei in zwei Gruppen à sechs Personen eingeteilt. Die Klinik arbeitet mit der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT). Der Ärztliche Leiter Dr. Markus Reicherzer ist Präsident des deutschen DBT-Dachverbands und gilt als Koryphäe auf dem Gebiet. „Der Ursprung liegt in der Verhaltenstherapie, es gibt aber auch Einflüsse der Achtsamkeitslehre und des Buddhismus“, erklärt Böhm. „Es geht darum, Problemverhaltensweisen zu reduzieren und Strategien herauszuarbeiten, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen.“

Dass Bedarf an den Therapieplätzen besteht, ist für Böhm klar. An anderen Kliniken gebe es teils Wartezeiten bis zu einem Jahr. Insgesamt dürfte die posttraumatische Belastungsstörung eine Diagnose sein, für die in Zukunft noch mehr Spezialisten benötigt werden – bringen doch viele Flüchtlinge traumatische Erfahrungen mit. Für die Schlemmer-Klinik sei das aber aktuell noch kein Thema, so Böhm. „Bevor man eine Therapie beginnt, ist es wichtig, eine gewisse Stabilität zu haben“, sagt sie. Für Flüchtlinge sei meist vorrangig zu klären: „Kann ich bleiben? Wo kann ich wohnen?“ Zudem sei die sprachliche Verständigung unabdingbar für eine Therapie. Ob sich die Schlemmer-Klinik einmal für weitere Gruppen von Traumapatienten öffnet, werde die Zukunft zeigen.

Andreas Steppan

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