+

Böses Erwachen

Schöne Augen, fiese Absichten

  • schließen

Ein Isarwinkler (81) reagiert auf eine Kontaktanzeige und fährt nach Düsseldorf, um die Dame kennenzulernen. Doch dann bittet sie ihn plötzlich um 50.000 Euro in Goldbarren.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Sie wünschte sich einen Mann „ab 71 Jahren“, der an ihrem „schönen Leben teilhaben möchte“. Und sie reise „zu den schönsten Plätzen in Europa“. Aus einer Laune heraus entschied sich Rudolf Stern (Name geändert), die Frau aus der Kontaktanzeige anzurufen. Mehr noch: Der 82-Jährige fuhr nach Düsseldorf, um die Dame zu treffen. Die bittere Erkenntnis: Sie wollte ihn um ein Vermögen betrügen.

Stern kontaktierte die Kurier-Redaktion, weil er nicht will, dass jemand ähnliche Erfahrungen macht. „Ich möchte meine Artgenossen warnen“, sagt er. Stern lebt in einem Dorf im Isarwinkel. „Ich fühle mich topfit, auch wenn ich über 80 bin.“ Eine nette Frau kennenlernen? Warum nicht, dachte er sich, als ihm Freunde die Kontaktanzeige aus der Zeitung mitbrachten. Der Titel: „Suche mein Gegenstück.“ Das passende Gegenstück sollte vor allem nicht arm sein. Das suggerierte die Frau nach Sterns Berichten am Telefon: „Sie hat mir erzählt, sie sei wohlhabend.“ Darüber hinaus gab sie den Namen eines großen Schuhunternehmens als ihren Nachnamen an.

In Düsseldorf stand Stern dann eine Frau gegenüber, die wesentlich jünger war, als er erwartet hatte. „Keine 60 Jahre“, sagt er. „Pechschwarze Haare, braune Augen, sie hätte eine Edelnutte sein können.“ Misstrauisch wurde Stern auch, weil die schöne Wohnung in nobler Gegend, die die Frau angegeben hatte, nun überhaupt kein Thema mehr war. Eine Besichtigung lehnte sie ab. „Sie hat sich in Widersprüche verwickelt und immer wieder rausgeredet.“

Andererseits machte sie dem Isarwinkler schöne Augen: „Sie hat mich nach allen Regeln umgarnt und mir nach dem Mund geredet“, berichtet der Mann. Trotzdem habe er alleine im Hotel übernachtet. Am Tag darauf sei alles anders gewesen. Die Frau habe nur noch von ihren Problemen erzählt: Ihr geschiedener Mann, der in Dubai lebe, bedrohe sie. Er fordere 50 000 Euro von ihr – und zwar in Goldbarren. „Sie hat mich angefleht, dass ich ihr helfe.“

Genug Liebe, die Stern blind hätte machen können, war nicht im Spiel. Spätestens jetzt sei er hellhörig geworden. Als er die Geldforderung ablehnte, wollte ihn die Frau um jeden Preis loswerden. „Sie wollte unbedingt, dass ich den früheren Zug nach Hause nehme und hat ihn sogar bezahlt.“ Stern vermutet, dass das nächste potenzielle Betrugsopfer bereits in Düsseldorf angekommen war.

Dass in solchen Fällen Anzeige erstattet werde, sei wichtig, sagt Andreas Guske, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. „Die Fälle kommen selten bei uns an.“ Rudolf Stern habe sich über seine Tochter bei der Polizei erkundigt. Die Antwort: Ihm sei kein Schaden entstanden, daher bringe eine Anzeige wenig.

„Das Feld der Betrügereien ist mittlerweile unüberschaubar groß“, sagt Guske. Die Zuneigung anderer werde vor allem im Internet ausgenutzt. Das Stichwort in der Fachsprache heißt „Romance Scamming“: Auf Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken legen sich die Betrüger ungewöhnliche Lebensgeschichten zu und versuchen dabei trotzdem, möglichst seriös zu wirken. Männer geben sich laut Polizei gerne als Konstrukteure in der Ölindustrie, als Tierärzte oder Computerspezialisten aus, Frauen als Ärztinnen, Schauspielerinnen oder Waisenhaus-Mitarbeiterinnen. Haben sie sich im Leben der Opfer unverzichtbar gemacht, wollen sie zum Beispiel Hilfe beim Visums-Antrag. Laut Polizei haben es die „Scammer“ auf ausländische Ausweispapiere abgesehen – zum Beispiel mit dem Vorwand, ein gemeinsames Konto eröffnen zu wollen.

Wird jemand auf frischer Tat ertappt oder anderweitig überführt, droht laut Guske der klassische Betrugs-Strafrahmen: eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Schreiner: Innungsbester ist Benedikt Minnich
Schreiner: Innungsbester ist Benedikt Minnich
Neue Bleibe fürs Schenkräumchen gesucht
Das Tölzer Schenkräumchen muss ausziehen: Dem Laden in der Klammergasse wurde vom Vermieter bis Ende November gekündigt. „Im Moment haben wir keine Alternative“, sagt …
Neue Bleibe fürs Schenkräumchen gesucht
Leserfoto des Tages: Schmetterling trifft Hummel
Leserfoto des Tages: Schmetterling trifft Hummel
Termine des Tages: Das steht an am Montag 
Termine des Tages: Das steht an am Montag 

Kommentare