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„Klima der Angst“: Seine Zeit als Sänger im Tölzer Knabenchor empfand Christopher Kloeble als schwer belastend. Es habe „ein ungesundes Machtverhältnis“ zwischen Leitern und Kindern geherrscht.

Schriftsteller Christopher Kloeble berichtet über seine Zeit beim Tölzer Knabenchor

„Es wurden Grenzen überschritten“

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Er wuchs in Königsdorf auf und ging in Bad Tölz aufs Gymnasium: Mittlerweile ist Christopher Kloeble ein erfolgreicher, mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller. In seinem neuen, autobiografischen Buch „Home Made in India“ schildert der 35-Jährige unter anderem, wie er als Sänger im Tölzer Knabenchor unter fragwürdigen pädagogischen Bedingungen und einem Klima der Angst litt.

Bad Tölz/Königsdorf–In „Home made in India“ schildert er „Eine Liebesgeschichte zwischen Delhi und Berlin“ – und zwar seine eigene. Mit Gefühl und Humor erzählt er, wie er zum vermutlich ersten Königsdorfer wurde, der sich offiziell „Person indischer Herkunft“ nennen darf. Grundlage dafür war seine Heirat mit der indischen Schriftstellerin Saskya Jain. Das Paar lebt abwechselnd in Delhi und Berlin. In „Home Made in India“ geht es auf lockere und selbstironische Art um die jeweilige Außenperspektive auf deutsche und indische Kultur – und darum, wie das Zusammenleben in Vielfalt gelingen kann.

Daneben hat das Buch aber auch einen starken Bezug zum Landkreis. Denn Kloeble thematisiert darin seine Kindheit als angeblich „Zuagroaster“ in Königsdorf. Für einiges mediales Aufsehen gesorgt haben die Passagen, in denen es um seine Zeit im Tölzer Knabenchor geht. Kloeble litt unter den dort angewandten pädagogischen Methoden zwischen Leistungsdruck und – im Nachhinein als ungesund empfundener – körperlicher Nähe. „Überleben bedeutet in diesem Fall: es bis zum Stimmbruch schaffen“, schreibt er. Auch im Interview mit dem Tölzer Kurier berichtet er offen von seinen Erfahrungen. Die Geschäftsleitung des Tölzer Knabenchors wollte auf Anfrage keine Stellungnahme zum Thema abgeben.

„Vermutlich bin ich bald der erste Königsdorfer mit indischer Herkunft“: 2012 heiratete Christopher Kloeble die Schriftstellerin Saskya Jain aus Delhi und durfte daher den Status der „Person of Indian Origin“ beantragen.

-Herr Kloeble, ich erreiche Sie gerade in Berlin, aber in ein paar Tagen brechen Sie schon wieder nach Indien auf. . .

Ja, es geht auf eine kleine Lesereise, zuerst zu einem Literaturfestival in Pune, dann noch zu zwei bis drei anderen Terminen. Danach möchte ich aber zeitig zurück sein, da wir im Oktober unser erstes Kind erwarten.

-Werden Sie in Indien auch aus „Home made in India“ vorlesen?

Ja, ich werde einige Auszüge auf Englisch vorlesen und mit dem Publikum darüber reden.

-Wie, denken Sie, wird das indische Publikum darauf reagieren?

Das kann man nie sagen. Aber ich hatte beim Schreiben verschiedene Gedanken in Bezug auf meine Leserschaft. In erster Linie schrieb ich für deutsche Leser und habe angenommen, dass sie – wie es bei mir auch war – relativ wenig über Indien wissen. Ich wollte, dass es für sie nicht zu speziell wird, aber trotzdem differenziert. Viele denken bei Indien entweder an Elefanten, Gewürze und dass alle immer lächeln – oder an Slums, die Gruppenvergewaltigung in Delhi 2012 oder das Kastensystem. Viele Menschen halten Indien entweder für den Himmel auf Erden oder die Hölle. Das Leben liegt aber dazwischen. Ein anderes Ziel beim Schreiben war, dass es nicht unangenehm sein sollte, wenn Menschen in Indien es lesen. Es gibt ja eine lange Tradition in der Literatur über Indien, vor allem aus der Kolonialzeit, die mit einer etwas herablassenden Haltung verfasst ist – wie wenn man ein exotisches Tier unterm Lupenglas betrachtet, nach dem Motto: ,Ach, das ist ja interessant.‘ Davon wollte ich mich lösen und Indien einfach mit einem frischen Blick betrachten, durch die Augen von jemandem, der „nicht von hier“ ist. Genauso ist es andersherum: Wenn ich nach längerer Zeit in Indien wieder in Deutschland bin, kommt mir hier auch vieles sehr seltsam vor.

-In Ihrem Buch geht es vornehmlich um Indien. Auf wenigen Seiten berichten Sie auch über Ihre Zeit beim Tölzer Knabenchor. Haben Sie damit gerechnet, dass gerade diese Passagen für so große Aufmerksamkeit sorgen?

Damit gerechnet habe ich nicht. Und auf keinen Fall habe ich mir gesagt: Das musst du schreiben, das wird Aufmerksamkeit erregen. Im Buch steht der Chor für etwas, das mich im Leben begleitet, das ich immer wieder empfunden habe: dass ich mich entfremdet gefühlt habe, nicht willkommen.

-Es ist nicht das erste Mal, dass Sie diese Zeit literarisch verarbeiten.

Ich hatte schon 2006 über meine Zeit beim Knabenchor geschrieben, in der Erzählung „Das Fass von Königsdorf“, die zunächst online erschien und 2009 in einem Erzählband. Das ist eine fiktionale Geschichte, aber sie basiert auf wahren Begebenheiten. Mit keinem Wort ist erwähnt, dass es um den Tölzer Knabenchor geht. Aber durch die Beschreibung, wie es dort läuft, war es wohl schnell wiederzuerkennen. Damals haben mich zwei Mütter angerufen. Sie haben mich gefragt, ob sie ihre Söhne aus dem Chor nehmen sollten.

-Und was haben Sie geantwortet?

Dass sie ein intensives Gespräch mit ihren Söhnen führen sollten, um zu erfahren, wie sie sich dort fühlen.

-Der Tölzer Knabenchor hat vergangenes Jahr ein großes Jubiläum begangen. 60 Jahre Knabenchor: Aus Ihrer Sicht ein Grund zum Feiern?

Wie man’s nimmt. Auf der musikalischen Ebene und insofern, als man viel herumkommt und viele Menschen kennenlernt, bin ich dankbar für die Erfahrung. Aber unter gewissen pädagogischen Bedingungen dort habe ich gelitten.

- Sie beschreiben in Ihrem Buch zum Beispiel, wie Chorgründer Gerhard Schmidt-Gaden auf einer Busfahrt ein Volkslied umdichtete in „Das Fass von Königsdorf“. Das war auf Sie, ein damals wohl etwas dickeres Kind, gemünzt, und alle Knaben im Bus sangen mit. Das würde man heute als übles Mobbing bezeichnen.

Es war ein schlimme Situation für mich. Das Problem ist, dass man es als Kind nicht als etwas so Krasses bezeichnen würde.

-Gilt das auch für körperliche Annäherungen?

Wenn es hieß: ,Du darfst nur aufs Klo gehen, wenn du mir vorher einen Kuss gibst‘, dann dachte ich als Kind: ,Bäh, das ist voll eklig, dieser alte Typ‘. Aber bei einem Kind ist die Sexualität noch nicht erwacht, es hat in dieser Hinsicht kein Wissen und nimmt den Kuss als nichts anderes wahr. Vielleicht war es auch als nichts anderes gemeint. Wenn ein Kind mit zehn Jahren mit dem Chor eine Woche nach Köln fährt und zum ersten Mal mehr als eine Nacht von zu Hause weg ist, dann sind die Chorleiter eine Art Ersatzeltern. Wenn sie sich bei den Knaben aufs Bett gesetzt und sie geknuddelt und gekitzelt haben, dann habe ich nicht gedacht: „Das ist ja schlimm“, sondern: „Ich will das auch.“ Denn das war ja auch ein Zeichen der Zuneigung und der Beliebtheit. Ob dahinter von Seiten der Erwachsenen eine sexuelle Intention stand, kann ich nicht beurteilen. Aus heutiger Sicht finde ich es jedenfalls nicht okay.

-Wurden Grenzen hin zum Missbrauch überschritten?

Nicht so extrem wie bei den Regensburger Domspatzen. Von so etwas wüsste ich nicht. Missbrauch ist ein starkes Wort, das würde ich nicht verwenden. Doch es wurden auf alle Fälle psychisch Grenzen überschritten. Es passierten Dinge, die überhaupt nicht in Ordnung waren. Und es gab ein ungesundes Machtverhältnis zwischen den Chorleitern und den Kindern.

-Wie äußerte sich das?

Da wurde man zum Beispiel an einem Tag angebrüllt und als Arschloch bezeichnet. Und am nächsten Tag sagte der Chorchef: „Du bist großartig und hast eine wunderbare Karriere vor dir.“ Als Kind ist man da ausgeliefert, man sehnt sich nach der Zuneigung.

-Steckte nach Ihrem Eindruck System hinter diesem Wechselbad der Gefühle?

Auf jeden Fall haben sie gemerkt, dass es effektiv war. So ein Klima der Angst stelle ich mir auch im Leistungssport vor. Ich weiß nicht, ob allen Eltern und Kindern bewusst ist, zu welchen Konflikten es kommt. Viele Eltern freuen sich, wenn ihr Kind Musik macht. Aber es ist ein Unterschied, wenn es um Professionalität geht. Der Anspruch ist enorm hoch. Ich kann noch heute jederzeit das Gefühl hervorrufen, wie es ist, wenn bei der Probe jeder einzeln vortreten und vorsingen musste. Alle Blicke richten sich auf dich, und wenn es nicht gut war, musst du vorne stehen bleiben. Man fühlt sich nackt und gedemütigt. Viele Situationen beim Knabenchor waren psychologisch sehr hart und Angst einflößend. Ich weiß von Chorknaben, die deswegen aus dem Chor ausgetreten sind. Aber auch das ist nicht so leicht. Denn dann bist du plötzlich auch nichts Besonderes mehr, machst keine tollen Reisen und darfst dich nicht mehr als Kinderstar fühlen.

-Fragwürdige pädagogische Methoden hatten Sie schon zuvor im Königsdorfer Kindergarten kennengelernt. . .

Es war auch eine andere Zeit – oder es waren Reste aus einer anderen Zeit, die ich sowohl im Knabenchor als auch im Kindergarten bei den Ordensschwestern mitbekommen habe. Da herrschte noch eine altmodische Strenge. Cola galt als Teufelszeug, und die Kinder durften das Haus nicht verlassen, wenn sie nicht selbst ihre Schnürsenkel gebunden hatten. Deswegen habe ich nur Schuhe mit Klettverschluss getragen. Ich hatte riesige Angst vor den Ordensschwestern.

-Über Ihr Aufwachsen als Kind einer hessischen Mutter und eines badischen Vaters in Königsdorf schreiben Sie humorvoll: „Ich könnte ebenso aus dem Ausland kommen. Bin also ein ,Zuagroaster‘. Einer von woanders.“ Und Sie schreiben: „Obwohl ich nie eine andere Heimat als Bayern gekannt habe, bin ich nicht von dort.“ Welche Beziehung haben Sie heute zu Königsdorf?

Ich bin im Schnitt ein- bis zweimal im Jahr dort. Vieles empfinde ich heute anders. Wenn es in der Schule am Wandertag in die Berge ging, fand ich es einfach nur anstrengend und furchtbar. Heute nehme ich wahr, was für eine wahnsinnig schöne Region es ist. Da kann Berlin nicht mithalten. Ich bin sehr gerne hier, auch wenn ich nicht derjenige bin, der sagt: Ohne meinen Schweinsbraten kann ich nicht leben.

-Wie Sie schreiben, wurden Sie erst viel später in Indien als Bayer identifiziert.

Ja, jetzt identifiziere ich mich manchmal mehr mit Bayern als zu der Zeit, als ich dort gelebt habe. Damals wurde ich oft kategorisiert als jemand, der nicht bayerisch ist: Ich war nie im Schützenverein, nie auf Volksfesten und habe lange kein Bier getrunken. Mittlerweile habe ich Weißbier schätzen gelernt und stelle auch fest, dass ich einen Bezug zu einer bestimmten bayerischen Art habe, die man positiv als Lebendigkeit und Herzlichkeit beschreiben kann, die aber auch überschwänglich und dominant wirken kann. Einige von diesen Charakterzügen habe ich übrigens bei den Punjabis im Norden Indiens wiedererkannt. Auf jeden Fall würde ich Königsdorf als eine von mehreren Heimaten bezeichnen.

Infos zu den Büchern:

-„Home made in India. Eine Liebesgeschichte zwischen Delhi und Berlin“, dtv premium, broschiert, 288 Seiten, 16,90 Euro (E-Book: 14,99 Euro).

-„Wenn es klopft. Erzählungen“, dtv premium, 200 Seiten, 14,90 Euro (E-Book: 12,99 Euro).

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