BMW rauscht in die roten Zahlen - Verlust schlimmer als befürchtet

BMW rauscht in die roten Zahlen - Verlust schlimmer als befürchtet
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Hier klappt der Einstieg problemlos: In einen Zug des Typs „Integral“ kann Sybille Janisch (65) auch mit dem Rollstuhl selbstständig einsteigen. Die neuen „Lint“-Fahrzüge dagegen sind schmäler – zwischen Bahnsteigkante und Zug tut sich eine Lücke auf, die sich nur durch eine Rampe überwinden lässt. 

„Fahrgäste dritter Klasse“

Schwerbehinderte klagt: „Komme nicht in die neuen Lint-Züge“

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Die Bayerische Oberlandbahn (BOB) feiert die Vorzüge der neuen „Lint“-Züge. Aus Sicht von Menschen mit Behinderung aber bedeutet der Flottenaustausch einen Rückschritt.

Reichersbeuern – Sybille Janisch fährt öfters nach München. Ein- bis zweimal pro Woche macht sie sich von ihrem Wohnort Reichersbeuern mit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) auf den Weg in Richtung Landeshauptstadt, gerne auch ganz spontan. Das sollte eigentlich ganz normal und problemlos möglich sein – auch für Sybille Janisch als Schwerbehinderte, die meist mit dem Rollstuhl unterwegs ist. Doch nun beklagt sie: „In die neuen Züge komme ich mit dem Rollstuhl nicht rein.“

Ein Stück Selbstbestimmung geht verloren

Wie berichtet sind zum jüngsten Fahrplanwechsel auf den Strecken im Oberland neun „Lint“-Züge auf die Schiene gegangen und haben damit ebenso viele Fahrzeuge des Typs „Talent“ ersetzt. Ende August/Anfang September sollen auch die 17 „Integral“-Triebwagen ausgetauscht werden. Einer der Unterschiede zwischen „Integral“ und „Lint“: Letztere Züge sind schmäler, wie BOB-Sprecher Christopher Raabe auf Anfrage erläutert. „Dadurch ist der Spalt zwischen Bahnsteigkante und Einstiegsbereich größer, als es bei einem Teil unserer Fahrzeuge war.“

So, wie es Sybille Janisch beschreibt, wird die Lücke geschlossen, indem eine Art Brett ausgefahren wird. Das liegt aber 25 bis 30 Zentimeter tiefer als Bahnsteig und Zug – ohne fremde Hilfe unüberwindlich mit dem Rollstuhl. Janisch verweist darauf, dass Fahrgäste mit Rollator oder Kinderwagen ebenfalls Probleme hätten.

Der BOB-Sprecher erklärt, dass „für den bequemen Zu- und Ausstieg von Fahrgästen mit Mobilitätseinschränkungen“ Rampen zur Verfügung stehen, „die unsere Mitarbeitenden im Bedarfsfall schnell und unkompliziert anlegen können“. So sei es auch bisher schon bei den „Talent“-Zügen. Zudem bestehe die Möglichkeit, dass sich Fahrgäste im Bedarfsfall vorab telefonisch bei der Mobilitätsservice-Zentrale (Telefonnummer 01 80/6 51 25 12) anmelden, um Hilfe zu bekommen.

Doch diese Anmeldung muss 48 Stunden vor Reiseantritt erfolgen, erklärt der Lenggrieser Markus Ertl, Inklusionsbotschafter und Sprecher für das Thema Barrierefreiheit im „Interessenverband Selbstbestimmt Leben“. Ungeplante München-Fahrten seien so nicht möglich. „Oder ich muss mich darauf verlassen, dass mir jemand hinein hilft“, sagt Sybille Janisch. „Gerade jetzt zu Corona-Zeiten sind aber oft nur wenige Fahrgäste im Zug.“ Einen BOB-Mitarbeiter sieht sie auch nicht immer an Bord. „Ich muss dann vorne dem Zugführer winken.“

Die 65-Jährige sieht in all dem einen Verlust an Lebensqualität. „Ich fühle mich nicht frei, meine Unabhängigkeit ist weg“, kritisiert sie. „Für mich ist es eine Katastrophe und unfassbar, dass es jetzt so einen Rückschritt im Vergleich zu dem gibt, was wir vor 20 Jahren schon hatten.“

Auch für Markus Ertl steht fest: Die neuen Lint-Züge seien nicht barrierefrei. „Auf Augenhöhe und selbstbestimmt mitfahren – das geht so nicht“, stellt er klar. „Es macht mich traurig, dass wir jetzt mindestens bis 2032 diese Lösung haben.“ Für das Jahr 2032 wurde die Elektrifizierung der BOB-Strecken angepeilt, die „Lint“-Züge sind noch dieselbetrieben.

„Eigener Bereich“ liegt direkt neben der Toilette

Ertl verweist darauf, dass ein barrierefreier ÖPNV ab dem 1. Januar 2022 laut einer EU-Norm verpflichtend sei. Das BOB-Mutterunternehmen BRB berufe sich aus seiner Sicht auf veraltete Normen, die „so nicht hinnehmbar“ seien. Er sei in Gesprächen mit der „Initiative Barrierefreiheit“, um rechtliche Schritte zu prüfen.

BOB-Sprecher Raabe hingegen betont: „Unsere neuen Fahrzeuge erfüllen die neuesten Normen hinsichtlich der Barrierefreiheit.“ Er weist auf „zahlreiche Neuerungen“ hin, die „mobilitätseingeschränkten Fahrgästen eine schöne Reise noch besser ermöglichen“. Dazu zählt er den „eigenen Bereich, der nun nicht mehr mit den Fahrradstellplätzen zusammenfällt, und eine wesentlich größere Toilette, die d

er neuesten Norm der TSI PRM entspricht“.

Doch auch das kann Ertl nicht begeistern. Der „eigene Bereich“ für die Rollstuhlfahrer liege nämlich unmittelbar neben der Toilette. Und am Durchgang daneben komme man mit dem Rollstuhl nicht vorbei, um in einen anderen Teil des Zugs zu wechseln. Rollstuhlfahrer müssten sich als „Fahrgäste dritter Klasse“ fühlen. Außerdem gebe es am Eingang zur Toilette eine fünf Zentimeter hohe Schwelle. „Es gibt Rollstuhlfahrer, die das überwinden können – andere können es nicht.“

Ertl weist auch darauf hin, dass innerhalb der „Integrale“ die Böden flach seien, es im „Lint“ aber ein „leichtes Auf und Ab“ gebe. Für ihn als Blinden, der etwas weniger Gleichgewichtssinn habe, fühle sich das nicht gut an.

Die Lücke am Eingang zu einem „Lint“-Zug könne er trotz mangelnder Sehkraft übrigens durchaus bewältigen – falls ihn nicht ein anderer Fahrgast unaufgefordert, unangekündigt und somit übergriffig am Arm packe, um ihm über die scheinbar unüberwindliche Spalte zu helfen.

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