Ans Wasser gewöhnen müssen sich viele Kinder, wenn sie in den Schwimmkursen ankommen. Für viele gab es dieses Jahr keine Möglichkeit, das Schwimmen zu lernen.
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Ans Wasser gewöhnen müssen sich viele Kinder, wenn sie in den Schwimmkursen ankommen. Für viele gab es dieses Jahr keine Möglichkeit, das Schwimmen zu lernen.

Zu wenig Kinder können schwimmen

Schwimmkurse im Tölzer Land gehen in der Krise baden

  • Melina Staar
    vonMelina Staar
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Immer weniger Kinder können sicher schwimmen. Eine bereits angespannte Situation wurde durch die Corona-Pandemie noch weiter verschärft, sagen Schwimmlehrer und Lebensretter aus dem Landkreis.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Fast 60 Prozent der Grundschüler können nicht sicher schwimmen. Das zeigte eine Studie aus dem Jahr 2017 auf. Und die Situation ist noch schlimmer geworden. „Eine Katastrophe“, sei es in diesem Jahr gewesen, sagt Maiko Alpers, Vorsitzender der DLRG Geretsried. Einen Schwimmkurs-Block konnten die Freiwilligen mit 30 Kindern absolvieren. Dann kam der erste Lockdown im Frühjahr. Im Herbst gab es noch einen Anlauf, „auf Biegen und Brechen haben wir noch einen Kurs geschafft“, so Alpers. Aber es sei alles nicht einfach.

Erschreckend: Fast 60 Prozent der Grundschüler können nicht sicher schwimmen

Normalerweise lernen 120 bis 150 Kinder pro Jahr bei der Geretsrieder DLRG Schwimmen. Dieses Jahr waren es gerade einmal die Hälfte. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Alpers. „Wir haben sowieso zu kämpfen.“ Immer wieder müsse er Kindern – sogar aus der direkten Umgebung von Geretsried – absagen, weil er einfach keinen Platz in den Kursen habe. Alpers sieht auch das Problem, dass durch eine knappe Anzahl an Kursen die Gebühren steigen, die sich dann nicht jeder leisten kann. „Schwimmen darf kein elitärer Sport werden.“

Die selben Erfahrungen hat Sabina Simmeth von der Wasserwacht Kochel gemacht. „Wir müssen schon bisher Kindern aus Bichl und Benediktbeuern absagen, weil wir einfach mit den Kindern aus Kochel, Walchensee und Schlehdorf voll sind.“ Verschärfend kommt jetzt die Corona-Situation dazu. „Ich habe Anfragen ohne Ende“, sagt Schwimmlehrerin Silvana Wetzel aus Bad Tölz. In diesem Jahr habe sie vereinzelt Einzelstunden abhalten können, die Gruppenkurse seien weggefallen. „Das ist schon sehr schwierig.“ Sollte der Betrieb wieder aufgenommen werden können, werde sie mit ihren Kollegen zunächst die Kurse, die abgebrochen wurden, fortsetzen. „Schwimmen ist überlebenswichtig.“ Noch mehr Kurse anzubieten, sei aber nicht möglich. Dies scheitert schon alleine an den räumlichen Möglichkeiten. „Im Winter waren wir sonst immer im Badepark Wiessee“, sagt Wetzel. Dieser wird nun aber abgerissen und neu gebaut. Ausweichmöglichkeiten gebe es kaum. „Ich muss auf den Mai hoffen, sobald es wärmer wird, trainieren wir im Freibad Rottach.“

„Schwimmen ist überlebenswichtig.“

Das Problem der fehlenden Bäder betont auch Robert Klingel, Vorsitzender der DLRG in Wolfratshausen. „Überall machen Schwimmbäder zu. So kann das nicht funktionieren.“ Wenn das neue interkommunale Hallenbad in Geretsried eröffne, werde dafür das Ascholdinger Bad geschlossen. Erwachsenen-Schwimmkurse habe er dieses Jahr schon mal an einen See verlegen können. Aber mit Kindern, die gerade erst das Schwimmen lernen, gehe das nicht.

Ein Lichtblick sei das geplante Lehrschwimmbecken in der Grundschule am Hammerschmidweg in Wolfratshausen. Aber es werde noch ein paar Jahre dauern, bis dieses fertiggestellt sei. Sehr dankbar sei er für die Unterstützung des Dietramszeller Bürgermeisters Josef Hauser, der die Nutzung des Ascholdinger Schwimmbads 2020 möglich gemacht habe. So hätten zumindest einige Kinder schwimmen lernen können. Dafür habe man sich einiges überlegt. Aufgrund der Corona-Beschränkungen sei es nicht mehr möglich gewesen, dass die Schwimmlehrer nahe an die Kinder herantreten – was aber gerade bei Anfängern notwendig sei. Also habe man einen Schwimmkurs organisiert, bei dem jeweils eine erwachsene Bezugsperson mit dem Kind ins Wasser gegangen sei und die Schwimmtrainer von außen die Anweisungen gaben.

DLRG Wolfratshausen möchte Zahl der Kurse erhöhen

Doch ist es überhaupt möglich, die Anzahl der Schwimmkurse zu erweitern? Laut einer Studie, die Klingel zitiert, haben etwa 100 000 Kinder in 2020 nicht das Schwimmen gelernt. „Das muss man erst einmal aufholen.“ Gerade bei den vielen Wasserflächen im Landkreis. Schon vorher sei es eng gewesen. „Die Kinder sind Schlange gestanden für die Kurse.“ Die DLRG Wolfratshausen möchte aber auf alle Fälle die Zahl der Kurse erhöhen. „Wir haben unsere Pläne stehen. Wir sind bereit, sobald wir wieder in die Bäder dürfen.“

Die Öffnungszeiten der Bäder entsprechend länger zu gestalten, um mehr Kurse unterzubringen, hält Reinhard Oberleitner, bei den Tölzer Stadtwerken für die Bäder zuständig, für schwierig. „Während der öffentlichen Badezeiten können wir keine Kurse abhalten.“ Zu groß sei die Gefahr, dass die Kinder von Schwimmern „über den Haufen geschwommen“ werden. Oberleitner leitet selbst die Schwimmkurse, die die Stadt allen Kindern kostenlos ermöglicht. „Aber das kann ich nicht während meiner Arbeitszeiten bei den Stadtwerken machen“, so Oberleitner.

Er sieht auch ein „riesengroßes Problem“ durch das mehr oder weniger komplett ausgefallene Jahr 2020. Natürlich mache er sich Gedanken, wie in 2021 so viele Kurse wie möglich abgehalten werden könnten. „Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise in Ferienzeiten Kurse kaum angenommen werden.“ Trotzdem ist er optimistisch: „Jedes Kind wird die Chance haben, Schwimmen zu lernen.“

Mangel auch an qualifizierten Schwimmlehrern

Zwar sieht Sabina Simmeth aus Kochel die Situation als „sehr dramatisch“ an. Denn neben den fehlenden Schwimmflächen und der großen Nachfrage mangelte es auch an qualifizierten Schwimmlehrern. Sie freut sich aber, dass zumindest Kochel ein gutes Beispiel abgibt, wie es laufen könnte. Neben den Schwimmkursen der Wasserwacht, die zweimal im Jahr angeboten werden, sei es nämlich dem Leiter der Grundschule, Jakob Dondl, sowie dem Elternbeirat sehr wichtig, dass die Grundschüler Schwimmen lernen. Daher gehöre Schwimmen fest zum Schulalltag dazu. An den Vormittagen wird ins Trimini gefahren.

Mit solchen Modellen, wünscht sich Simmeth, könnte dem Problem entgegen gewirkt werden – wenn vielleicht noch weitere Gemeinden mitziehen. Alle Kinder sollten als sichere Schwimmer aus der Grundschule kommen, fordert Alpers. „Wer nicht sicher Schlittschuhlaufen kann, der fällt hin. Wer nicht sicher schwimmt, der geht unter.“

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