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Lustige Szene, ernster Hintergrund: In Deutschland fehlen nach Angaben der Caritas eine Million Wohnungen. 

Bundesweite Kampagne

Selbst Normalverdiener finden keine Wohnung mehr: Caritas schlägt Alarm

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
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Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie lustig: ein Bade- und ein Wohnzimmer, mitten in der Tölzer Marktstraße. Hinter dem Aktionsstand der Caritas verbirgt sich jedoch ein ernstes Thema: Selbst Normalverdiener finden oft keine bezahlbare Wohnung mehr.

Bad Tölz – Das Problem hat mittlerweile auch die Region erreicht – allerdings nicht das Bewusstsein aller Menschen. Deshalb stellte die Caritas am Dienstag ein Sofa, eine Badewanne und sogar eine Toilette mitten in die Fußgängerzone. „Wir wollen Aufmerksamkeit erregen“, sagt Caritas-Kreisgeschäftsführer Wolfgang Schweiger. Passanten konnten und sollten mit den Mitarbeitern der Wohnungslosenhilfe oder von der „Sozialen Beratung“ ins Gespräch kommen. Dabei erfuhren sie unter anderem, dass es im vergangenen Jahr 28 Zwangsräumungen im Landkreis gab – 32 Prozent mehr als im Jahr 2016. Außerdem zählt die Caritas 137 Räumungsklagen.

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„Die Situation wird immer schwieriger“, sagt Barbara Stärz von der Wohnungslosenhilfe. Die Suche nach einer günstigen Wohnung könnten sich die Betroffenen im Prinzip sparen. „Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“ Bei der Lenggrieser und der Isarwinkler Baugenossenschaft gebe es inzwischen Wartelisten für die Wartelisten. „Wir bräuchten viel, viel mehr Sozialwohnungen“, sagte Stärz.

Und neue Ideen und Sichtweisen, ergänzt Schweiger. „Wir müssen anders denken, sonst kommen wir nicht weiter“, betonte der Caritas-Chef. Als Beispiel nannte er eine Studie der Technischen Uni in Darmstadt. Dort hat ein Architektur-Professor das Wohnraumpotenzial auf Supermärkten für ganz Deutschland berechnet. Ergebnis: Bis zu einer Million Wohnungen könnten über Aldi, Lidl und Co. entstehen – genau so viele fehlen nach Angaben der Caritas in Deutschland.

Im Landkreis, wo viele Senioren nach dem Auszug der Kinder und dem Tod des Partners allein in großen Häusern lebten, böten sich generationsübergreifende Wohnformen an. Schweiger nannte als Beispiel das Projekt „Wohnen für Hilfe“ in München/Neuhausen: Studenten oder Auszubildende ziehen bei Senioren ein. Statt Miete zu zahlen, legen sie in Haus und Garten Hand an – pro Quadratmeter eine Stunde pro Monat. Lediglich für die Nebenkosten kommen die jungen Menschen selbst auf.

Früher war das Thema Wohnungsnot im Landkreis „ganz klar Männersache“, sagte Thomas Faller, Leiter der Wohnungslosenhilfe. Mittlerweile seien rund 50 Prozent der Betroffenen Alleinerziehende und Familien. Wohnungssuchende mit Schufa-Eintrag, einem Suchtproblem, einer psychischen Erkrankung oder Sozialhilfeempfänger haben laut Faller so gut wie keine Chance mehr auf dem Wohnungsmarkt. Kann die Caritas den Verlust der Wohnung nicht abwenden, indem sie zum Beispiel die Mietschulden bezahlt, droht die Obdachlosigkeit.

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Das Problem betrifft inzwischen auch die kleineren Gemeinden. In Kochel, Benediktbeuern, Wackersberg oder Bad Heilbrunn halten die Kommunen mittlerweile Zimmer und Wohnungen für den Notfall vor. „Bis vor wenigen Jahren war das nur in den drei Städten des Landkreises nötig“, sagt Faller.

Vor diesem Hintergrund wünscht sich die Caritas ein Umdenken in der Politik. Schweiger sieht die Kommunen in der Pflicht. „Sie besitzen mit dem Bauplanungsrecht ein starkes Instrument, mit dem sie bestimmen können, wo, wie und was gebaut wird und können so einen wesentlichen Beitrag zu einer sozial ausgerichteten Wohnungspolitik leisten.“ Nicht zuletzt sei auch die Kirche mit ihren vielen Liegenschaften gefordert. Sie müsse prüfen, welche Optionen bestünden, um bezahlbares Wohnen für mehr Menschen zu ermöglichen.

Seit fast zwei Jahren ist ein 34-jähriger Tölzer obdachlos und lebt meistens in seinem Auto. Er findet keine Wohnung, obwohl er Vollzeit arbeitet und einiges an Miete zahlen könnte. 

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