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Die Heilige Familie anno 1960: Rund um die Kirche ist alles noch unbebaut. Markant: der „Campanile“-Turm auf der Südseite.

Weihejubiläum

Selbstbewusster Mittelpunkt des Stadtteils: Tölzer Kirche Heilige Familie wird 60

Genau 60 Jahre ist die Kirche „Heilige Familie“ in der Tölzer Karwendelsiedlung alt. Gefeiert wird das am 11./12. Juli.

Bad Tölz – Exakt 60 Jahre ist es her, dass in dem neu entstandenen Stadtteil im Tölzer Süden, für den sich anfangs der Name Moraltsiedlung, später dann Karwendelsiedlung einbürgerte, ein neues Gotteshaus errichtet wurde. Am 10. Juli 1960 wurde es von Josef Kardinal Wendel im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes geweiht.

Gottesdienst und Konzert zum Geburtstag der Kirche

Das sollte heuer eigentlich gebührend gefeiert werden. Die Pläne des Pfarrgemeinderats für ein Jubiläumsfest hat aber – wie so vieles – die Corona-Pandemie durchkreuzt. Am Sonntag, 12. Juli, um 10 Uhr sind die Gläubigen nun zu einem Festgottesdienst eingeladen. Er findet anstelle der sonst üblichen 18-Uhr-Messe am Samstag statt. Am Samstag um 20 Uhr gibt der Kammerchor der Stadtpfarrei in der Heiligen Familie ein kleines Konzert.

26 Meter hoher Glockenturm nach italienischem Campanile-Vorbild

Rückblick: Das gesamte Obere Griesfeld oberhalb der markanten Hangkante war noch Weideland, als dort am 26. Juli 1959 der Grundstein für ein neues Gotteshaus gelegt wurde. Es entstand ein moderner, vom Tölzer Architekten Fritz Strunz entworfener, eher nüchterner Bau. Auffallend ist der markante, frei stehende 26 Meter hohe Glockenturm nach italienischem Campanile-Vorbild, das große Rosettenfenster im Westgiebel und eine ausgesprochen geschmackvolle Innenausstattung. Die bemalten Glasfenster, die das Innere in ein warmes Licht tauchen, der Tabernakel und die schweren bronzenen Eingangstüren stammen vom angesehenen Bildhauer und Maler Roland Friederichsen.

1100 Katholiken hofften nach dem Krieg auf eine eigene Kirche

Auf der weiten Ebene des Unteren Griesfeldes hatten sich nach dem Krieg bis zu jenem Zeitpunkt bereits rund 1300 Menschen angesiedelt, 1100 davon waren Katholiken. Viele von ihnen waren als Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten gekommen und hatten in Tölz eine neue Heimat gefunden. Sie wünschten sich auch einen Ort, um in christlicher Gemeinschaft ihre Religion auszuüben.

Manch alteingesessene Tölzer sahen die Heilige Familie stets nur als Anhängsel der Stadtpfarrei Maria Himmelfahrt. Das wird ihr schon formell nicht gerecht. Gegründet als Kuratie wurde die Siedlungskirche im Oktober 1964 zur eigenständigen Pfarrei. Erst 1989 nach der Pensionierung des langjährigen Pfarrherrn Josef Westermeier wurde sie angesichts des sich abzeichnenden Priestermangels wieder in den Tölzer Pfarrverband eingegliedert.

Geistlicher und kultureller Mittelpunkt des Stadtteils

Die Bewohner der Siedlung schätzen „ihre“ Kirche gleichwohl als geistlichen und kulturellen Mittelpunkt ihres Stadtteils. Heute leben dort nach der anschließenden Bebauung fast des gesamten Oberen Griesfeldes fast 3000 Menschen.

Motor der Kirchengründung war der bei seiner Gemeinde überaus beliebte Pfarrer Josef Westermeier (1914 – 1997), der sich als entschiedener Befürworter des Zweiten Vatikanischen Konzils für eine pastorale Erneuerung des Kirchenlebens einsetzte. Mit der ihm eigenen Standhaftigkeit ging er dabei auch Konflikten mit konservativer eingestellten Christen und Kirchenoberen nicht aus dem Weg.

Pfarrer Josef Westermeier erfüllte seine Aufgabe mit viel Herzblut

Westermeier, der aus Zangberg bei Mühldorf stammte und als Soldat in russische Kriegsgefangenschaft geriet, wurde 1950 zum Priester geweiht und 1958 mit der Betreuung der Seelsorgestelle in der Tölzer Siedlung beauftragt. Diese Aufgabe hat er über seine Pensionierung 1988 hinaus mit viel Herzblut buchstäblich bis zum letzten Tag erfüllt.

Der Bau nimmt Gestalt an: Arbeiter beim Einbau der Segmente für das Rosettenfenster.

Auch der Neubau des Siedlungs-Kindergartens 1970/72 sowie des neuen Pfarrheims 1981/83 geht auf den Einsatz von Pfarrer Westermeier zurück. Er genoss bei seinem Kirchenvolk eine so große Beliebtheit und Wertschätzung, dass er nach seinem Tod im April 1997 entgegen der sonstigen kirchlichen Gepflogenheiten neben seiner Kirche bestattet werden durfte. Die Stadt würdigte ihn mit der Benennung eines Fußwegs nahe der Kirche.

Stets hohe Beteiligung ei den Pfarrgemeinderatswahlen

Als „ein etwas anderes Pfarrleben“ wird auch von der langjährigen Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Johanna Öttl das hervorgehoben, was die „Heilige Familie“ auszeichne: „Eine Gemeinschaft, die am Glauben festhält, ihn mitträgt, andere begeistert und sich im Gebet füreinander einsetzt – und ein Ort, der den Menschen Geborgenheit schenkt.“ Die Verbundenheit der Menschen mit ihrer Gemeinde wird auch daran deutlich, dass hier die Beteiligung an den Pfarrgemeinderatswahlen traditionell außergewöhnlich hoch ist.

Stadtpfarrer Peter Demmelmair, der nicht im Pfarrhof neben der Stadtpfarrkirche, sondern „aus praktischen Gründen“ draußen im ruhigeren Pfarrhaus in der Siedlung wohnt, sagt über die Heilige Familie: „Hier wird, wie es ja schon im Namen zum Ausdruck kommt, wirklich Familiarität und Geschwisterlichkeit gelebt.“ Es sei prägend für diese Gemeinschaft, wie viele Menschen sich hier für einen sehr liebevollen Umgang mit Kindern, Kranken, Alten und Behinderten einsetzen, die der besonderen Zuwendung bedürfen. Rainer Bannier

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