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Kein Pendlerparadies: Viele Geretsrieder fahren mit dem Auto nach Wolfratshausen, um in die S-Bahn umsteigen zu können.

Serie: Wie der Boom eine Region prägt

Pendler-Irrsinn im Tölzer Land

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Diesmal schauen wir uns in unserer Landkreis-Serie in Bad Tölz und Wolfratshausen um. Im Fokus: Geretsried. Dort leiden die Pendler noch immer unter dem fehlenden S-Bahn-Halt.

München wächst - und das spürt auch das Umland. Derzeit leben rund sechs Millionen Menschen in der Metropolregion, also zwischen Ingolstadt und Garmisch, Augsburg und Traunstein. Bis 2030 sollen weitere 300.000 Menschen dazukommen. Dietz zeigt, wie sich der Boom rund um München auswirkt. Heute besuchen wir den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. ­Geretsried ist hier die größte Stadt und das Herz der Wirtschaft - und noch immer ohne S-Bahn-Halt… 

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Bus und Tram statt S-Bahn

Schals, Decken, Kleider für die Tochter: Sarah Stoppe (34) häkelt. Nicht daheim im Schaukelstuhl. Sondern im Bus von Geretsried nach Wolfratshausen, in der S7 zum Münchner Hauptbahnhof und in der Tram, die sie in die Dachauer Straße fährt. Dort arbeitet die Beamtin bei der Bundeswehrverwaltung. „Ich genieße es, zumindest während der Fahrt Zeit für mich zu haben“, sagt Stoppe. Viel hat sie nämlich nicht: vier Stunden täglich ist die Zweifach-Mama auf Straßen und Schienen unterwegs - fünf Tage in der Woche!

Stoppe ist nur eine von 22.000 Bürgern aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, die jeden Tag zur Arbeit pendeln. 7751 von ihnen fahren laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in die Stadt München, 3988 in den Kreis München. Ein ganzer Landstrich ist auf Achse!

Wann kommt die Verlängerung der S7?

Seit Jahrzehnten schon warten Geretsrieder wie Stoppe auf eine Verlängerung der S7 von Wolfratshausen nach Geretsried. Immerhin die größte Stadt im Landkreis mit mehr als 25.000 Einwohnern und vielen Arbeitgebern, darunter allein vier aus der Pharma-Branche. Zwar haben sich Politik und Deutsche Bahn darauf geeinigt, die zwölf Kilometer lange Trasse mit drei neuen Bahnhöfen zu bauen, allerdings wird die Strecke erst in zehn Jahren fertig sein.

Hätte Geretsried schon jetzt einen S-Bahn-Anschluss, könnte Stoppe länger schlafen. Jetzt muss sie oft schon um 4.36 Uhr am Bus sein - und ist hundemüde. Außerdem wäre Stoppes Arbeits- und Heimweg nicht so störanfällig: „Wenn der Bus Verspätung hat, wird’s brenzlig. Dann muss ich in Wolfratshausen 20 Minuten auf die nächste S-Bahn warten und kann abends auch erst 20 Minuten später heimfahren.“

Geretsried ist ohne S-Bahn-Halt. Pendler fahren mit dem Bus nach Wolfratshausen.

Fahrgäste werden in Baierbrunn vor die Tür gesetzt

Zeit ist kostbar für Stoppe, die 40 Wochenstunden in Gleitzeit arbeitet - und mit nervigen Fahrplanänderungen leben muss. Fällt zum Beispiel in München eine S-Bahn aus, werden die Passagiere der S7 Richtung Süden in Baierbrunn einfach vor die Tür gesetzt. Damit die S-Bahn zurück nach München fahren kann. Die Fahrgäste müssen dann auf einen anderen Zug warten. „Wie lange, das wissen wir oft nicht, weil die Informationspolitik so schlecht ist“, schimpft Stoppe. Außerdem stinkt ihr, dass die Bahn den Passagieren oft so kurzfristig mitteilt, wenn sie den Bahnsteig wechseln müssen. „Einmal habe ich die S-Bahn fast nicht mehr erwischt“, erzählt Stoppe, die zwei künstliche Hüften hat. „Der Bahnhof Baierbrunn ist auch nicht behindertengerecht. Und die Schienenersatzverkehr-Haltestelle 600 Meter vom Bahnhof entfernt.“

Sarah Stoppe hofft, bald einen Job im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen finden. „Es ist einfach schade um die Zeit, die ich durch das Pendeln verliere. Meine Töchter leiden darunter.“ Insbesondere das achtjährige Nesthäkchen. „Sobald sie mitkriegt, dass Papa Frühschicht hat, mosert sie“, erzählt Stoppe. Denn sie selbst fängt dann später mit der Arbeit an. Damit sie vor Schulbeginn die Kinder versorgen kann. Das heißt aber auch später heimkommen - dann, wenn die Kleine schon ins Bett geht.

Freilich, mit dem Auto wäre sie deutlich schneller an ihrem Arbeitsplatz in München. Zumindest an den Tagen, an denen sie um 6 Uhr morgens anfängt. „Um die Zeit ist auf der Straße ja noch nicht viel los, da würde ich wahrscheinlich nicht im Stau stehen.“ Allerdings hat Stoppe keinen Führerschein. Hat sie früher nicht gebracht, da wohnte sie in Fürstenfeldbruck - und damit im S-Bahn-Bereich. Jetzt will sie den Führerschein zwar machen, die Frage ist nur: Wann?

Pendlerin Sarah Stoppe ist vier Stunden täglich unterwegs.

Mit der BOB durch die Stammstrecke

Schon Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber hatte sich stark gemacht für einen S-Bahn-Halt in Geretsried. Die Bürger warten immer noch darauf. Was das für seinen Kreis bedeutet, erklärt uns Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler).

Prognosen zufolge wird Geretsried in den kommenden fünf Jahren um 3000 Menschen wachsen. Der S-Bahn-Anschluss kommt aber erst in zehn Jahren. Droht ein Verkehrskollaps?

Josef Niedermaier: Einen solchen Zuwachs in fünf Jahren halte ich für hochgegriffen. Unbestritten ist aber, dass wir eine extrem belastete Region sind. Deshalb wird ja schon seit 40 Jahren über eine Verlängerung der S7 diskutiert. Inzwischen haben sich Bund und Land auf eine Finanzierung geeinigt, an der sich auch die Städte Geretsried und Wolfratshausen sowie der Landkreis beteiligen.

Haben Bund und Land die Notwendigkeit nicht erkannt?

Niedermaier: Doch. Aber es gab andere Baustellen im Land, die höherer Priorität genossen, insbesondere die Entwicklung des Flughafens und die ICE-Strecken.

Warum steht jetzt die Verlängerung der S7 im Fokus?

Niedermaier: München prosperiert enorm. Eine dynamische Wirtschaft hat Mobilität zur Folge. Gibt es keine Angebote beim öffentlichen Nahverkehr, wächst der Autoverkehr. Früher hat man diese Themen bis Pullach oder Schäftlarn diskutiert. Aber München wächst in die Fläche, weil die Stadt nicht in die Höhe baut. Deshalb verlagert sich die Diskussion immer weiter nach draußen.

Würden mehr Arbeitsplätze außerhalb Münchens die Pendlerströme entlasten?

Niedermaier: Es haben sich ja schon viele Firmen bei uns angesiedelt. Zum Beispiel im Nachbar-Landkreis Weilheim-Schongau, wo das Pharmaunternehmen Roche mit 5000 Mitarbeitern seinen Standort hat. Aber wir können nicht hektarweise Gewerbe- und Industriegebiete ausweisen. Allein schon, weil bei uns im Landkreis mehr als 60 Prozent der Flächen unter Landschafts- Natur- oder Vogelschutz stehen. Da tut sich der Norden Münchens leichter. Besser umsetzbar ist, die Erreichbarkeit der Werke mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu verbessern.

Wie schafft man das?

Niedermaier: Unser Landkreis ist durch die Oberland -bahn und die Werdenfelsbahn erschlossen. Beide sind ein Erfolgsmodell, aber sie haben Kapazitätsprobleme ohne Ende. Wenn die Oberlandbahn endlich elektrifiziert werden würde, gäbe es Züge, die auch durch die Stammstrecke fahren könnten. Ein Dieselzug wird nie durch einen Tunnel fahren können. Jetzt steigen alle um in Holzkirchen oder an der Donnersbergerbrücke und belasten massiv die S-Bahn. Wenn die BOB durch die Stammstrecke fahren könnte, kämen die Regionalpendler direkt zu ihren Arbeitsplätzen.

Wie schaut’s bei der Linie der Werdenfelsbahn aus?

Niedermaier: Es gibt entlang der Hauptachse unseres Landkreises entlang der Isar leider keine Bahnlinie. Wir müssen das alles mit Bussen regeln. Wenn man den Busverkehr so ertüchtigt, dass wir einen 30- oder 20-Minuten-Takt bis ins hinterste Eck des Landkreises haben, kostet das mehrere Millionen Euro pro Jahr. Auch, weil es draußen weniger Nutzer gibt als in München, wo die Busse in der Regel voll sind. Zugleich sind die Strecken viel länger. Aber wir kommen nicht drumherum, wenn wir nicht im Individualverkehr ersticken wollen.

Wäre die Schaffung einer Bahnlinie entlang der Isar eine Alternative?

Niedermaier: Sie müssen bedenken: Da sind die großen Flächen unter Naturschutz. Ich kann schon sagen: Lasst uns die alte Isartalbahn wiederbeleben. Aber da lacht mich ja ein jeder aus. Das gilt auch für einen anderen Punkt: Das Nahverkehrssystem ist sternförmig auf München ausgerichtet. Wir brauchen aber Querverbindungen. Zum Beispiel von Holzkirchen nach Wolfratshausen oder von Miesbach nach Tölz, Penzberg und Weilheim. In Berlin gibt es eine Ring-S-Bahn. So etwas für München, wäre genial. Aber das Thema nimmt keiner mehr in den Mund. Weil Finanzierbarkeit und Realisierbarkeit unwahrscheinlich sind. Das ist bitter. Aber das ist die Realität.

Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler).

Fakten über den Landkreis

  • Einwohnerzahl: 125.668
  • Immobilienpreise: Eine Doppelhaushälfte aus dem Bestand kostet in Bad Tölz zirka 600.000 Euro, in der Gemeinde Icking dagegen eine Million Euro.
  • Zugelassene Fahrzeuge: 94.274
  • Promis im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber wohnt in Wolfratshausen, Schauspieler Christian Tramitz in ­Ammerland, Schauspieler und Autor Josef Bierbichler in Ambach, Heiner Lauterbach mit Familie in St. Heinrich. Veronica Ferres hat ein Haus in Ambach am Seeufer.
  • Wichtige Einrichtungen: Das Zentrum für Sicherheit und Ausbildung der Bergwacht Bayern in Bad Tölz, Märchenwald Wolfratshausen, Gaißacher Schnablerrennen (waghalsige ­Piloten fahren auf historischen Schlitten), Tölzer Christkindlmarkt, Skigebiet Brauneck

Bettina Stuhlweißenburg

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