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Der Milchpreis ist im Keller. Wie viel ein Landwirt für einen Liter bekommt, entscheidet letztlich auch der Verbraucher bei seinem Einkauf.

Serie: Mahlzeit! (4) 

Viel Milch für wenig Geld

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Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Tölzer Kurier setzt sich in seiner Serie „Mahlzeit!“ mit dem Thema Ernährung auseinander und fragt: Wo kommen unsere Lebensmittel her? Wie werden sie produziert? Was wird aus den regionalen Rohstoffen? Heute wollen wir wissen, zu welcher Milch der Verbraucher greifen kann, damit der Bauer einen fairen Preis bekommt.

Frisch, haltbar, fettarm oder Vollmilch – das Regal im Supermarkt ist voll. Es gibt Milch zum Discountpreis von 42 Cent, etwas teurere Milch aus der Region und faire Produkte. Für Bio- oder Heumilch sind ein paar Münzen mehr nötig. Da kommt man sich als Kunde etwas verloren vor – vor allem angesichts der Schlagzeilen über den Milchpreis. Landwirte fahren mit Traktoren zu Demonstrationen, kippen Milch auf die Wiese und treiben ihre Kühe vor die Staatskanzlei. Sie fordern einen fairen Milchpreis. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Wie viel ein Landwirt für sein Produkt bekommt, entscheidet auch der Verbraucher mit der Milch, die er in seinen Einkaufskorb legt. Denn: Die Molkereien zahlen unterschiedlich viel pro Liter. Im Norden erhält der Bauer mitunter nur noch 18 Cent. In Bayern sind es im Durchschnitt 27 Cent. Die Landwirte im Südlandkreis stehen vergleichsweise gut da. Wir haben nachgefragt, an welche Molkereien sie ihre Milch verkaufen.

Berchtesgadener Land

Die meisten Landwirte aus dem Südlandkreis liefern ihre Milch an die Molkerei Piding, die die Milch „Berchtesgadener Land“ verkauft. Knapp 40 Cent brutto zahlt das Unternehmen pro Liter an seine Milchbauern. „Die liegen unangefochten an der Spitze in Deutschland“, sagt Kreisbauer Peter Fichtner.

Die verhältnismäßig hohe Bezahlung sei nur möglich, weil „der Handel uns als Partner auf diesem Weg begleitet und die Verbraucher uns weiter die Treue halten“, sagt Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Genossenschaftsmolkerei.

Die 40 Cent, die der Bauer bekommt, sind allerdings der Bruttolohn für den Liter. Nach Abzug der Steuer bleiben Andreas Dachs aus Gaißach 36 Cent bei einer Milch mit 4,2 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweißgehalt. Damit ist der Landwirt sehr zufrieden. Genug ist es allerdings nicht. „Für einen kleinen Betrieb, wie wir es mit sieben, acht Kühen sind, bräuchten wir 40 Cent“, sagt Dachs.

Wer Milch kauft, müsse sich Gedanken machen, wie viel Leistung dahintersteckt, fordert Franz Sindlhauser. Der Landwirt aus Benediktbeuern sagt: „Alles wird meist von zwei, drei Leuten erwirtschaftet, da kommt bei Weitem nicht der Mindestlohn raus.“ Zudem müsse man ja nicht nur laufende Kosten decken, sondern auch Reserven schaffen. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es ein guter Milchpreis, aber auf Dauer ist es nicht das, was wir erhoffen“, sagt auch Fichtner.

Der Gaißacher Landwirt Andreas Dachs liefert die Milch an die Molkerei Piding. Knapp 40 Cent brutto zahlt das Unternehmen pro Liter an seine Milchbauern.

Dauerhaft für einen fairen Milchpreis zu sorgen, hat aber auch der Landwirt in der Hand, sagt Andreas Dachs aus Gaißach. „Wir haben zu viel Milch, das kapieren viele nicht.“ Der Landwirt fährt seine Produktion seit gut einem Jahr herunter. 73,8 Prozent seiner alten Quote hat er bisher geliefert, indem er weniger Kühe hält und weniger Kraftfutter gibt. „Angebot und Nachfrage bestimmen eben den Preis.“

Preise: Bergbauernmilch haltbar oder frisch mit 3,5 Prozent Fett kostet 1,09 Euro, fettarme Milch 99 Cent.

Andechser Natur

Einige Landwirte setzen angesichts der Preisentwicklung auf Biomilch, wie zum Beispiel Hans Hainz aus Hölching in Dietramszell. „Die Wertschöpfung ist besser“, sagt er. „Wer Bio-Ware kauft, fördert meines Erachtens nach die kleinstrukturierte Landwirtschaft.“ Hainz beliefert die Molkerei Scheitz. Seine Milch landet also als „Andechser Natur“-Produkt im Laden.

Der Dietramszeller Landwirt erhält 47 Cent je Liter. „Leider ist es momentan ein bisschen rückläufig“, sagt er. Hainz befürchtet einen Preisdruck, weil viele ihre Betriebe umgestellt hätten. Daher hofft er: „Wenn der Verbraucher mehr zu Bio greift, könnte sich der Preis halten.“

Preise: Frischmilch mit 3,8 Prozent Fett kostet 1,29 Euro, fettarme Frischmilch 1,19 Euro; H-Milch mit 3,5 Prozent Fett kostet 1,39 Euro, mit 1,5 Prozent Fett 1,29 Euro.

Heumilch

Alois Willibald im Wackersberger Ortsteil Lehen liefert ebenfalls an Andechser – seit sieben Jahren. „Wir können zufrieden sein“, sagt er. Trotzdem ist er vergangenes Jahr auf Heumilch umgestiegen. Seine Milchkühe bekommen nur Heu und Salz, kein Kraftfutter. „Das ist zwar teurer, aber das Vieh ist gesünder und gibt ganz eine gute Milch.“

Sein Sohn bekomme in der Berufsschule erzählt, die Landwirtschaft müsse immer größer und schneller werden. „Aber nicht jeder Betrieb ist darauf ausgerichtet“, sagt Willibald. Deshalb setzt er auf Qualität. „Es gibt Verbraucher, die für ein gutes Produkt Geld ausgeben.“

Willibalds Heumilch steht bisher nicht im Supermarktregal. Er hat einen Verein gegründet, „Bioheumilch Rosenheim“, der die Heumilch bündeln will, um sie Molkereien anzubieten. „Jetzt ist gerade eine schlechte Zeit, weil so viel Milch da ist“, sagt der Landwirt. Wer im Laden Heumilch kaufen will, sollte auf ein entsprechendes Zertifikat achten. „Heumilch steht schnell mal drauf.“

Milch direkt vom Bauernhof

Die Heumilch von seinen Arzbacher Kühen bietet Alois Willibald direkt am Hof an, da „Bioheumilch Rosenheim“ noch auf der Suche nach einer Molkerei ist. Kunden können sie täglich ab 16 Uhr am Hof in Lehen abholen. Willibald: „Es sind schon mehrere gekommen, aber es läuft erst an.“

Alois Willibald im Wackersberger Ortsteil Lehen ist im vergangenen Jahr auf Heumilch umgestiegen. Seine Milchkühe bekommen nur Heu und Salz, kein Kraftfutter.

Mit dem Milchkännchen zum nächsten Hof zu gehen, war früher üblich. Inzwischen macht das kaum noch jemand, dabei wäre es der unmittelbarste Weg, den Bauern für seine Milch zu bezahlen. „Das war bei uns nie das Thema, weil es keine Lösung ist“, sagt Kreisbauer Peter Fichtner. In München könne man vielleicht seine Tagesproduktion verkaufen, aber auf dem Land gebe es nur ein paar Nachbarn, die einige Liter abnehmen.

Dabei darf jeder für den privaten Bedarf Milch am Bauernhof holen, erklärt Dr. Anton Wurm, Leiter des Veterinäramts im Landratsamt. „Der Landwirt muss nur sicherheitshalber mit einem Schild darauf hinweisen, dass die Milch vor dem Verzehr abgekocht werden muss.“ Das werde beim Landratsamt gemeldet. Zahlen, wie viele Landwirte Milch am Hof verkaufen, gibt es aber nicht.

Unter dieselbe Regelung fallen Milchtankstellen, die inzwischen etwa 150 Landwirte in Deutschland und Österreich an ihren Höfen betreiben. Dort können Milchliebhaber rund um die Uhr selbst zapfen. Im Landkreis gibt es allerdings keine Milchtankstelle. „Der klassische Milchautomat hat sich im Landkreis noch nicht etabliert“, sagt Thomas Fuchs, im Landratsamt zuständig für Lebensmittelrecht. Lediglich im Hofladen Stollhof in Deining steht eine Art Milchautomat. Dort können Kunden Bio-Rohmilch zu den Öffnungszeiten selbst abfüllen (Donnerstag bis Samstag, 9.30 bis 13 Uhr, Donnerstag und Freitag zusätzlich von 17 bis 19 Uhr).

Preise: Heumilch von Familie Willibald kostet 1,50 Euro. Bio-Rohmilch vom Stollhof kostet 90 Cent. Beide Preise gelten bei mitgebrachten Flaschen.

Sternenfair

Die meisten Bauern aus dem Südlandkreis liefern an Berchtesgadener – außer die Landwirte in Reichersbeuern. Die Gemeinde gehört nicht zum Einzugsgebiet der Molkerei. „Manche liefern an Bergader, die zahlen so wie Berchtesgadener“, sagt Georg Reiter, Milchbauer in Reichersbeuern. Reiter selbst arbeitet mit der Milchvermarktungsgesellschaft MVS zusammen. Von ihr erhält er einen Mischpreis. 26,55 Cent zahlt die MVS für einen Liter. Einen Teil der Milch verwendet sie für die „Sternenfair“-Milch. Dafür bekommt Reiter 40 Cent pro Liter. „Wie groß der Anteil ist, ist aber von Monat zu Monat unterschiedlich.“ Früher ist er damit gut gefahren. Inzwischen aber nicht mehr. Im Durchschnitt kommt bei Reiter ein Grundpreis von 32 oder 33 Cent pro Liter heraus. „Das reicht hinten und vorne nicht“, sagt er.

Preise: Sternenfair H-Milch mit 3,8 Prozent Fett kostet 1,19 Euro, mit 1,8 Prozent 1,09 Euro. Frische Bergader Milch mit 3,8 Prozent Fett kostet 89 Cent, mit 1,5 Prozent 79 Cent.

Unser Land

Für die Milch von „Unser Land“ produziert kein Bauer aus dem Tölzer Land. „Wir haben 80 Milcherzeuger aus dem Landkreis Miesbach“, erklärt Adriane Schua, Pressebeauftragte der Solidargemeinschaft Oberland. Dadurch sei die Milch regional. Außerdem werde sie traditionell hergestellt, um die wertvollen Inhaltsstoffe der Milch bestmöglich zu erhalten. Was die Solidargemeinschaft an die Bauern weitergibt, wird immer wieder dem Milchmarkt entsprechend verhandelt. Im Mai bekamen die Bauern 49 Cent pro Liter.

Preise: Frische Bio-Vollmilch kostet 1,49 Euro, fettarme 1,39 Euro.

Die Serie:

Teil 1: "Akkordarbeit fürs Osterei" - So geht es im Hühnerstall bei Familie Häsch in Dietramszell zu

Teil 2: "Hier gibt’s (nicht) viel zu meckern" - Ein Besuch bei Familie Filgertshofer in Winkl: So wird Ziegenkäse gemacht

Teil 3:

"Aus Korn wird Brot"

- Quer durchs Oberland auf den Spuren des Grundnahrungsmittels

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