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Marie-Luise Schultze-Jahn machte sich das Erinnern und Aufklären zur Lebensaufgabe.

Neues Buch und Würdigung zum 100. Geburtstag

Sie leistete Widerstand gegen das NS-Regime: Jetzt soll Tölzer Schule nach Marie-Luise Schultze-Jahn benannt werden

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Marie-Luise Schultze-Jahn, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war, wäre am 28. Mai 100 Jahre alt geworden. Nun erfährt sie eine doppelte Würdigung: Zum einen erschien ein Buch über sie, zum anderen soll das Tölzer Förderzentrum ihren Namen tragen.

Bad Tölz– Was würde Marie-Luise Schultze-Jahn wohl heute sagen – in Zeiten, in denen die AfD im Bundestag vertreten ist und rechtsnationale Tendenzen vielerorts auf dem Vormarsch sind? „Ich glaube, sie hätte große Sorgen, dass sich die Dinge in eine Richtung gehen, die antidemokratisch ist und die Menschenrechte nicht achtet – in schleichenden Prozessen auch hier bei uns“, sagt ihre Nachlassverwalterin, Publizistin Anne-Barb Hertkorn.

Davor zu warnen, dass sich Geschichte wiederholt, hatte sich Schultze-Jahn zur Lebensaufgabe gemacht. Heute, acht Jahre nach dem Tod der einst im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiven Zeitzeugin, „bleibt für die, die nachkommen, sehr viel in ihrem Sinne zu tun“, ist Hertkorn überzeugt. Ein Beitrag dazu ist das Buch „Wir wollten aufklären!“, das nun zum 100. Geburtstag Schultze-Jahns in erweiterter Neuauflage erschienen ist.

Erinnerung an eine bedeutende Bürgerin: Am 100. Geburtstag von Marie-Luise Schultze-Jahn stellten Nachlassverwalterin Anne-Barb Hertkorn, Bürgermeister Josef Janker (re.) und 3. Bürgermeister Christof Botzenhart das Buch „Wir wollten aufklären!“ vor

Herausgeberin Hertkorn sowie Josef Janker und Christof Botzenhart, 1. und 3. Bürgermeister von Bad Tölz, stellten das Buch am Montag vor. Schultze-Jahn und ihr Freund Hans Leipelt hatten sich 1941 als Studenten am Chemischen Institut von Professor Heinrich Wieland kennen, dessen Labor einen geistigen Freiraum für regimekritische Gespräche bot. „Eines Tages bekam Hans Leipelt das sechste Flugblatt der Weißen Rose zugeschickt“, berichtete Hertkorn. „Kurz darauf erfuhren er und Marie-Luise Jahn, dass die Geschwister Scholl hingerichtet worden waren.“ Leipelt und Jahn beschlossen, die Arbeit der Widerstandsgruppe fortzusetzen. „Sie haben das sechste Flugblatt abgeschrieben, vervielfältigt und verteilt.“ Für die Witwe von Prof. Kurt Huber, ebenfalls als Widerstandskämpfer der Weißen Rose ermordet, initiierten Leipelt und Marie-Luise Jahn eine Spendensammlung. „Diese Sammlung wurde denunziert.“ Sie wurden verhaftet, der Staatsanwalt beantragte die Todesstrafe für beide. Im Oktober 1944 wurde Hans Leipelt zum Tod verurteilt. Für Marie-Luise Jahn verfügte der Richter zwölf Jahre Zuchthaus. Sie saß in Aichach im Gefängnis – bis zur Befreiung durch amerikanische Truppen.

Diese Erinnerungen Marie-Luise Schultze-Jahns, die sie zu ihrem 85. Geburtstag aufschrieb, bilden einen Teil des jetzt erschienenen Buchs. Zudem geht es um ihr „außerordentliches gesellschaftspolitisches Engagement“, so Hertkorn. Nach langem Schweigen machte es sich Schultze-Jahn, die seit 1969 als Kinderärztin in Bad Tölz praktiziert hatte, ab etwa 1992 zur Aufgabe, zu erinnern und aufzuklären, vor allem an Schulen. „Ihre Art als kleine, aber vehemente Person war für die Schüler sehr eindrücklich“, sagte Hertkorn. „Mit ihren persönlichen Erfahrungen hat sie die jungen Menschen direkt erreicht – wie sie selbst zunächst glaubte, man komme durchs Leben, ohne sich mit Politik auseinanderzusetzen. Bis zum Schreckmoment der Reichspogromnacht 1938.“ Zeitzeugen wie sie „fehlen sehr“, sagt Hertkorn. „Umso mehr können wir froh sein, dass wir noch ihren schriftlichen Bericht haben.“

Das Buch „Wir wollten aufklären!“ entstand auf Initiative des Weiße Rose Instituts in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Chemie und Pharmazie der LMU und der Stadt Bad Tölz, die die Publikation mit 1500 Euro unterstützte.

Am 100. Geburtstag der verdienten Bürgerin legte am Montag 3. Bürgermeister Botzenhart auf dem Friedhof am Perlacher Forst in München einen Gedenkkranz nieder. Dort liegt Marie-Luise Schultze-Jahn in der Nähe von Hans Leipelt begraben.

Diese Würdigung sowie der vorhandene Gedenkstein vor dem Landratsamt war aus Sicht von Bürgermeister Janker aber „für so eine bedeutende Persönlichkeit“ nicht ausreichend. Daher habe man in Gesprächen mit Schulleiter Klaus Koch den Prozess angestoßen, das Tölzer Förderzentrum in Marie-Luise-Jahn-Schule umzubenennen. „Ihr Thema der Erziehung gegen Radikalismus und Gewalt und für Demokratie passt hervorragend zur Weltoffenheit der Schule“, sagt Janker. Laut Botzenhart gibt es vor Ort ein „breites Einvernehmen“ unter Schulleitung, Kollegium, Elternschaft, Schülern und Träger. Der formale Entscheidungsprozess laufe noch. Botzenhart rechnet damit, dass die Namensgebung im Herbst wirksam wird.

Das Buch ist zum Preis von 14,90 Euro im Handel erhältlich (ISBN 978-3-9813380-4-1).

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