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Amtsgericht

„Sie spielen mit Ihrer Freiheit“

Ein vorbestrafter Zimmerer (26) bezahlte seine Rechnung bei einer Tölzer Firma nicht. Nun wurde er wegen Betrugs zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Bad Tölz/WolfratshausenEin Zimmerer kauft bei einer Tölzer Firma Sägen, Akkuschrauber, Firstrollen, Firstklammern, Schrauben und weiteren Zimmereibedarf für rund 9500 Euro. Die Rechnungen bezahlt er nicht, auf Mahnungen reagiert er nicht. Nun musste sich der 26 Jahre alte Antdorfer wegen Betrugs in drei Fällen vor dem Amtsgericht Wolfratshausen verantworten. Dass er nicht ins Gefängnis musste, sondern mit einer Bewährungsstrafe davonkam, verdankte der junge Mann ausgerechnet dem geschädigten Unternehmer. „Bei uns läuft viel auf Vertrauen“, gab der 63-Jährige im Zeugenstuhl Einblick in seine Unternehmensphilosophie. Die Handwerker profitieren davon, kaufen quasi auf Kredit. „Wir sammeln oft viele kleine Lieferscheine, davon wird dann eine Monatsrechnung erstellt“, sagte der Geschäftsmann. Damit ist er bisher gut gefahren. „Ich habe die Firma 40 Jahre und bin jetzt das vierte Mal bei Gericht. Wenn einer nicht zahlen kann, soll er kommen und reden – wir finden schon eine Lösung“, weiß der Zeuge aus jahrzehntelanger Erfahrung.

Der Angeklagte hatte bei seinen Einkäufen von September bis Dezember 2015 versäumt mitzuteilen, dass er kurz zuvor eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte. Auf die „Gesprächsangebote“, die ihm in Form von diversen Mahnungen ins Haus flatterten, reagierte er nicht. Erst als der Unternehmer ein gutes Jahr später die Forderung einem Rechtsanwalt übergeben hatte, regte sich der Beschuldigte. Er saß während der Verhandlung ziemlich bedrückt auf der Anklagebank, legte mal eine, mal beide Hände vors Gesicht, nicht immer gelang es ihm, die Tränen zurückzuhalten.

Der Geschädigte drehte den Kopf zur Seite und betrachtete den Angeklagten, als er fortfuhr: „Wenn man ihn so anschaut, ist doch ein ganz netter Kerl. Warum redet der nicht?“ Dem 26-Jährigen legte er ans Herz: „Schau, dass Du eine Lösung findest.“ „Was sollen wir jetzt mit ihm machen“, fragte Richter Helmut Berger den augenscheinlich humorvollen Herrn im Zeugenstuhl. „Ab mit ihm nach Stadelheim?“ Der Zeuge reagierte fast entrüstet: „Nein, das tut’s nicht. Das ist die Sache nicht wert.“ Der Richter schaute dem Unternehmer etwas ungläubig nach, als der den Sitzungssaal verließ. „Wo gibt’s denn so was? Was haben Sie für ein Massel. Der Mann bricht nach allem für sie noch eine Lanze.“

Als Berger den Auszug aus dem Bundeszentralregister verlas, wurde deutlich, dass der Angeklagte viel Glück brauchen würde, um einigermaßen glimpflich aus der Verhandlung zu kommen. Er war bereits vier Mal wegen Betrugs in Zusammenhang mit Ebay-Verkäufen verurteilt worden, zuletzt im Jahr 2014 zu fünf Monaten, mit der Chance, sich zu bewähren. Die Bewährungszeit läuft noch. Bei weiteren gleich gelagerten Straftaten gibt es dann normalerweise nur den einen Weg, den ihm die Staatsanwältin aufzeigte. Sie beantragte, den Angeklagten zu einem Jahr Gefängnis zu verurteilen – ohne Bewährung. „Er ist mit einer gewissen Naivität in die Selbstständigkeit gegangen und hat nicht erkannt, dass er die Reißleine ziehen muss“, sagte Verteidiger Burkhard Pappers, der einige Punkte anführte, die eine – für eine erneute Bewährung erforderliche – positive Sozialprognose erkennen ließen. „Er hat mit der Schadenswiedergutmachung begonnen, hat als Subunternehmer inzwischen geregelte Einnahmen und Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die eine Wiederholung ausschließen.“

Wenig später konnten Verteidiger und Angeklagter tief durchatmen, als Richter Berger das Urteil verkündete: Ein Jahr Gefängnis, ausgesetzt zur Bewährung. „Sie spielen mit Ihrer Freiheit“, betonte Berger in seiner Urteilsbegründung. „Wenn noch mal was kommt, dann bricht viel zusammen.“ Als Auflage muss der 26-Jährige den verursachten Schaden wiedergutmachen. Der Angeklagte nahm das Urteil an.

Rudi Stallein

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