Die Tölzer Sängerin Stephanie Krug sorgte im vergangenen Jahr mit „Freiluft-Konzerten“ von ihrem Balkon für viel Freude in der Nachbarschaft. Sie kennt einige Musiker, die die Verdienstausfälle in der Corona-Zeit sehr hart getroffen haben. Krug arbeitet zurzeit an einer neuen CD und hofft, bald wieder auf der Bühne stehen zu können. Agentur
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Die Tölzer Sängerin Stephanie Krug sorgte im vergangenen Jahr mit „Freiluft-Konzerten“ von ihrem Balkon für viel Freude in der Nachbarschaft. Sie kennt einige Musiker, die die Verdienstausfälle in der Corona-Zeit sehr hart getroffen haben. Krug arbeitet zurzeit an einer neuen CD und hofft, bald wieder auf der Bühne stehen zu können.

Interview

Opernsängerin Stephanie Krug: „Singen gehört wie Atmen zum Leben“

In der Reihe „Wie geht‘s“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona- Zeiten erleben. Heute: Opernsängerin Stephanie Krug.

Bad Tölz - Als Tochter von Pfarrer Klaus Krug und der Religionslehrerin Elga Krug in Bad Tölz aufgewachsen, hat es die Sopranistin Stephanie Krug nach einem Studium in Salzburg und London und einem mehrjährigen Aufenthalt in München wieder „zu den Wurzeln zurückgezogen“. Die freischaffende Künstlerin geht nun von Tölz aus ihren Engagements als Opern- und Konzertsängerin nach. Dabei arbeitet sie einerseits mit den führenden Ensembles der Alten Musik zusammen, hat andererseits aber auch schon bei etlichen Uraufführungen im Umfeld der ARD-Rundfunkstationen mitgewirkt. So ist sie, wenn Corona dem Kulturleben nicht gerade Fesseln anlegt, viel unterwegs. Das Gespräch führt Sabine Näher.

Wieso leben Sie als vielerorts gefragte Sängerin nun wieder in Bad Tölz, Frau Krug?

Die Schönheit der Berg- und Seenlandschaft mit dem damit verbundenen Freizeitwert und der „Champagnerluft“ haben mich sehr geprägt. Das wollte ich auch meinen beiden Kindern nicht vorenthalten. Bergsteigen und Skitouren sind für mich außerdem ein ideales Training und Ausgleich für das Singen. Kulturell war ich hier von Jugend an sehr aktiv mit der eigenen Theatergruppe „Import“ und im evangelischen Kirchenchor von Friedrich Sauler, der mich früh als Solistin entdeckte. So lernte ich vor allem das Werk Johann Sebastian Bachs kennen und lieben. Bis heute bin ich der Region treu geblieben mit Liederabenden, als Solistin in Oratorien oder Salonkonzerten im eigenen Haus. Als meinen Auftrag sehe ich es außerdem, meine langjährige Expertise der Jugend in Gesangsunterricht und Theaterprojekten vor Ort weiterzugeben.

Wie sieht Ihr Konzertkalender üblicherweise aus?

Als freiberufliche Sopranistin habe ich ein sehr abwechslungsreiches Konzertleben. Neben Engagements als Solistin in Oratorien bin ich auf der Opernbühne vor allem in den großen Barockpartien zu hören. Ich hatte mich schon sehr auf eine Tournee mit der Partie der Cleopatra in „Giulio Cesare“ von Händel, die unter anderem im Münchner Cuvilliéstheater Station gemacht hätte, gefreut, sowie auf eine Wiederaufnahme meines szenischen Liederabends „Der rote Mond“ von Kurt Weill. Rezitale, vor allem mit dem Werk Franz Schuberts und Hugo Wolfs, sind für mich immer Höhepunkte des Konzertlebens. Beim Barockfestival in Sofia hätte ich an der Musikhochschule eine Masterclass „Das romantische Lied mit Hammerklavier“ geleitet und Solokantaten von Bach gesungen.

Was ist im Corona-Jahr von all den Vorhaben übrig geblieben?

Kurze Lichtblicke waren eine Konzertreise mit italienischer Barockmusik mit meinem eigenen Ensemble „Così Facciamo“ für Alte und Neue Musik, ein frühbarockes Konzert mit italienischen Schauspielern in Neapel und kürzlich zwei Aufführungen der Bach’schen Johannespassion in Fürth. Die Opernprojekte wurden alle abgesagt oder im besten Falle verschoben. Von April bis Juli 2020 habe ich zusammen mit Schülern allerdings 13 Wintergartenkonzerte à capella mit Literatur von Bach bis Gershwin und gemeinsamen Liedern von meinem Haus aus für ein dankbares Publikum auf Balkonen, Straße und Gärten gegeben. Das war eine besonders schöne Stimmung. Außerdem habe ich im „Stummfilm“ von Martina Veh mitgewirkt, der beim Fünf-Seen- Filmfestival gezeigt wurde.

Welche Unterstützung hätten Sie sich in der Krise von der Politik gewünscht?

Die Anerkennung der Kultur als systemrelevant von Anfang an auf der gleichen Stufe wie beispielsweise Friseure oder Gartenmärkte und eine raschere unbürokratische finanzielle Unterstützung für die Kulturschaffenden. Vor allem auch ein flexiblerer Umgang mit Öffnungsstrategien der Theater, die oft hervorragende Hygienekonzepte mit modernen Belüftungssystemen und Abstandsregelungen für ein naturgemäß diszipliniertes Publikum bieten und daher eher weniger bedrohlich sind als ein Supermarkt. Ich will aber betonen, dass ich keineswegs Coronaleugnerin bin, sondern die Pandemie als eine reale, bisher nie gekannte Gefahr für die Menschheit anerkenne. Bei zu hohen Inzidenzen sind Kontaktbeschränkungen bis hin zum Lockdown daher unerlässlich. Meine Hochachtung gilt den Intensivmedizinern und Pflegekräften.

Hat es für Sie einen Plan B neben der Tätigkeit als Sängerin gegeben?

Aus der Sicht eines Sängers sind die Corona-Symptome eine besondere Bedrohung: Singen ist Hochleistungssport für Geist und Körper und gehört für mich wie Atmen zum Leben dazu, die hohen Schwingungen, die auf der Bühne und zwischen Sänger und Publikum entstehen, haben schon einen Suchtfaktor – und ich spüre langsam gewisse Entzugserscheinungen. Jetzt heißt es durchhalten. Ich nütze die Gelegenheit, um eine CD mit Schubert-Liedern mit der Pianistin und meiner ehemaligen Professorin für Lied und Oratorium am Mozarteum, Breda Zakotnik, vorzubereiten. Über Alternativen denke ich hoffentlich erst im Alter nach. Regie und Malen sind allerdings große Leidenschaften von mir, dazu komme ich tatsächlich zu wenig.

Wie schätzen Sie die Lage für die Kulturschaffenden aktuell generell ein?

Die großen und staatlich geförderten Institutionen wie Staatsopern oder staatliche Museen werden sicher überleben. Kleine, nicht subventionierte Bühnen, freie Ensembles und Künstler, also die ganze alternative Kunst- und Musikszene, leiden enorm. Ich wage nicht einzuschätzen, wie sehr die Szene ausbluten wird, was übrig bleibt. Die Kulturlandschaft wird sich definitiv verändern und teilweise neu erfinden müssen. Letztlich ist Kultur aber nicht wirklich zerstörbar. Sie hat immerhin zwei Weltkriege überlebt.

Gibt es Musiker in Ihrem Bekanntenkreis, die aus Verzweiflung das Handtuch geworfen haben?

Einige Kollegen haben sich vorübergehend alternative Jobs gesucht als Arzthelfer oder Tracer beim Gesundheitsamt. Besonders hart ist es für Musikerfamilien. Die Cembalistin meines Ensembles ist mit einem Tenor verheiratet, beide hervorragende Musiker mit drei kleinen Kindern. Sie sind aus dem sündhaft teuren München nach Franken gezogen, um zu überleben. Aufgegeben hat aber noch niemand in meinem Bekanntenkreis.

Wie ist die Wertschätzung für die Kultur nach Ihrer Erfahrung im Vergleich in den Nachbarländern?

Wir haben eigentlich eine hervorragende, bunte Kulturszene mit vielen Theatern, Festivals, Kirchenmusik und Museen und einem begeisterungsfähigen, treuen Publikum. Bewundert habe ich allerdings Österreich, das trotz Pandemie mit einem ausgeklügelten Hygienekonzept 2020 die Salzburger Festspiele durchgezogen hat. Diesen Mut würde ich mir auch in Deutschland wünschen.

Was war Ihr schlimmstes beziehungsweise schönstes Erlebnis in der Pandemie?

An Weihnachten lag ich nach einer schweren Hüftoperation über der Covid-Station in einer Klinik in München und konnte auch keinen Besuch von meiner Familie empfangen. Das war hart. Wirklich genossen habe ich meine Wintergartenkonzerte und meine einsamen Bergtouren letztes Jahr im Totallockdown. Das wird es so vielleicht nie wieder im überfüllten Oberland geben.

Hat die Krise generell vielleicht auch etwas Positives bewirkt?

Auch wenn es für meinen Beruf unumgänglich ist: Dass Reisen nicht mehr selbstverständlich sein kann und in vielen Berufen das Homeoffice in den Mittelpunkt gerückt ist, ist aus ökologischen Gründen sicher eine der wichtigsten Erkenntnisse. Ich hoffe auch sehr, dass Urlaubsreisen in Zukunft bedachter geplant werden, man kann so viel Schönes vor Ort entdecken. Und die gewaltsame Entschleunigung ist sicher auch ein Gewinn. Außerdem ist der Zusammenhalt in der Familie sicher auch gewachsen.

Wie sieht Ihre Prognose für das Kulturleben im weiteren Jahresverlauf aus?

Eine stabile Öffnung hängt meiner Meinung nach vom Impftempo ab, ohne dass neuartige, gefährlichere Mutationen uns wieder zurückwerfen. Ich traue mir im Moment keine Prognose zu. Viele Konzerte sind bei mir um ein Jahr verschoben. Ich bin verhalten optimistisch, dass sie ab Herbst wieder stattfinden können.

Und wie lautet abschließend Ihr Fazit der Corona-Krise – und Ihr Motto dazu?

Aus Dankbarkeit für die vielen unbeschwerten Jahre und der Erkenntnis, trotz allem ein erfülltes, verletzliches Leben zu führen, Mut für die Zukunft zu schöpfen!

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