Diagnose Burnout: Ein Tölzer Unternehmer hat den Weg aus der Krise gemeistert.
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Diagnose Burnout: Ein Tölzer Unternehmer hat den Weg aus der Krise gemeistert.

Psychische Gesundheit

So hat der Tölzer Immobilienmakler Martin Breitschafter den Teufelskreis Burnout besiegt

  • Felicitas Bogner
    vonFelicitas Bogner
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Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Ausgebranntsein: Diese Gefühle schleppte der Weilheimer Martin Breitschafter lange mit sich mit herum. Ignorierte sie, machte weiter, funktionierte. Der dreifache Familienvater, Inhaber und Geschäftsführer eines Tölzer Immobilien-Unternehmens, schob die Anzeichen und Warnungen seiner Familie lange von sich weg – und schlitterte ungebremst in einen Burnout.

Bad Tölz/Weilheim– Wenn Angestellte an Burnout leiden, können sie sich krankschreiben lassen, um sich auszukurieren. Aber was, wenn man selbstständig ist, und das Unternehmen weiterlaufen muss? Im Gespräch mit dem Tölzer Kurier berichtet der Immobilienmakler, wie er trotz der Selbstständigkeit aus dem Teufelskreis hinaus fand.

Schon in jungen Jahren musste Breitschafter schnell viel Verantwortung übernehmen. Seine Freundin und heutige Frau wurde schwanger, als sie 18 war – Breitschafter war damals 24 und noch im Studium. Es war klar, dass er schnell Geld für die gemeinsame Familie verdienen musste. Er brach das Umwelttechnik-Studium ab und wechselte in die Immobilienbranche. Immobilien und mit Menschen zu arbeiten, hätten ihn schon immer interessiert, sagt er. Ab diesem Zeitpunkt habe er zwischen 60 und 80 Stunden die Woche gearbeitet, als Hausverwalter, Makler, Prokurist, Geschäftsführer und Gesellschafter. „Ich habe meinen Beruf auch immer mit viel Freude ausgeübt. Erst als Angestellter und seit 2008 als Unternehmer“, erklärt er. Beruflich wie auch familiär lief alles super.

„Es ging nicht mehr. Ich wollte niemanden hören, nichts mehr machen“

Doch was Breitschafter lange nicht merkte: Es war zu viel. 2013 bekam er dies bitterlich zu spüren. „Meine Frau hat mich schon länger gewarnt. Das wollte ich aber nie wahrhaben“, sagt er. Wie ernst die Lage war, merkte er dann bei einer eigentlich harmlosen Autofahrt. „Ich war auf dem Weg zur Arbeit und habe einen Anruf bekommen – wie etwa 50-mal am Tag“, sagt er. Doch dieser Anruf war einer zu viel. „Ich konnte nicht ans Telefon gehen“, sagt er. „Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben, aber es ging einfach nicht mehr. Ich wollte niemanden hören, nichts mehr machen.“ Abrupt fuhr er rechts ran und stieg aus dem Wagen. „Nach ein paar Minuten an der frischen Luft haben die Schweißausbrüche wieder aufgehört“, erinnert er sich. Und dann wurde ihm eines klar: „Ich musste sofort eine Auszeit nehmen.“ Als Breitschafter wieder ins Auto einstieg, rief er nicht zurück, fuhr auch nicht wie geplant ins Büro. „Ich habe mein Handy ausgeschaltet und bin nach Hause gefahren“, erklärt er.

Martin Breitschafter (44), Tölzer Immobilienmakler

Seine Frau staunte, als er ihr sagte, er würde nun erst mal daheim bleiben. Nach einigen Wochen konnte er sich immer noch nicht aufrappeln, wieder zu arbeiten. „Mir wurde klar, dass ich mehr als einen Urlaub brauche. Ich habe mir professionelle Hilfe geholt.“ Breitschafter bekam zügig einen Termin bei einer Psychologin. Ab dann folgten in regelmäßigen Abständen Gesprächstherapie-Termine. „Das hat mir sehr gut getan. Ich hatte Zeit, alles zu hinterfragen.“ Seine Auszeit dauerte über ein Jahr. „Ich konnte die Geschäfte meinen Angestellten überlassen. Die haben die Stellung gehalten. Dafür bin ich heute noch dankbar. Meine Frau ist einmal die Woche ins Büro gefahren, um sich einen Lagebericht geben zu lassen.“

In dieser Zeit widmete sich Breitschafter nur seinen Gedanken, Gefühlen und seiner Familie. „Ich habe wieder mehr Sport gemacht und an meinem Motorrad rumgeschraubt.“ Damit erfüllte er sich dann einen Traum. „Ich bin auf dem Chopper bis nach Belgien und an die Nordsee gefahren, habe in der Natur geschlafen und lauter Dinge gemacht, die mir früher sinnlos erschienen. Wie am Lagerfeuer zu sitzen oder die Füße in einem See baumeln zu lassen.“ In der Zeit merkte der Makler auch, dass er seinen Beruf unbedingt behalten wollte. „Mit Menschen zu arbeiten, ihnen in schwierigen Situationen weiterzuhelfen, wenn zum Beispiel jemand in der Familie gestorben ist und Immobilien vererbt wurden oder Familien, die seit Jahren ein Haus im Oberland suchen, ein neues Zuhause zu vermitteln, erfüllt mich.“ Er wollte weitermachen – aber anders.

„Ich gehe jetzt nach Hause, wenn es zu viel ist“

Breitschafter lernte, wie er beihalten konnte, was ihm wichtig war, nur in einem gesunden Maß. „Ich arbeite seither effektiver und fokussierter, aber ich gehe auch nach Hause, wenn es zu viel ist“, sagt er. „Wenn ich mal erst am frühen Mittag einen Termin habe, nutze ich die Zeit davor für mich.“ Einen Ruhepol hat er in seinem Hund gefunden. „Wir haben uns einen Border Collie angeschafft, so muss ich quasi regelmäßig an die frische Luft.“ Mittlerweile geht es dem Makler gut. Er hat den harten Weg geschafft. Aber eines bleibt: „Ich muss mich immer wieder daran erinnern, aufzuhören, wenn es zu viel wird.“ Das falle ihm nicht immer leicht.

Ein Problem sieht Breitschafter nach wie vor darin, dass Burnout gesellschaftlich oft heruntergespielt werde. „Auch ich habe negative Reaktionen bekommen. Als Mann wird man schnell als Schwächling hingestellt.“ Aber er weiß: „Es war richtig, zuzugeben, ein Problem zu haben und psychologische Hilfe zu holen.“ Tipps für Betroffene möchte er aber nicht geben. „Das maße ich mir nicht an. Der Weg aus dem Burnout ist individuell.“ Eines sei sicher: „Mit einem Urlaub ist es nicht getan.“

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