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250 Zeugen, 300 Hinweise, 4000 Spuren: Die Akten zum Doppelmord in Höfen füllen zahllose Aktenordner.

Aufklärung des Doppelmords in Königsdorf 

Personeller und logistischer Kraftakt

Vor acht Monaten geschah der Doppelmord in Königsdorf-Höfen. Im Sommer 2018 soll der Prozess gegen die mutmaßlichen vier Täter aus Polen beginnen. Zum Fall selbst äußern sich die Ermittlungsbehörden vorher nicht. Dass die Polizei Erfolg hatte, ist einem logistischen und personellen Kraftakt zu verdanken, wie Soko-Leiter Markus Deindl erläutert.

Königsdorf – Je früher die Polizei bei einem Mord am Tatort ist, desto größer ist die Chance, den Fall zu klären. Und umgekehrt.Kein Wunder also, dass der Weilheimer Kripochef Markus Deindl am Samstagabend, 25. Februar 2017, nicht unbedingt vor Zuversicht strotzte. Der grausige Mord an einer 76-jährigen Frau aus Eschborn und einem 81-Jährigen aus Nordrhein-Westfalen lag schon einige Tage zurück. Und die überlebende Hausbesitzerin Luise S. (76) war schwerstverletzt und konnte ebenso wenig wie die Nachbarn Hinweise geben. Es waren nordbayerische Bekannte der Besucherin aus Eschborn, die die 76-Jährige vermisst meldeten. Nur um nachzusehen, waren Polizei und Feuerwehr überhaupt nach Königsdorf gefahren und hatten dabei die schreckliche Bluttat entdeckt.

Von Anfang an mit großem Personalaufwand: „Das hat sich letztlich ausgezahlt“, sagt Soko-Leiter Deindl. 

Der Kriminaldauerdienst der Kripo, der stets zuerst am Tatort ist, hatte angesichts der Dimension sofort den KPI-Leiter alarmiert. „Wer das gesehen hat, wusste gleich, dass da viel Dynamik drin war“, beschreibt Deindl im schönsten Polizeijargon den Tatort mit verwüsteten Räumen, viel Blut: kurzum einer Spurenlage, die „uns sagte, dass da was geht und wir vorwärts kommen werden“. Der 51-jährige Kriminaloberrat ist deshalb im Nachhinein auch froh, dass die Entscheidung getroffen wurde: Nämlich eine Sonderkommission, die Soko Höfen, zu gründen. Und dabei mit Rückendeckung der Polizeipräsidenten personalmäßig nicht zu kleckern, sondern zu klotzen.

Auf den Mann genau lässt es sich nicht sagen, da ja Dienststellen in ganz Deutschland bei den Ermittlungen halfen. Doch die Soko-Truppe zählte zur Spitzenzeit bis zu 60 Polizisten. „Lauter erfahrene Kripoleute“, sagt ihr Leiter. So eine Personalmaschine ins Laufen zu bringen und so abzustimmen, dass „der Motor“ auf Höchsttouren und dennoch reibungslos läuft, war eine ebenso große Herausforderung wie Verantwortung.

Soko heißt, dass die normale Arbeitsorganisation der Kripodienststelle aufgelöst wird. Die Alltagsarbeit wird auf wenige Kommissariate verteilt, die Schlagkraft konzentriert sich in der Soko, die eine ganz auf den Fall zugeschnittene Struktur erhält.

Von Anfang an mit großem Personalaufwand: „Das hat sich letztlich ausgezahlt“, sagt Soko-Leiter Deindl. Foto: dpa

jetzt schmunzeln, war die Alarmierung der Leute nicht so einfach. „Manche hatten schlicht gefeiert und konnten nicht kommen.“ Sonntagfrüh war Deindl deshalb noch skeptisch. 24 Stunden nach Entdeckung des Verbrechens sei aber bereits eine Kernmannschaft von 30 Leuten am Arbeiten gewesen. Neben der vierköpfigen Führungsmannschaftwar es auch ein „erfahrener Kollege“, der für die Pressearbeit zuständig war. „Das ist ganz wichtig“, sagt Deindl.

Die Soko-Leute kamen dabei beileibe nicht nur aus dem Bereich der Kripo Weilheim. „Das kannst Du personalmäßig gar nicht leisten,“ meint deren Leiter. Das Polizeipräsidium Oberbayern vermittelte geeignete Beamte und Fahrzeuge, die aus den Kriminaldienststellen Mühldorf, Miesbach, Garmisch, Rosenheim und Traunstein nach Weilheim abgezogen wurden. Zur perfekten Organisation gehörte auch, dass Unterkünfte für die Leute gesucht wurden. „Wir haben die Übernachtungszahlen rund um Weilheim spürbar erhöht“, glaubt Deindl und lächelt.

Aus der Kripo Weilheim am Meisteranger wurde praktisch über Nacht ein Soko-Hauptquartier. „Da liegt natürlich ein fertiges Raumkonzept in der Schublade“, sagt Deindl, ist aber auch im Nachhinein noch beeindruckt, wie alles funktioniert hat und aus einem normalen Besprechungsraum plötzlich ein Soko-Raum mit zehn perfekt ausgestatteten Arbeitsplätzen wurde.

Eine Soko hat verschiedene Abteilungen. Etwa die „Zentrale Sachbearbeitung“, wo alle Infos zusammenlaufen und „der Wissens- und Erkenntnistransfer stattfindet“. Oder den personalintensivsten Bereich Tatermittlung, der Vernehmungen und Abklärungen vornimmt. Kollegen seien dafür bis nach Polen gefahren, wo die mutmaßlichen Täter beheimatet sind. Die internationale Zusammenarbeit habe trotz mancher bürokratischer Hemmnisse auf dem kleinen Dienstweg ganz gut funktioniert, sagt Deindl.

Fahndung und digitaler Bereich sind weitere Spezialfelder, die besetzt werden mussten. Stichwort digital: Auch die Soko Höfen arbeitete mit der speziellen Analyse- und Ermittlungssoftware EASy. Das Programm verhindert Doppelerfassungen und Parallelbearbeitungen, ist aber, so Deindl, „nicht ganz so easy, wie der Name sagt“. Es brauche gerade in der Anfangsphase einer Soko einen eigenen Mann, der die Kollegen beim Einspeisen von Infos unterstützt.

„Eine Soko ist auch eine Ideenschmiede“, beschreibt Deindl. Einmal am Tag sei die ganze Mannschaft zusammengekommen, um sich auszutauschen und „kreuz und quer zu diskutieren. Da scheut sich keiner, seine Meinung zu sagen.“

Auch „ganz wichtig“ sei das Einschalten der Abteilung „Operative Fallanalyse“ des Präsidiums München gewesen, im Volksmund Profiler genannt. Die Münchner sind gut aufgestellt und weltweit vernetzt. Ihr Leiter Alexander Horn, der auch schon mit dem Brauneck-Fall befasst war und ist (wir berichteten), hat auch den Tatort in Königsdorf inspiziert (Die Bild titelte: „Jetzt übernimmt Deutschlands Topprofiler“) und seine Einschätzung mit der Soko abgestimmt. Das Ergebnis, was etwa Objektauswahl und Tatablauf betrifft, habe sich weitgehend mit den eigenen Erkenntnissen gedeckt, berichtet Deindl. Von da ab machte die Soko alleine weiter.

Der intensive Personaleisatz und die Puzzlearbeit haben sich gelohnt. Hinweise aus der Nachbarschaft rückten die frühere polnische Pflegekraft (49) in den Fokus. Schon am Sonntag wurde etwa 300 Meter vom Haus entfernt die DNA-Spur entdeckt, die nach der Auswertung eine Woche später zu dem als Verbrecher einschlägig bekannten Bruders (43) der Pflegekraft aus Stettin führte. Zu dem Zeitpunkt waren der Soko-Chef und sein Team überzeugt, dass der Fall geklärt wird.

In einer Pressekonferenz am 4. April konnte Deindl dann auch die Festnahme des dritten und vierten Täters verkünden, einer davon der 23-jährige Sohn der Pflegekraft.

Oktober 2017: Dem Opfer geht es einigermaßen passabel, berichtet Deindl. Die vier Täter sitzen in vier Gefängnissen. Die Staatsanwaltschaft bereitet die Anklage vor. Immer noch arbeiten aber vier bis fünf Leute im Alltag an dem Fall, berichtet der vom Soko- wieder zum Kripochef mutierte Markus Deindl. Und es gibt immer noch „Kampftage“ mit mehr Personal. Etwa, als jüngst einer der Täter Besuch aus der Heimat bekam. „Die Leute haben wir dann gleich als Zeugen vernommen“, freut sich Deindl. Es seien wieder ein paar Mosaiksteine mehr gewesen.

„Es klingt ein bisschen großsprecherisch“, zieht Deindl nach längerem Nachdenken Bilanz, „aber ich glaube, wir haben mit der Soko Höfen bis auf Kleinigkeiten alles richtig gemacht.“ Der Prozess kann kommen.

Von Christoph Schnitzer

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