Sondersitzung des Kreisausschusses

Die Zukunft der Geburtshilfe im Tölzer Land: Ticker

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Gibt es bald keine Möglichkeit mehr im Tölzer Land, sein Kind auf die Welt zu bringen? Die Geburtshilfe steht auf der Kippe. Im Kreisausschuss äußern sich heute Experten zur Zukunft der Geburtshilfe. 

  • Die Geburtshilfestation an der Tölzer Asklepios-Stadtklinik schließt Ende des Monats, weil das System mit Belegärzten und -Hebammen nicht aufrecht zu erhalten ist. Die Schließung soll aber - so die Klinik - nur vorübergehend sein, bis eine Lösung gefunden ist.
  • Die Gründung einer eigenen Hauptabteilung an der Klinik war gescheitert, weil laut Asklepios nicht genug Fachpersonal gefunden werden konnte. Nun wird mit den Kliniken in Agatharied und Garmisch-Partenkirchen über die Gründung einer gemeinsamen Hauptabteilung verhandelt.
  • Voraussetzung für eine Lösung ist eine finanzielle Beteiligung des Landkreises. Asklepios beziffert das jährliche Defizit der Abteilung mit 2,2 Millionen Euro. 1,8 Millionen Euro müsste der Landkreis jährlich zuschießen. 
  • Auch die Geburtshilfestation an der Wolfratshauser Kreisklinik ist bedroht.

17.24 Uhr:  Im nicht öffentlichen Teil geht es auch um den Sicherstellungszuschuss, den Asklepios vom Landkreis will. 1,8 Millionen Euro möchte der Konzern, 400.000 Euro würde man selbst tragen. Beschlossen wird darüber heute nicht. Das ist Aufgabe des Kreistags: Dessen Sondersitzung beginnt am Freitag, 24. März, um 14 Uhr im Landratsamt. Die Sitzung ist öffentlich.

16.46 Uhr: Der öffentliche Teil der Sitzung ist beendet.  Im nicht öffentlichen Teil geht es jetzt um das Konzept der Asklepios-Klinik.

16.44 Uhr: Frage: Warum steht die Geburtshilfe in Wolfratshausen eigentlich vor der Schließung? „Tut sie nicht“, betont Dr. Stumpfe. „Das sind Fake-News. Tatsächlich sind wir gut gerüstet.“ Er wolle aber eine nachhaltige Lösung über seine Dienstzeit hinaus. „Wir müssen auch an die nächste Generation denken.“ 

16.40 Uhr: Wie kann man mehr Geburten in den Landkreis holen. Prof. Beckmann ist wieder bei der Exzellenz. Laut  Umfragen unter Schwangeren habe sich gezeigt, dass diese fünf Dinge am wichtigsten an einer Klinik sind: „Guter Parkplatz, gutes Essen, gute Räume, gute Hebammen und auf Platz fünf die Ärzte.“

16.33 Uhr: Frage: Wie viele Notkaiserschnitte gibt es pro Jahr an der Tölzer Klinik? Seit November habe es drei vorzeitige Plazentaablösungen gegeben, antwortet Belegarzt Dr. Stephan Krone. Ein Kind sei gestorben, zwei wurden gerettet. Um allerdings einen Notkaiserschnitt in einem bestimmten Zeitfenster überhaupt erst zu ermöglichen, „muss die Schwangere ja erst einmal der Hebamme vor die Füße fallen“. Nach der Schließung der Tölzer Geburtshilfe „bleiben diese Frauen erst einmal in der Blutlache liegen, bis der Rettungsdienst kommt“, so Krone. Vielleicht werde man sich an diese Fälle gewöhnen müssen. 

16.25 Uhr: Frage: Werden an kleinen Kliniken mehr Fehler gemacht als an großen. „Ja“, sagt Neubauer. Wobei Fehler vielleicht das falsche Wort sei. Die Arbeit sei manchmal von „fragwürdigere Qualität“. Prof. Beckmann ergänzt: „Sobald für die  sehr erfahrenen Belegärzte Stumpfe und Krone neue, unerfahrene Kollegen kommen, steigt die Rate der Komplikationen. Das liegt einfach daran, dass man das, was man häufiger macht, besser kann.“ Er riet auch dringend davon ab, Risikogeburten anzunehmen. „Tun Sie sich das nicht an. Tote Kinder stehen in der Zeitung. Ich raten Ihnen dringend davon ab. Diese Geburten gehören in ein perinatales Zentrum.“

16.09 Uhr: Die Fragerunde beginnt. Heide vom Ministerium beantwortet die Frage, ob ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung eine Geburtshilfe vorhalten muss. „Nein“, sagt Heide. Vorgehalten werden müssten nur eine Innere Abteilung und eine Chirurgie. Aber: „Eine stationäre Geburtshilfe im Landkreis ist erforderlich.“ Mit Blick auf den Zuschnitt des Landkreises und die umliegenden Kliniken sei „aus krankenhausplanerischer Sicht ist der Standort Bad Tölz unverzichtbarer als Wolfratshausen“. Von dort seien nämlich Krankenhäuser in umliegenden Landkreisen innerhalb von 30 Minuten erreichbar. In Gemeinden wie der Jachenau oder auch Lenggries werde das schwierig, wenn der Standort Tölz wegfällt.

16.07 Uhr: Prof. Matthias Beckmann aus Erlangen betont noch einmal, dass es wohl nur mit einem Standort im Landkreis gehen wird. Und er betont noch einmal, dass es  ein Standort sein muss, der durch „Exzellenz“ überzeugt. „Sie brauchen einen exzellenten Chef, exzellente Betreuung.“ Dann würden auch Mütter von außerhalb des Landkreises kommen. „Geburtshilfe ist Tourismus“, hatte er zuvor schon gescherzt. „Die Frauen gehen dahin, wo sie wissen, dass es exzellent ist, wo sie sich wohl fühlen. Wenn Sie das erreichen, verspreche ich Ihnen, dass sich auch Geburten aus Agatharied oder Garmisch zu ihnen verlagern.“

16.02 Uhr:  Herwig Heide von der Abteilung „Krankenhausversorgung“ am bayerischen Gesundheitsministerium hält Belegabteilungen an Kliniken für ein Auslaufmodell. „Auf Dauer werden sie nicht mehr überlebensfähig sein.“ Allerdings sei auch die Einbindung von Belegärzten in eine Hauptabteilung auf „verschiedene Art und Weise möglich“, betonte Heide. Ein Kooperationspartner sei wichtig. „Aber schauen Sie genau hin, was Kooperation wirklich heißt.“ Diese könnte nämlich sehr unterschiedlich ausgestaltet werden. Hier gebe es „keine Denkverbote“, um eine möglichst gute Lösung zu finden.

15.55 Uhr: Andere Lösung: Kompensatorische Stärkung des Standorts Wolfratshausen. Dazu gehören die Erhöhung der Fallzahlen, der Ausbau des Personals und die Erhöhung der Betten. Denkbar ist die Umwandlung der Geburtshilfe in eine hauptamtliche Abteilung mit den beiden Standorten Wolfratshausen und Bad Tölz. Aber auch hier bräuchte es noch einen kompetenten Kooperationspartner. Mit ihm steht und fällt die Frage, ob man ausreichend qualifiziertes Personal findet. „Es muss gewährleistet sein, dass alle Schritte der vollen Weiterbildung ermöglicht werden“, sagt Dr. Thomas Krössin.

15.45 Uhr: Neubauers Vorschlag: Die schwedische Lösung. Dort gibt es sogenannte Boardinghäuser, eine Art Geburtshotel. Die Schwangeren reisen in Ruhe zwei, bis drei Tage vor dem Geburtstermin an und bleiben bis zur Niederkunft.

15.37 Uhr: Prof. Neubauer hat noch mehr Zahlen. Er analysiert die betriebswirtschaftliche Situation der Geburtshilfe an der Asklepios-Klinik. Die Fixkosten liegen demnach derzeit bei rund zwei Millionen Euro. Erst aber einer Geburtenzahl von 1335 Kindern pro Jahr würden hier die Erlöse die Kosten übersteigen. Auch die Gründung einer gemeinsamen Hauptabteilung mit einer anderen Klinik würde dieses Problem nicht lösen. Der Landkreis müsste so oder so rund 1,7 Millionen Euro zuschießen pro Jahr.

15.25: Der Geschäftsführer des Städtischen Klinikums München, Dr. Thomas Krössin, beschließt den Reigen der Redner: Er berichtet vom Babyboom in der Stadt München und das daraus resultierende Personalproblem. Kooperationen seien daher wichtig.

15.18 Uhr: Prof. Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen, erläutert die Gefahren, die kleine Geburtskliniken bergen. Auch wenn man nur Schwangere annehmen, die keine Risikofaktoren aufweisen, komme es bei drei bis fünf Prozent der neu geborenen Kindern zu Problemen. „Die müssen Sie innerhalb von 30 Minuten mit dem Babynotarztwagen in die nächste Kinderklinik bringen können.“ Er plädierte für einen Standort für die Geburtshilfe im Landkreis. „Nehmen Sie den, der vom Babynotarztwagen besser erreichbar ist.“ Zudem müsse man sich eine „Mutterklinik“ suchen. Beckmann plädierte hier für die Klinik in Starnberg.   Dass Asklepios vom Landkreis 1,8 Millionen Euro an Unterstützung pro Jahr fordert, hält Beckmann für eine „erpresserische Situation“. Natürlich sei es möglich, schwarze Zahlen zu schreiben. Man brauche  800 bis 1000 Geburten pro Jahr, dazu aber auch 500 bis 700 OPs in der Gynäkologie.  1000 Geburten sind auch laut  Prof. Dr. Günter Neubauer die Grenze, an der die Erlös die Kosten übersteigen.

14.57 Uhr: Prof. Dr. Günter Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomie, erläutert die Rahmenbedingungen: Er spricht über kürzere Verweildauern im Krankenhaus, steigende Patientenzahlen, aber sinkende Geburten. „Deutschland muss umstrukturieren.“ Er hat auch viele Zahlen mitgebracht. „In Kliniken mit weniger als 500 Geburten pro Jahr ist das Risiko zu versterben um den Faktor 3,5 höher als in Kliniken mit mehr als 1500 Geburten pro Jahr.“ Auch internationale Vergleiche gibt es: Obwohl Schwedinnen beispielsweise deutlich längere Wege in Kliniken zurücklegen müssen, sei die Kindersterblichkeit deutlich geringer als in Deutschland. 

14.52: Martina Winkler, Sprecherin der örtlichen Hebammen, spricht: Sie malt ein eindringliches Bild, was passiert, wenn die Tölzer Geburtshilfestation dauerhaft geschlossen wird. „Die Attraktivität des Landkreises wird sinken.“ Die Sicherheit für Mütter und Kinder sinke. „Das Risiko der Mutter- und Kindsterblichkeit kann steigen.“ Die Frauen, die nach Tölz kommen, hätten Vertrauen in das Team in der Geburtshilfe. „Sie kommen, weil sie sich hier wohlfühlen. Sie entbinden hier leichter als in einer neuen, unbekannten Umgebung.“  Winkler: „Wir fordern den Erhalt der wohnortnahen Geburtshilfe - in Tölz und Wolfratshausen durch Kooperationen mit geburtshilflichen Zentren.“ Und zum Ende: „Wir fordern noch viele Tölzer Kinder.“ Der Applaus dauert lange.

14.40 Uhr: Wissenschaftlerin Christine Wehrstedt (Universität Witten-Herdecke) hält ein flammendes Plädoyer für den Erhalt der wohnortnahen Versorgung. „Lieber eine Klinik mit Grundversorgung als der Straßengraben.“ Nach der Schließung in Bad Tölz müssten werdende Mütter aus der Jachenau einen Weg von 50 Minuten in Kauf nehmen. „Ohne Trekker, ohne  Schnee und ohne Sperrung der Straße am Walchensee. Lange Wege führen zu Schäden. Das ist kein Bauchgefühl, das ist erwiesen.“ Sollte der Weg doch zur Zentralisierung führen, müsse diese geplant und nicht planlos ablaufen.  Planlosigkeit führe zu Chaos. „Dabei bleiben Menschen auf der Strecke. Das sind keine Fälle. Das sind Menschen.“ Leben und Gesundheit sei von Anfang an ein Geschenk. Dessen Erhalt „lässt sich nicht in einer reinen Einnahmenüberschuss-Bilanz darstellen“.

14.35: Stumpfe plädiert auch dafür, zumindest einen Standort zu erhalten. Wolfratshausen werde demnächst ein Konzept dazu präsentieren. Er bittet die Kreisräte aber vor allem um eines: „Die Planungsunsicherheit für alle Beteiligten muss ein Ende haben. Bitte treffen Sie eine gute Entscheidung.“

14.30 Uhr: Dr. Manfred Stumpfe, Belegarzt an der Wolfratshauser Kreisklinik, dankt als erstes seinem Tölzer Kollegen für seinen großen Einsatz. Es gibt großen Applaus.


14.20 Uhr: Dr. Stephan Krone, Belegarzt an der Tölzer Klinik, beginnt. „Noch fliegt der Storch bei uns. Doch bald wird er wegrationalisiert“, sagt Krone. Der Arzt, dessen Vertrag Ende des Monats endet, zeichnet ein düsteres Bild. Mit Qualität und ortsnaher Versorgung habe die geplante Schließung nichts mehr zu tun. „Kann es sich eine Klinik leisten, sich ihres wichtigsten Werbeträgers zu entledigen?“ Ja, Kinder würden Geld kosten, sagt Krone. „Aber sie sind es auch wert.“ Krone plädiert dafür, zumindest eine Geburtshilfe im Landkreis zu erhalten - in Zusammenarbeit mit Agatharied oder Garmisch. „Denken Sie an die Zukunft der Kinder.“


14.12 Uhr: Die Experten werden vorgestellt. Jeder bekommt Applaus.

14.06 Uhr: Landrat Josef Niedermaier erläutert den Ablauf. Zuerst dürfen die örtlichen Ärzte Dr. Krone und Dr. Stumpfe sowie die Hebammen sprechen, dann folgen die weiteren Experten. Dann dürfen die Kreisräte Fragen stellen. Er bittet auch die Zuhörer um Disziplin, damit die Sitzung geordnet ablaufen kann.

14 Uhr: Rund 100 Zuhörer füllen den hinteren Teil des Saals. Gerade werden noch weitere Stühle aufgestellt.


 13.55 Uhr: Folgende Experten sprechen heute im Kreisausschuss zum Thema:  Herwig Heide, der die Abteilung „Krankenhausversorgung“ am bayerischen Gesundheitsministerium leitet, sowie der Tölzer Gynäkologe Dr. Stephan Krone, der Wolfratshauser Belegarzt Dr. Manfred Stumpfe, Hebamme Martina Winkler, Prof. Günter Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomie, Prof. Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen, Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen-Landesverbands, sowie der Geschäftsführer des Städtischen Klinikums München, Dr. Thomas Krössin.

 

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