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Chats via Smartphone können auch zum Mobbing missbraucht werden. 

Whatsapp & Co.: Soziales Leben an der "virtuellen Dorflinde"

Bad Tölz - Darum sind Whatsapp-Chat-Gruppen und Co. für Kinder und Jugendliche so wichtig – und manchmal auch gefährlich.

Es piepst und leuchtet im Minutentakt: Gerade bei Jugendlichen gehört eine rege Kommunikation per Smartphone mittlerweile zum Alltag. Besonders beliebt sind Chat-Dienste wie zum Beispiel „Whatsapp“, über die man sich schnell und unkompliziert miteinander vernetzten kann. Doch bergen diese Gruppen auch Gefahren?

„Diese Art von sozialen Netzwerken sind nicht ungefährlich“ findet Harald Vorleuter, Direktor des Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums. Als Schulleiter hat er damit so manches Mal seine liebe Mühe. Auf der einen Seite könne man diese Plattformen zwar dazu nutzen, um sich zum Beispiel unkompliziert zu verabreden oder um etwas zu recherchieren. „Das ist völlig legitim.“ Schwierig werde es aber dann, wenn Gruppenchats – beispielsweise innerhalb einer Klasse – aus dem Ruder laufen. „Da müssen wir dann die Beteiligten zu digitalen Umgangsformen ermahnen.“ Wenn die Lehrer überhaupt davon erfahren, denn diese Gruppenchats sind für Nicht-Mitglieder nicht einsehbar. Auch Eltern wissen nicht immer, welche Nachrichten, Bilder oder Filme da beim Sprössling ankommen – oder von ihm verschickt werden. Im schlimmsten Fall handelt es sich um üble Kettenbriefe oder es geht sogar in Richtung Mobbing.

„Cool“ findet dagegen die elfjährige Lise ihr Handy, das sie erst zu Weihnachten bekommen hat. „Wer kein Handy hat, kriegt überhaupt nichts mit“, behauptet die Sechstklässlerin, die nun natürlich in der Klassen-Whatsapp-Gruppe Mitglied ist. „Außerdem kann ich nachfragen, wenn ich was zu den Hausaufgaben wissen will.“

„Eher kontraproduktiv“ findet allerdings Jörg Kabierske diese Lernmethode. Der Regensburger Medienpädagoge kommt regelmäßig ins Tölzer Gymnasium, um Schüler und Eltern über den Umgang mit Internet und sozialen Medien aufzuklären. „Das Handy hat während der Hausaufgaben nichts beim Kind zu suchen, das lenkt nur ab.“ Auch nachts sollte das Gerät aus dem Kinderzimmer verbannt werden, denn das dauernde Kommunizieren koste wertvollen Schlaf. Überhaupt seien Zeiten, in denen das Telefon weggelegt wird, immens wichtig – gerade für Grundschulkinder, die nicht selten auch schon ein Smartphone besitzen. „Die Kinder bauen zu ihrem Handy förmlich eine emotionale Beziehung auf, als würde es sich um eine reale Person handeln“, weiß Kabierske. Die Chat-Gruppen dienen hier der Sozialisierung, darin würden sich die jungen „User“ meist gut aufgehoben fühlen. „Das ist eine Art virtuelle Dorflinde“, sagt der Medienexperte.

Dabei entstehe durchaus eine Art Gruppenzwang, sofort auf alles zu antworten, was die Buben und Mädchen wiederum stressen könne. Dieses Problem kennt auch Lise: „Manchmal hab’ ich schon Angst, was Falsches zu schreiben“, gibt die Schülerin zu. „Ich will ja nicht aus der Gruppe geworfen werden.“

Soziale Medien sind heutzutage nicht mehr wegzudenken, Kinder wachsen nun mal damit auf. Kabierske sieht dem Trend weitgehend gelassen entgegen, richtet seinen Fokus bei der Medienerziehung aber ganz klar auf die Eltern. Die hätten allerdings oft keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen: „Aber dann nehmen sie schlicht ihren Erziehungsauftrag nicht wahr und benutzen Handy oder Laptop wie einen virtuellen Parkplatz“ für ihre Kinder. Stattdessen gehe es darum, mit den Kindern „im Gespräch zu bleiben, Regeln zu vereinbaren und sich unbedingt daran halten“. Außerdem rät Kabierske den Kids dringend zu anderen Freizeitaktivitäten neben dem Smartphone, zum Beispiel Sport. ,„Natürlich wollen die Kinder oft einfach nur auf dem Sofa vor dem Bildschirm beim Zocken rumgammeln“, sagt Kabierske. „Dann ist es an den Eltern, sie zu motivieren.“

Kleiner Lichtblick: Mit zunehmendem Alter ebbt die manchmal schon fast beängstigende Faszination für Handy & Co. auch wieder ab. „Ich hatte letztes Jahr mal ein paar Wochen kein Handy“, erinnert sich zum Beispiel die 17-jährige Katharina. „Erst fühlte ich mich von der Außenwelt abgeschnitten, aber dann war’s eigentlich angenehm. Ich war irgendwie nicht mehr so verpflichtet, und konnte mich auch besser aufs Lernen konzentrieren.“ Verzichten will Katharina trotzdem nicht aufs Handy. Aber auf dieses „dauernde Gruppengequatsche“ hat sie keine Lust mehr.Ines Gokus

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