Der neu gewählte Vorstand der Kreis-SPD: (v. li.) Vorsitzender Klaus Barthel, Schriftführer Wolfgang Werner, Angelika Kassner, Beatrice Wagner (beide stellvertretende Vorsitzende) und Kassier Reiner Berchtold.
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Der neu gewählte Vorstand der Kreis-SPD: (v. li.) Vorsitzender Klaus Barthel, Schriftführer Wolfgang Werner, Angelika Kassner, Beatrice Wagner (beide stellvertretende Vorsitzende) und Kassier Reiner Berchtold.

Ernüchternde Bilanz

SPD Bad Tölz-Wolfratshausen hadert mit Wahlergebnissen: „Das haben wir nicht verdient“

  • Patrick Staar
    vonPatrick Staar
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Die Kreis-SPD sieht sich selbst aktuell als „große Baustelle“. Der neue Kreisvorsitzende sieht aber auch Positives und berichtet von einer „wohltuenden Erfahrung“.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Schock über die jüngsten Wahlergebnisse sitzt tief. In der Jahresversammlung im Heilbrunner Gasthaus Reindlschmiede suchte die Kreis-SPD nach Wegen aus dem Tief. Der Tenor: Die Partei muss es schaffen, auch wieder die jungen Wähler anzusprechen. Beispielsweise durch erfolgreiche Aktionen wie die Demonstration gegen das Verkehrschaos in Kochel. An der Spitze der Kreis-SPD versucht nun der ehemalige Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel, das Ruder herumzureißen. Er wurde zum Nachfolger des Geretsrieders Wolfgang Werner gewählt, der nicht mehr für das Amt kandidierte.

Werners Analyse fiel schonungslos aus. Nachdenklich stimmte allein schon die Entwicklung der Mitgliederzahl. Sie sank im Landkreis innerhalb von drei Jahren von 330 auf 275. Nur 17 SPD-Mitglieder gelten als Jusos, sind also unter 35 Jahre alt. Dagegen sind 329 älter als 60 Jahre. Das Durchschnittsalter liegt bei 64 Jahren. „Man sieht, dass es uns an jungen Leuten mangelt“, sagte Werner. „Wir müssen aber auch für Leute, die im Berufsleben stehen, attraktiv sein. Sonst brechen uns ganze Generationen weg, und es sterben die Ortsvereine, die Kreisverbände und die Unterbezirke. Eine große Baustelle.“

„Vor der Wahl hatten wir das Gefühl: Alle wollen uns wählen“

Die Kreis-SPD habe sich lang mit der Kampagne zur Kommunalwahl beschäftigt und das umfangreichste Wahlprogramm aller im Kreistag vertretenen Gruppen entwickelt: „Da ist viel Hirnschmalz reingeflossen“, sagte Werner. Auch die Resonanz an den Infoständen sei sehr positiv gewesen: „Da hätte man das Gefühl gewinnen können: Alle wollen einen wählen. Aber als dann die ersten Wahlergebnisse eingetroffen sind, hat sich schnell Ernüchterung breit gemacht.“ Er könne sich das nicht erklären, sagte Werner. „So hatten wir das nicht verdient.“

Aus zeitlichen Gründen sehe er sich nun nicht mehr in der Lage, das Amt des Kreisvorsitzenden weiterzuführen. „Ich habe ein Kreistagsmandat, bin berufstätig und Familienvater. Ich vermag das nicht mehr unter einen Hut zu bringen. Ich war über sechs Jahre lang Kreisvorsitzender. Ich denke, ich habe meiner Pflicht genüge getan.“

Die Wolfratshauserin Ilse Nitzsche fand kritische Worte: Sie sei seit 48 Jahren Mitglied bei der SPD, und bei jeder Wahl sei es bergab gegangen. Ihre Forderung: „Wenn man merkt, dass was nicht funktioniert, muss man was Neues machen.“ „Sehr erfolgreich“ sei die Verkehrs-Demonstration in Kochel verlaufen, merkte die stellvertretende Ortschefin Angelica Dullinger an: „Da waren ganz viele Leute dabei, die sonst nicht zu unseren Veranstaltungen kommen.“

Klaus Barthel mit 23 Ja- und einer Nein-Stimme zum Kreisvorsitzenden gewählt

Es werde keineswegs alles schlechter, befand der mit 23 Ja- und einer Nein-Stimme zum Kreisvorsitzenden gewählte Klaus Barthel: „Wir haben unsere Streits aufgearbeitet und zurückgestellt und sind sehr geschlossen aufgetreten.“ Dies sei eine „sehr wohltuende“ Erfahrung: „Ich habe da schon ganz andere Zeiten erlebt.“ Das Wahlergebnis habe auch er als „erschreckend“ empfunden: „Wir sind flächendeckend in ganz Bayern als Partei abgestraft worden.“ In Gemeinde- und Stadträten sowie im Kreistag gebe es nur noch sehr wenige SPD-Räte: „Zugleich habe ich aber den Eindruck, dass die Erwartungen an uns immer höher werden, je weniger wir werden“, sagte Barthel. Letztlich bringe es nichts, auf andere zu deuten: „Wir können nicht sagen: Der Landesverband ist Schuld, die Bundesebene ist Schuld, die Welt ist Schuld. Wenn wir mit den Fingern da hinzeigen, zeigen immer ein paar Finger auch auf uns – denn wir sind Teil der Bayern-SPD und Bundes-SPD.“

Seiner Ansicht nach müsse die SPD alle Arbeitnehmer im Blick haben. So müssten viele Menschen immer weitere Wege auf sich nehmen, um zur Arbeitsstelle zu gelangen: „Die Pendler machen sich mit den Fahrten kaputt. Daher muss mindestens die Hälfte der Fahrzeit als Arbeitszeit gelten.“ Zugleich dürfe man sich nicht über die Spaltung der Gesellschaft wundern: „Durch die Arbeitsmarkt-Reformen und Rentenpolitik werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.“ Nun gehe es darum, die Hausaufgaben zu machen, sagte Barthel: „Es tut dem Land nicht gut, wenn die Sozialdemokratie schwach ist.“

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