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„Da steckt viel Arbeit drin“

Bad Tölz-Wolfratshausen - Sind Flüchtlinge eine große Chance für den deutschen Arbeitsmarkt, um den Fachkräftemangel zu verringern? Oder ist ihre Integration in reguläre Jobs vor allem ein Problem? Die Betrachtungsweise von Arbeitgebern aus dem Landkreis fällt differenziert aus.

Fünf Flüchtlinge arbeiten derzeit im Tölzer Josefistift – und zwar großteils als Ein-Euro-Jobber. „Das bedeutet, sie erledigen gemeinnützige zusätzliche Aufgaben“, erklärt Heimleiterin Bettina Emmrich. Dazu gehöre etwa, dass die Somalis und Afghanen Laub rechen, den Christbaum schmücken oder mit den Bewohnern Plätzchen backen. Das sei „eine Chance, erste Schritte auf dem Arbeitsmarkt zu tun“. Um fest angestellt zu werden, seien aber gute Sprachkenntnisse oberste Voraussetzung, betont Emmrich. „In der Pflege wird zu Recht auf Qualität geachtet. Ich kann keine Leute beschäftigen, die sich nicht richtig mit den Menschen verständigen können.“

Für den Flüchtling aus Tansania, der noch bis Ende Februar den Bundesfreiwilligendienst im Josefistift absolviert, könnte eine sechswöchige Weiterbildung zum Betreuungsassistenten eine Perspektive sein – allerdings wohl nicht im Josefistift, sagt Emmrich. „Gerade hatte ich auch ein Gespräch mit einem jungen Syrer, der ein Praktikum machen möchte“, berichtet sie. Bei ihm sei vorstellbar, dass danach ein Jahr Bundesfreiwilligendienst folgt, dann vielleicht ein Jahr Ausbildung zum Pflegehelfer – als Langzeitperspektive womöglich auch noch weitere drei Jahre Ausbildung zur Fachkraft. Der Weg zum vollwertigen Job ist also steinig und weit.

Andere Einstiegsmöglichkeiten bietet das Hotelgewerbe. Im Lenggrieser Arabella Brauneck Hotel macht ein junger Mann aus Eritrea derzeit eine Ausbildung zum Koch. „Wir haben mit dem Kollegen einen Riesenspaß, er entwickelt sich toll“, erklärt Hoteldirektor Christoph Seitz. Allgemein sei der Zuzug von Flüchtlingen „eine Riesenchance“ für die Hotellerie. „Jedes Haus sucht Köche, Kellner und andere Mitarbeiter.“

Bedarf an Fachkräften hat der Tölzer Luftfahrtzulieferer Sitec Aerospace. Wenn sich ein Maschinenbauingenieur aus Syrien bei Sitec bewerbe – prima. „Jemanden, der qualifiziert ist, nehme ich gern, da kann er aus Neuseeland oder Grönland kommen“, sagt Geschäftsführer Armin Hilgarth. Eines sei aber klar: „Wir brauchen die besten Leute, sonst können wir den Wettbewerb nicht gewinnen.“

Mit Blick aufs Gesamtbild hegt Hilgarth unterdessen Zweifel, ob der Flüchtlingszuzug das deutsche Fachkräfteproblem löst. „Laut Studien ist ein großer Teil schlecht ausgebildet. Ich denke, es wird sich eher der Druck auf die Bewerber erhöhen, die einen der immer weniger werdenden Jobs für Geringqualifizierte suchen.“ Die Aufgabe, alle Flüchtlinge gut auszubilden, sei allerdings wegen ihrer hohen Zahl schwer zu bewältigen.

Einen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt kann das Handwerk bieten. Flüchtlinge anzustellen, sei „grundsätzlich kein Problem“, sagt Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter. „Arbeit ist da.“ Auch im Handwerk gelte freilich: „Wir brauchen Leute, die was können.“ Die besten Chancen sieht Heimgreiter für junge Leute, die eine Ausbildung machen wollen. So schnell geht das jedoch nicht. „Zuerst dachte ich, ein Jahr in der vorbereitenden Klasse an der Berufsschule reicht“, sagt der Schreinermeister aus Waakirchen. Die Praxis zeige laut Heimgreiter nun aber, dass ein Jugendlicher in der Regel drei Jahre benötige, bevor er ausbildungsreif sei. Mit drei Jahren Lehrzeit vergingen dann also sechs Jahre, bis er beruflich auf eigenen Beinen stehe.

„Chancen sind da, man sollte schauen, dass man sie nutzt“: So beschreibt Konrad Stelmaszek, Obermeister der Bäckerinnung Miesbach/Bad Tölz-Wolfratshausen das Thema. „Da steckt aber auch eine Menge Arbeit und Geld drin.“ Deswegen „sollte man nicht zu früh Hurra schreien“, sagt der Inhaber der „Königsdorfer Backstube“. Sicher werde der ein oder andere Flüchtling den Bäckerberuf ergreifen und damit den Lehrlingsmangel verringern. „Es ist aber auch zu hören, dass viele eher zu Berufen wie Mechatroniker und zur Elektrotechnik tendieren – zu Berufen, die sie vielleicht später in der Heimat brauchen können.“ Und für Flüchtlinge sei die Versuchung groß, lieber einen einfachen Mindestlohn-Job anzunehmen, als eine Ausbildung zu machen, bei der sie anfangs weniger Geld bekommen. „Es wird sich vermutlich einpendeln.“

Von Bäckerkollegen habe er unterschiedliches gehört. In der Tölzer Bäckerei Hegmann-Büttner seien die Erfahrungen mit Flüchtlingen in der Ausbildung „sehr gut“, anderswo klappe es nicht so gut, sagt Stelmaszek. „Es sind eben alles Individuen.“

Selbst stieß Stelmaszek bei der Integration auf praktische Probleme. Ein Flüchtling sollte in der „Königsdorfer Backstube“ probearbeiten. „Aber solange er keinen Aufenthaltsstatus hat, hat er Residenzpflicht in Bad Heilbrunn. Und von dort fährt so früh, wie wir anfangen, kein Bus nach Königsdorf. So kam es dann nicht zustande.“

Andreas Steppan

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