Blinkende Früchte: Das Spiel „Triple Chance“ ist auch in Tölz der Renner. Bild: Ole Spata/DPA

Verlangen, Kontrollverlust und Entzugserscheinungen

Tabuthema Spielsucht - Im Bann der Automaten

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Spielhallen gibt es viele im Landkreis. Ihr Besuch ist für nicht wenige Menschen mit einer Sucht verbunden. Für viele ist es ein Tabuthema.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Eine Cola, ein Wasser: Eine Frau, sie trägt Kurzhaarschnitt und schwarzen Zweiteiler, stellt zwei Gläser auf den Marmorsockel zwischen den Automaten. Es ist ruhig, sanfte Popmusik schwebt durch den Raum. Dazu spucken blinkende Spielautomaten aufmunternde Tonfolgen aus. „2 Euro“, kassiert die Angestellte für beide Getränke. Rechts von dem Marmorsockel sitzt an einem Automaten Jakob, spielt und erzählt. Wir befinden uns in einer von zehn Spielotheken im Landkreis. Jakob heißt eigentlich nicht Jakob. Doch das Thema, über das er berichtet, ist ein großes Tabu in Bad Tölz. Deswegen will er unerkannt bleiben.

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Der junge Mann kennt sich in der Spielhalle gut aus. Über etliche Jahre hinweg verbrachte er viel Zeit an diesem Ort. „Früher waren die Getränke hier sogar umsonst“, sagt Jakob. Vor ihm drehen sich bunte Fruchtmotive, der Automat quiekt. Das Spiel, das er gerade zockt, heißt „Triple Chance“. Der Tölzer und seine Freunde spielten, einige seiner Kumpel sind bis heute süchtig. Weil es weniger auffällt, spielen diese Männer heute aber nur noch im Internet.

Verlangen, Kontrollverlust und Entzugserscheinungen: Michael Hanfstengl von der Caritas-Fachambulanz für Suchtkranke in Geretsried berichtet, dass bei der Spielsucht das Gleiche geschehe wie bei einer stoffgebundenen Abhängigkeit wie beispielsweise Alkoholsucht. Und: „Spielsucht tritt auch oft in Kombination mit Alkohol, Kokain oder auch mit Cannabis auf“, so Hanfstengl.

Angefangen hatte es bei Jakob im Winter. Er und seine Freunde wussten nichts mit sich anzufangen, in den „Spielos“, so nannten sie die Etablissements, war es warm. Nicht nur Getränke waren gratis: „Manchmal kam die Frau auch vorbei und brachte Pizzaschnitten oder Süßigkeiten“, sagt Jakob mit einem Kopfnicken in Richtung der Kellnerin. Sogar das Rauchen war erlaubt.

„Wie bei fast allen Süchten steht am Anfang der Spaß im Vordergrund“, sagt Hanfstengl. Doch ein geringes Selbstwertgefühl, die Suche nach Zerstreuung und Stress-Abbau und die Annahme, das Spielen biete Lösungen für ein Problem: All das führe auf Dauer zur Sucht, sagt der Experte.

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Der Gewinn, das macht für viele in den Spielhallen alles wett. „Die Leute vergessen dabei, dass sie ein Vielfaches des Gewinns in all den Tagen zuvor verspielt haben“, sagt Jakob. Er selbst war nach eigenen Angaben nie süchtig. Nur einmal verspielte er sein ganzes Lehrlingsgehalt – am ersten Tag des Monats. „Das war schon scheiße. Den ganzen Monat konnte ich nichts anderes mehr unternehmen, nicht einmal das Auto volltanken.“

Jakob war das eine Lehre, er spielte von da ab nur noch um kleine Beträge. Als auch sein Bruder in die Szene hineinrutschte, hörte er ganz auf. Doch einige seiner Freunde spielen noch immer.

„Von entscheidender Bedeutung bei der Bewältigung der Spielsucht ist die Krankheitseinsicht“, sagt Hanfstengl. Der Königsweg sei die Abstinenz: „Es geht darum, seine Spielsucht öffentlich zu machen.“ Man könne sich bei Spielotheken sperren lassen. Hanfstengl: „Wichtig ist, dass Freunde eingeweiht werden.“

Geborgenheit: dieses Gefühl vermittelt die Tölzer Spielhalle - so wie andere Lokale auch. Auffallend ist aber: Der Raum hat keine Fenster, und nirgends gibt es eine Uhr. Raum und Zeit verschwimmen, während man spielt. Nicht Sekunden oder Minuten bemessen hier das Leben – nur die Menge der verspielten Münzen. Und die Hoffnung, hin und wieder zu gewinnen. 

Nora Linnerud

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