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„Voll daneben“: Tafeln im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen verweigern sich dem Wettbewerb

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Von: Andreas Steppan

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Die Idee, einen Preis für Bayerns beste Tafel auszuschreiben, stößt auf Kritik. (Symbolbild)
Die Idee, einen Preis für Bayerns beste Tafel auszuschreiben, stößt auf Kritik. (Symbolbild) © dpa / Andreas Arnold

Die Idee aus dem Agrarministerium, einen Preis für Bayerns beste Tafel auszuschreiben, kommt im Landkreis gar nicht gut an. Von den Tafeln will sich keine um den Titel bewerben.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Selten hat die Auslobung eines Preises so viel Kritik auf sich gezogen: Das bayerische Landwirtschaftsministerium hat mit der Ausschreibung eines Wettbewerbs der Tafeln diejenigen gegen sich aufgebracht, die damit eigentlich belohnt werden sollten.

„Schrecklich“ ist das erste Wort, das Birgitta Opitz, der Sprecherin der Lenggrieser Tafel, zu dem Wettbewerb einfällt. Sie sieht darin einen Widerspruch zum Gedanken der Tafeln. Der laute: „Es wird eingesammelt, was übrig ist und nicht weggeschmissen werden darf, weil es noch gut ist. Das wird denen zugeführt, die dankbar dafür sind.“ Jeder Tafel-Mitarbeiter engagiere sich aus Überzeugung. „Es geht am Ehrenamt und an der Nächstenliebe vorbei, wenn die Tafeln untereinander in Konkurrenz treten“, sagt Opitz. Im Gegenteil sei es gute Sitte, dass sich die Tafeln gegenseitig unterstützen. Wenn in Lenggries in der touristischen Hochsaison mehr eingekauft werde und weniger übrig bleibe, „dann sind die Tölzer die ersten, die uns aushelfen“. Wenn der Staat den Tafeln helfen wolle, solle er das Preisgeld „so aufteilen, dass es allen zugutekommt“. Oder besser: „überlegen, warum es Tafeln überhaupt gibt“.

Tölzer Tafel findet Wettbewerb „voll daneben“

Auch Reinhold Pohle, Sprecher der Tölzer Tafel, findet den Wettbewerb „voll daneben“. Auch er betont den Teamgedanken – sowohl mit den Tafeln in den Nachbarorten als auch der einzelnen Tafelhelfer untereinander. „Jeder macht seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen“, erklärt Pohle. Diese Leistung entzieht sich aus seiner Sicht der Bewertung, wie sie das Agrarministerium vorsieht: Dort soll diejenige Tafel belohnt werden, die pro Helfer am meisten Lebensmittel einsammelt.

Die Zahlen, die die Tölzer Tafel vorweisen kann, sind dabei alles andere als schlecht. „Wir verteilen jedes Wochenende etwa zwei Tonnen an Lebensmitteln“, so Pohle. Bei solchen Daten kommt es ihm aber nicht darauf an, sich mit anderen zu messen, sondern dass ein kleiner Teil der jährlich 8 bis 11 Millionen Tonnen Lebensmittel, die in Supermärkten und Bäckereien weggeworfen werden, noch Verwendung finde. Und dass etwa 500 bedürftige Menschen in Tölz bis Mittwoch oder Donnerstag versorgt seien.

Konkurrenz hat bei den Tafeln nichts verloren

Der Erfolg einer Tafel bemisst sich auch für Thomas Schneider von der Tafel Loisachtal nicht in Kilogramm, sondern daran, „ob unsere Kunden zufrieden sind“. Von den Ehrenamtlichen gebe dafür jeder sein Bestes. Wie viele Lebensmittel die Fahrer auf ihren Touren einsammeln, hänge aber nicht von ihnen selbst ab, sondern davon, was die Supermärkte gerade übrig hätten und zu geben bereit seien. Das zum Gegenstand eines Wettbewerbs zu machen, „ist nicht sinnvoll und hilft keinem weiter“, meint Schneider.

Auch nach Meinung von Claudia Brenner, stellvertretende Vorsitzende der Geretsrieder-Wolfratshauser Tafel, hat jegliche Art von Wettbewerb, Konkurrenz und Leistungsdenken bei den Tafeln nichts verloren. „Darum geht es niemandem, der sich in diesem Bereich engagiert.“ Zudem sei ihr die Ausrichtung des Wettbewerbs zu einseitig. „Wir retten nicht nur Lebensmittel, sondern leiten sie auch an diejenigen weiter, die sie brauchen.“

Damit erfüllen die Tafeln aus ihrer Sicht eine Aufgabe, „die eigentlich dem Staat zukommt – nämlich den Menschen, die finanziell nicht gut dastehen, unter die Arme zu greifen“. Auch insofern sei es „zynisch“, nun einen Preis für die beste Tafel auszuschreiben. Für ihren Einsatz wünscht sich Claudia Brenner keine finanzielle Belohnung – auch wenn Spenden natürlich bei allen Tafeln willkommen und dringend benötigt sind –, denn es handle sich letztlich um etwas „Selbstverständliches“. Weil der Wettbewerb „falsche Akzente“ setzte, wünscht sich Claudia Brenner, „dass sich keine Tafel daran beteiligt und wir so ein Zeichen setzen“. Zumindest im Landkreis geht dieser Wunsch offenbar in Erfüllung. ast

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