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Haben Tauschpartner in Australien und Malaysia: Holger Ritthaler (li.), Organisator und Vorsitzender der Briefmarkenfreunde, und Gisbert Pohl, der die Ausstellung zur Geschichte der Tölzer Brauereien konzipiert hat. 

Tauschfreunde

Unter Jägern und Sammlern

Bad Tölz – Großtauschtag: Die Briefmarkenfreunde in der Turnhalle des Gymnasiums suchen nach wahren Schätzen. Ein Besuch.

Der ehrgeizige Sammel-Profi ist pünktlich, lieber überpünktlich. Nicht, dass ihm ein anderer die wertvollsten und spannendsten Marken, Ansichtskarten oder Münzen wegschnappt. Um neun Uhr morgens öffneten sich am Samstag die Türen der Gymnasiums-Turnhalle zum Großtauschtag der Briefmarkenfreunde Bad Tölz-Hausham.

Rund um die Halle haben die Philatelisten ihre Tische aufgebaut – und sie mit hunderten Kisten und Sammelmäppchen vollgestellt. Man kennt sich in der Briefmarken-Branche, immer wieder die gleichen Gesichter auf dem jährlichen Tauschtag, Freundschaften sind entstanden.

Und trotzdem sind da diese angespannten Mienen. Denn: „Es ist eine Jagd, es geht ums Stechen“, erklärt Organisator Holger Ritthaler (63). Vielleicht ist die Marke aus den frühen DDR-Zeiten ja doch mehr wert, als der naive Verkäufer glaubt. Hier finden Wissensduelle statt, ein Konkurrenzkampf, der bares Geld bringt. Ritthaler, Vorsitzender der Briefmarkenfreunde, erzählt, dass er zuletzt einen Beleg aus England gekauft hat – bei Ebay für 49 Pence. 62 Cent entspricht das. Der britische Verkäufer hat die Sonderpost für Kriegsgefangene aus dem Februar 1946 unterschätzt. „Unter Freunden sind die Marken 100 Euro wert“, sagt Ritthaler und kann sich ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen. Das Internet habe das Sammlertum verändert. „Ich habe Tauschpartner in Australien und Malaysia.“ Und auch die Jungen würden durch das Netz die Freude an alten Briefmarken entdecken.

Der Altersschnitt in der Halle ist trotzdem hoch. Gisbert Pohl ist 72 Jahre alt, und doch versprüht er die Begeisterung eines kleinen Kindes. Wenn es um historische Tölzer Ansichtskarten geht, ist dieser Mann nicht zu stoppen. Fragen stellen ist zwecklos, Pohl redet, scheinbar ohne Luft zu holen. „Ich dachte immer, es gab 22 Brauereien in Tölz, dabei sind es 23“, sagt er und setzt dabei ein staunendes Gesicht auf, das ein wenig an den Moderator von „Galileo Mystery“ erinnert. Die Bier brauenden Franziskanermönche habe er in seiner Sammlung zunächst vergessen.

Pohl hat 7000 Ansichtskarten von Bad Tölz und Landkreis im Sortiment, anlässlich der 500 Jahre Reinheitsgebot hat er hunderte davon für eine Ausstellung zur Geschichte der städtischen Brauereien zusammengestellt. Seine Tafelwand zieht sich als Schlauch durch die Mitte der Halle. Hier kann man einiges lernen: Nicht nur, dass ganze 21 Brauereien in der Marktstraße angesiedelt waren, sondern auch, dass der erste Tölzer Postbote ein Italiener war. Und dass sie das Hacklbräu 1874 abgerissen haben, um die damalige Bahnhofstraße und heutige Hindenburgstraße bauen zu können. Eine Karte zeigt die älteste Tölzer Brauerei, den Oberkerschbräu, der im heutigen Sparkassengebäude seinen Sud mischte. Daneben: Ein Bierwagen aus dem Jahr 1930 und eine Sammlung sämtlicher Stempel des Tölzer Postamts seit 1830 – darunter auch eine mit amerikanischem Siegel.

Nach Pohls Privatführung schlendert man rüber zu Burkhard Magin. Ein wesentlich nüchterner Zeitgenosse. Klar, das hier ist sein Job. Der berufsmäßige Philatelist ist aus Worms angereist. Jedes Wochenende baut der Händler seinen Stand woanders in Deutschland auf. Eine Tafel zeigt die nächsten Ortstermine an: Berlin, Köln, München. Das liest sich wie der Tourkalender einer Band.

Bei Magin gibt es Raritäten aus dem Ersten Weltkrieg, dem Deutschen Reich und jeder Menge europäischer Länder. Der 37-Jährige hat sich auf Briefe spezialisiert. Für manche davon bekommt er schon mal 1000 Euro. „Aber manchmal verhaut man sich auch“, beichtet Magin. Wegen seiner teuren Farbe kaufte er einst einen Brief für 400 Euro. Er war sicher: Der ist tausende von Euro wert. Nach einer zweiten Prüfung stellte sich aber heraus, dass er gerade zehn Euro bekommen würde. „Aus Fehlern lernt man“, sagt Magin. Und doch sieht er nicht wie jemand aus, dem so etwas nochmal passieren könnte.

Angst vor Diebstahl hat er mit seinen Kisten voll Kapital natürlich. Ab einem Wert von 30 Euro mache er Kopien für die Auslage. Magin: „Seitdem schlägt das Herz etwas langsamer.“

Tobias Gmach

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