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In New York gehören Fahrzeuge von Amazon Fresh durchaus bereits zum Straßenbild.

Nahversorgung

Taxi-Fahrer als Lieferant

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Frisches Gemüse vom Postboten? Klar, DHL hat seinen eigenen Online-Supermarkt. Auch lokale Geschäfte liefern Backwaren, Fleisch und Wassertragel ins Haus – aber nur in Ausnahmefällen.

Bad Tölz-Wolfratshausen Schlange stehen war gestern, nie mehr schwere Einkaufstüten schleppen: So werben Online-Supermärkte für ihren Lieferservice. Sie heißen „AllyouneedFresh“, „food.de“ oder „mytime“. Aber auch Rewe, Edeka oder Lidl bringen frische Lebensmittel auf Internet-Bestellung ins Haus. Netz-Gigant Amazon verkauft schon seit 2010 Fleisch, Chips, Kaffee und vieles mehr – meist von externen Händlern. Mit dem Angebot „Amazon Fresh“ will das Unternehmen das Geschäft in Deutschland bald intensivieren und Obst und Gemüse innerhalb weniger Stunden liefern.

Der Lieferservice von Lebensmitteln ist ein großer Online-Markt – aber keine neue Idee. Hans-Joachim Freywald, Betreiber der Edeka-Märkte in Kochel und Benediktbeuern, hat damit schon vor 40 Jahren Erfahrungen gemacht. Keine guten, wie er sagt. „Das Angebot wurde oft ausgenutzt.“ Der Westfale Freywald arbeitete einst in Bergisch Gladbach. Es rechne sich eben nicht, wenn man die absoluten Sonderangebote wie Wasserkisten „in die untersten Etagen“ schleppen muss. Freywalds Märkte im Loisachtal liefern nur in Ausnahmefällen: „Wenn jemand nach einer OP gerade nicht laufen kann zum Beispiel.“ Genauso handhabt es auch Kaspar März, Chef der Edeka-Geschäfte in Bad Tölz und Lenggries. „Wir haben kein generelles Lieferangebot“, sagt er auf Nachfrage.

Trotzdem komme es meist einmal in der Woche vor, dass die Marktleiter ausrücken müssen. März sieht das als Service für treue Kunden und ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind. „Meistens geht es da um den Wocheneinkauf im Wert von 20 bis 30 Euro.“ Gebühren verlangt März dafür nicht. Als Geschäftsidee für die Edeka-Märkte in Tölz und Lenggries taugt der Lieferdienst nicht. „Die Bestellung am Telefon dauert, die Leute wollen teilweise auch beraten werden. Das ist ein Zeitfaktor.“ Freywald stimmt zu: Neben der Personalkosten bräuchte man ein geräumiges und vollgetanktes Auto. Nicht rentabel also.

Trotzdem ist die Idee, Nudeln, Marmelade oder Backwaren liefern zu lassen, in der ländlichen Region gefragt. Etwa 50:50 sei das Bestellungsverhältnis zwischen Stadt und Land bei „AllyouneedFresh“, sagt Sprecher Max Thinius.

Wer zum Beispiel in Reichersbeuern bis 21 Uhr bestellt, bekommt seine Lebensmittel schon am nächsten Tag in die Hand gedrückt. Man kann sogar ein Zustellungs-Zeitfenster wählen. Wie diese Logistik deutschlandweit funktioniert, ist schnell erklärt: AllyouneedFresh ist der Online-Supermarkt der Deutschen Post DHL. Ein paar „Spaßvögel“ hätten irgendwann angefangen, eine Flasche Bier oder eine Tüte Chips zu bestellen, erzählt Thinius. Das Unternehmen reagierte: Seither gilt der Mindestbestellwert von 20 Euro. 4,90 Euro beträgt die Liefergebühr bei frischen Produkten, ab einem 40 Euro-Einkauf entfällt sie.

Hermann Lappus, Vorsitzender des Seniorenbeirats im Landkreis, sieht im Online-Lieferservice Zukunftspotenzial. Aber er warnt auch: Für ältere Menschen sei das Essen-Bestellen nur „losgelöst vom Internet“ ein Thema. Und: „Es birgt die Gefahr, die Sozialkontakte zu verlieren.“ Apropos: Lappus bringt das Stichwort „Nachbarschaftshilfe“, plädiert für private Netzwerke und denkt generationsübergreifend: „Schüler oder Studenten können sich was dazuverdienen, wenn sie in ihrem Viertel für Senioren einkaufen.“

Eine Alternative zu den Sammelbestellungen, die im Landkreis laut Lappus praktiziert wird? Die ältere Dame von nebenan einfach ins Auto packen und zum nächsten Laden mitnehmen. Oder die Waren vom Taxi liefern lassen. Per E-Mail oder telefonisch kann man dem Fahrer die Einkaufsliste durchgeben. „Aber das kommt nur einmal im Monat vor“, sagt Michael Much, Geschäftsführer des Tölzer Taxiunternehmens. Kein günstiger Spaß. Allerdings liefere Taxi Much diverse Gegenstände im Tölzer Stadtgebiet für den Pauschalpreis von sieben Euro. „Wer was zum Fahren hat, kann uns anrufen“, so Much. Vor über fünf Jahren habe er eine Lieferkooperation auf die Beine stellen wollen. „Aber die Tölzer Märkte wollten das damals nicht.“ Die Idee: Die Märkte sammeln fünf bis zehn Bestellungen, die der Taxi-Fahrer dann in einem Aufwasch ausliefert. Jetzt, wo das Online-Bestellen immer beliebter wird, sagt Much: „Vielleicht probiere ich es ja nochmal.“

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