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Auf Testfahrt in Österreich: In den selbstfahrenden Bus, der hinter der Gruppe zu sehen ist, stiegen unter anderem Zweckverbands-Geschäftsführer Michael Braun (5. v. li.) und die Holzkirchner Delegationsteilnehmer Erdal Karli (re.) und Robert Haunschild (4. v. re.).

Mobilität der Zukunft

Testfahrt im autonomen Bus: Es ruckelt auf dem Weg in die Zukunft

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Die Zukunft des Straßenverkehrs gehört dem autonomen Fahren. In Bad Birnbach setzt die Deutsche Bahn seit wenigen Wochen sogar erstmals einen selbstfahrenden Elektrobus ein. Doch wie weit ist die Technik wirklich? Eine Reisegruppe aus dem Oberland stieg jetzt nahe Salzburg zur Testfahrt in einen autonomen Bus ein – und kam nicht weit.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Auf den ersten Blick sieht es in der Gemeinde Koppl nicht gerade aus, als befinde man sich an einem Forschungsstandort der Zukunftstechnologie. Im Gegenteil: Hier, im idyllischen Salzburger Land, scheint die Welt noch eher unberührt von allzu viel Fortschritt. Zwischen Hügeln und grünen Wiesen zweigt ein schmales, huckeliges, steiles Sträßchen in Richtung eines schmucken Ortskerns ab. Alles wirkt traditionell und vertraut – wäre da nicht dieses Hinweisschild am Straßenrand: „Testfahrten selbstfahrender Bus“.

Genau diese Besonderheit ist der Grund, warum sich ein kleines Grüppchen aus dem Oberland nach Koppl aufgemacht hat. Der „Zweckverband Kommunales Dienstleistungszentrum Oberland“, wie er seit Kurzem offiziell heißt, hat zu der Infofahrt eingeladen. Ursprüngliche Kernaufgabe der in Bad Tölz ansässigen „Blitzer“ ist die Verkehrsüberwachung. Doch seit Neuestem hat es sich der Zweckverband auch auf die Fahnen geschrieben, seine 120 Mitgliedsgemeinden bei den Herausforderungen durch neue Mobilitätsformen zu begleiten. Daher wurde die „Verkehrssicherheit“ aus dem Namen gestrichen und durch das allgemeine Wort „Dienstleistungszentrum“ ersetzt.

Die Wunderkugel schleicht lautlos um die Kurve

Eines der ersten Angebote in dieser Richtung ist nun der Ausflug, bei dem Interessierte die Gelegenheit bekommen sollen, sich einmal in einen selbstfahrenden Bus zu setzen. Ganz ohne Fahrer kommt der angeblich aus. Zu dem Dutzend Interessierter, die mitgekommen sind, gehören eine Vertreterin der Regierung von Oberbayern, der Bürgermeister von Schondorf am Ammersee und der Geschäftsleitende Beamte des Holzkirchner Rathauses. „Vielleicht erleben wir noch, wie einmal so ein autonomer Bus durch Bad Tölz, Holzkirchen oder Miesbach fährt“, hat Zweckverbands-Geschäftsführer Michael Braun die Mitreisenden auf der Fahrt neugierig gemacht.

Gespannt wartet das Grüppchen nun vor dem Rathaus von Koppl auf die Ankunft des futuristischen Wundergefährts. Erste Erkenntnis: Die Fahrt in die Zukunft ist offenbar alles andere als rasant. In gefühltem Schneckentempo schleicht die weiße Wunderkugel lautlos den Berg hinauf. Jetzt müsste das Elektrofahrzeug nach links in die Busbucht vor dem Rathaus einbiegen. Stattdessen bleibt der Bus erst einmal aus unerfindlichen Gründen stehen. Schließlich tastet er sich doch noch um die Kurve, um in gebührendem Abstand vor den Gästen aus Bayern abermals anzuhalten. Blockieren die Wartenden den Sensorbereich? Irgendwie ruckelt das Wunderwerk der Technik doch noch in seine Parkposition, und es steigen Dr. Karl Rehrl, Magister Cornelia Zankl sowie ein Praktikant von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft aus.

„Navya“ heißt das Modell, vor dem die Betrachter nun staunend stehen. Gebaut hat es ein französischer Hersteller, mit zugelieferten Teilen aus der Peugeot-Gruppe (PSA). Der Verkaufspreis des Navya liege bei 250 000 Euro, sagt Rehrl. Die landeseigene Salzburg Research Forschungsgesellschaft hat ihn für 3500 Euro im Monat gemietet, um ihn von April bis Ende November einmal auszuprobieren – vor allem aus dem wissenschaftlichen Interesse, „wo die Technik heute steht“. Aber auch verkehrspolitische Gedankenspiele Salzburgs stehen im Hintergrund. „Das Ziel lautet hier, dass es in der Innenstadt nicht noch mehr Individualverkehr gibt“, sagt Rehrl. Auch als Shuttle zwischen kleinen Ortschaften und der nächsten Bushaltestelle könne so ein autonom fahrender Bus interessant sein.

Eine faszinierende Sache, die vor Kurzem noch undenkbar war

Auf einer 1,4 Kilometer langen Strecke zwischen dem Zentrum vom Koppl und der nächsten Hauptstraße darf der Navya jetzt hin- und herpendeln. 15 Personen passen hinein, mit maximal 20 Stundenkilometern darf er dahinflitzen. „Hier gibt es durchaus Verkehr – aber nicht sehr viel“, erklärt Rehrl die Auswahl der Teststrecke. „Die Autofahrer in der Gegend sind langsame Fahrzeuge gewohnt, etwa Traktoren.“ Und es sei weltweit die erste Teststrecke, auf der der Navya eine Steigung von acht Prozent zu bewältigen habe.

Ein völlig selbstständiges Fahren traut man dem Navya hier aber aus Sicherheitsgründen noch nicht zu. „Es muss immer eine Person mit an Bord sein, die letztverantwortlich ist“, sagt Rehrl. Für den Test sei der Bus so programmiert, dass er bei jeder kritischen Situation – etwa beim Linksabbiegen – erst einmal stehen bleibt und der „Fahrer“ eine Freigabe erteilt. Durch menschliches Zutun lässt sich der Bus per Joystick bewegen – wenn auch etwas unbequem, denn ein Fahrersitz ist logischerweise nicht vorgesehen.

Menschliches Eingreifen nötig: Dr. Karl Rehrl (stehend ) und Cornelia Zankl versuchen, den Bus in Gang zu setzen.

„Wir sind eine gemeinnützige Organisation ohne wirtschaftliche Interessen“, stellt Forscher Rehrl klar. Daher kann er auch frei von der Leber weg berichten, dass es beim Navya schon noch ziemlich häufig hakt. Erst kürzlich sei der Motor bei Vollbesetzung am Anstieg überhitzt – nichts ging mehr. Der Bus ist mit Laser-Sensoren ausgestattet, die Hindernisse erkennen. „Er weiß aber nicht, ob das ein Fußgänger ist oder etwas anderes.“ Und: „Bei Regen ist es wegen der Reflexionen auf der Straße eine Katastrophe“, sagt Rehrl. „Bei Schnee probieren wir es erst gar nicht.“

Dann sagt er doch ein paar Worte zur Ehrenrettung: „Grundsätzlich ist das eine faszinierende Sache, die vor fünf Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre.“ Und es sei prinzipiell schon eine „enorme Rechenleistung“, die über die Lasertasttechnik empfangenen Daten in Windeseile zu verarbeiten.

Allerdings sei der Navya „noch weit entfernt von jeglichem Linienbetrieb“. Andernorts ist man offenbar schon weiter: Kürzlich sorgte die Deutsche Bahn für Schlagzeilen, als sie den Einsatz eines autonom fahrenden Busses als Shuttle zwischen Bahnhof, Ortszentrum und Therme von Bad Birnbach verkündete. Wie das funktionieren soll, das kann sich Rehrl nach seinen Testerfahrungen „nicht ganz vorstellen“. Klar ist für ihn aber auch: „Da läuft jetzt ein Wettlauf, jeder will der erste sein.“ Und wenn etablierte Hersteller wie etwa Daimler verstärkt in die Produktion einstiegen, „dann kann es mit der Entwicklung schneller vorangehen“. Insgesamt sei der Trend hin zum autonomen Fahren „nicht aufzuhalten“.

Möglichkeit zum Einsatz vor Ort „noch lange nicht gegeben“

Davon kann nicht die Rede sein, als die Gäste aus dem Oberland in den Navya einsteigen. Einmal den Berg hinunter und wieder hinauf soll es eigentlich gehen. Doch schon nach knapp 100 Metern ist Schluss. „Heute ist der erste Tag, an dem es gar nicht geht“, konstatiert Rehrl. Liegt es wohl daran, dass die Bäume ihre Blätter verloren haben und daher für die Sensoren nicht mehr zu erkennen sind? Fest steht: Der Navya verarbeitet gerade nicht die Korrektursignale vom nahen Gaisberg, die ihn normalerweise per Funk unterstützen. Für heute ist die Testfahrt nach wenigen Minuten beendet – der Vorführeffekt schlägt zu.

„Das war doch etwas ernüchternd“, lautet dementsprechend das Ausflugsfazit von Erdal Karli. Als Holzkirchner Gemeinderat hatte er in einer der jüngsten Sitzungen gemahnt, beim gemeindlichen Verkehrskonzept die bevorstehenden Umbrüche durch das autonome Fahren nicht außer Acht zu lassen. Auch wenn das Thema nun nicht ganz so akut erscheint: „Ich weiß, wie schnell sich eine neue Technik durchsetzen kann“, sagt Karli. „Und unser Verkehrskonzept soll ja für die nächsten Jahrzehnte gelten.“

Da fährt er noch: Der Navya auf seiner Teststrecke in Koppl bei Salzburg.

Auch Robert Haunschild, Geschäftsleiter im Holzkirchner Rathaus, ist klar, „dass der Weg irgendwann in diese Richtung geht“. Für den Moment ist der Eindruck vom Navya aber „eine kleine Enttäuschung. Ich dachte, man wäre schon weiter.“ Als Ergänzung zum Ortsbus müsse man aktuell jedenfalls noch nicht über ein autonomes Gefährt nachdenken.

Der Schondorfer Bürgermeister Alexander Herrmann von den Grünen wollte auf der Fahrt zusammen mit Detlef Däke, Leader-Manager der Ammersee-Region, die Fühler ausstrecken, ob ein selbstfahrender Bus in Zukunft vielleicht Lücken im örtlichen ÖPNV schließen könnte. Hier lautet das große Ziel, einen Rundbus um den Ammersee zu installieren. „Die Region ist wirtschaftlich stark, und es ist der Antrieb da, sich als Vorreiter zu positionieren“, sagt Däke. Herrmanns Fazit lautet jedoch am Ende der Tour: „Die Möglichkeiten, bei uns einen selbstfahrenden Bus einzusetzen, sind noch lange nicht gegeben.“

Nur einer ist am Ende der Fahrt hochzufrieden. Der Busfahrer, der die Reisegellschaft in einem althergebrachten Bus vom Oberland nach Salzburg chauffiert hat, sagt zum Abschied erleichtert: „Ich werde meinen Job noch die nächsten Jahrzehnte behalten.“

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