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Lebensfreude und Selbstvertrauen vermitteln Hund Miro und sein Frauchen, Sozialpädagogin Christa Kuhne, bei ihren Besuchen im Pater-Rupert-Mayer-Heim in Bad Tölz. 

Pflege

Therapie auf vier Pfoten: So helfen Hunde im Seniorenheim

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Hunde akzeptieren jeden Menschen, wie er ist, schenken Selbstvertrauen, wecken Erinnerungen und Emotionen. Deswegen können die Vierbeiner in der Therapie so einiges bewirken – wie in einem Projekt mit Pflegebedürftigen im Pater-Rupert-Mayer-Heim.

Bad Tölz– Miro ist alles andere als ungestüm, eher so der sanfte, einfühlsame Typ – aber durchaus kontaktfreudig. Ganz offen und auch vorsichtig tritt er jetzt an den Rollstuhl von Frau S. Die Seniorin hat eine Keksschachtel, halb liegt sie auf ihrem Schoß, halb hält sie sie mit den Händen fest. Auf das Kommando „Zieh!“ greift Miro, der vier Jahre alte, kurzhaarige Border-Collie-Mix, nach einer Kordel, öffnet so die Keksschachtel und gelangt an das kleine Leckerli, das darin versteckt ist.

In der Runde aus etwa zehn Senioren, die an diesem Vormittag im Garten des Tölzer Pater-Rupert-Mayer-Heims im Halbkreis sitzt, lacht eine Frau immer wieder laut, viele lächeln, andere schauen ernst, aber konzentriert auf den Hund. Eine Frau sagt: „Bist ein schöner Kerl!“

Miro ist wieder einmal als Therapiehund im Einsatz. Seit Anfang des Jahres war er in der Regel einmal pro Woche in dem Pflegeheim zu Gast und hat Bewohnern ein Stück Lebensfreude gebracht – und noch mehr. „Es beeindruckt mich immer wieder zu sehen, wie es der Hund schafft, ein Lächeln auf das Gesicht der Bewohner zu zaubern“, sagt Frauchen Christa Kuhne. Die 57-jährige Penzbergerin und ihr Gefährte wissen ganz genau, was sie tun. Von Januar bis November 2017 haben sie gemeinsam beim „Wunjo-Projekt“ der Gaißacher Tierpsychologin Stephanie Lang von Langen eine Ausbildung zum Therapie-Begleithund-Team durchlaufen: 30 Lehreinheiten in Theorie und Praxis inklusive Abschlussprüfung.

„Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund“

„Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund“: Dieses Zitat von Hildegard von Bingen hat man sich beim Wunjo-Projekt als Leitspruch gegeben. Tatsächlich werden Tiere häufig unterstützend in der Therapie und Pädagogik eingesetzt. „Sie haben eine nachweislich positive Wirkung auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität des Menschen“, heißt es auf der Homepage der Hundepsychologin. „Da sie ihrem Gegenüber völlig wertfrei begegnen, sensibel auf Stimmungen und Gefühle reagieren, fördern besonders Hunde den Heilungsprozess, stärken das Selbstvertrauen und helfen, Ängste und Stress abzubauen.“

Diese Erfahrung hat auch Christa Kuhne häufig in ihrer früheren Tätigkeit als Sozialpädagogin gemacht. In einer Beratungsstelle für psychisch Kranke „war ein Hund bei einigen Klienten eine Art Türöffner“, berichtet die Penzbergerin. Und auch zum Sozialdienst in Altenheimen hat Christa Kuhne schon früher ihren Hund mitgenommen, ging mit ihm von Zimmer zu Zimmer. Bei den Senioren kam das immer gut an. „Aber ich glaube, den Hund habe ich damals überfordert“, sagt sie heute. In der Ausbildung beim Wunjo-Projekt hat sie ihre Vorgehensweise jetzt professionalisiert

Für das besondere Projekt im Pater-Rupert-Mayer-Heim hat die Stiftung „Hunde helfen heilen“ eine Anschubfinanzierung gegeben. Zwölf Besuche wurden bezahlt. Christa Kuhne sieht ihren Einsatz trotzdem als Ehrenamt, die 30 Euro pro Stunde als kleine Übungsleiterpauschale sowie Ersatz für Materialien und Fahrtkosten.

Zu Beginn der Gruppenarbeit macht Miro eine kleine Runde, lässt sich von jedem Teilnehmer begrüßen und ein Leckerli geben. Christa Kuhne hat dafür gekochtes Rindfleisch dabei – kein Hundefutter. „Es kann nämlich schon mal sein, dass die Menschen sich die Leckerlis selbst in den Mund stecken.“

Die meisten von ihnen seien „multimorbid“, so Kuhne, viele demenziell erkrankt, zumindest kognitiv eingeschränkt. In der Runde an diesem Vormittag wirken einige recht lebhaft, andere etwas verschüchtert, wieder andere reglos, in sich eingeschlossen, oder sie dämmern zeitweise vor sich hin. Der Kontakt mit dem Hund hat aber auf jeden einzelnen eine spezielle Wirkung. Wer vorher abwesend wirkte, sieht hellwach und konzentriert aus, wenn er Miro auf einem Kochlöffel ein Leckerli reicht – auch wenn er den Löffel selbst kaum festhalten kann.

Wenn Miro da ist, kommt das Gespräch plötzlich in Gang

Doch Miro macht das schon. Er nähert sich behutsam, bedrängt keinen und bleibt ruhig. „Er war schon drei Monate bei uns, als wir ihn zum ersten Mal bellen gehört haben“, sagt Christa Kuhne, die ihn einst über ein Tierschutzprojekt aus Sardinien zu sich geholt hat. Menschen, die gerade noch griesgrämig oder verzagt dreingeblickt haben, schmunzeln nun. Eine beginnt zu erzählen: „Früher haben wir immer Hunde auf dem Hof gehabt.“

Miro bringt scheinbar mühelos die Kommunikation in Gang, weckt Erinnerungen, mobilisiert die Senioren. Mitunter war Christa Kuhne mit dem Hund auch bei einzelnen Bewohnern, die ihr Zimmer kaum noch verlassen. „Eine Frau, die sonst nie redet, hat mit uns alte Fotos von ihrem Hund angeschaut und auf einmal einen vollständigen Satz gesagt“, berichtet die Penzbergerin. Es sind Momente wie dieser, die die vierfache Mutter beflügeln. Und Miro hat offenbar auch seine Freude. „Er begrüßt die Gruppe mit freudigem, Jaulen und heftigem Schwanzwedeln.“

Bevor Miro noch ein paar Kunststücke zeigt – „Pfötchen geben“ oder mit einer halben Körperdrehung „einparken“ zwischen Frauchens Beinen – darf er immer wieder ausruhen. Im „Theorieteil“ geht Christa Kuhne derweil mit den Senioren Redensarten mit Hunden durch – „Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt“ – oder zählt „Hundeberufe auf, vom Polizeihund bis zum Blindenhund.

Als Christa Kuhne und Miro nach etwa einer Dreiviertelstunde aufbrechen, ist es ein Abschied auf ungewisse Zeit. Das Wunjo-Projekt sucht Sponsoren, die dieses und ähnliche Projekte ermöglichen. Damit die Senioren weiter auf den Hund kommen.

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