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Ein Höhepunkt am Rande der Tagung war die Enthüllung des neuen Thomas-Mann-Reliefs in der Marktstraße mit (v.li.) Drittem Bürgermeister Christof Botzenhart, Heidi Wiedenhofer, Künstler Günter Schwarz, Stifter Rupert Wiedenhofer, Sparkassenvorstandsmitglied Christian Spindler sowie Claus Janßen, Vorsitzender des Historischen Vereins. 

Thomas-Mann-Gesellschaft besucht Kurstadt

Ein Sehnsuchtsbild von Tölz

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Thomas Mann steht in diesem Jahr in Bad Tölz im Mittelpunkt – nun stand Bad Tölz für drei Tage auch im Zentrum des Interesses der Thomas-Mann-Freunde. Aus ganz Deutschland, aber auch aus der Schweiz, Frankreich und Italien kamen Experten und Interessierte zusammen, um im Kurhaus über das Werk des Literatur-Nobelpreisträgers zu diskutieren.

Bad Tölz– Sie  besuchten auch das Landhaus am Klammerweiher, in dem Thomas Mann und die Seinen von 1909 bis 1917 die Sommermonate verbrachten. Für viele war es der erste Besuch an dieser – öffentlich nur selten zugänglichen – Stätte der Literaturgeschichte. Und nicht wenige der Fachleute sehen nun das Werk von Thomas Mann sowie seines Sohnes Klaus mit anderen Augen.

„Was mir hier neu ins Bewusstsein gerückt ist, das ist das Außen-Gelegensein des Landhauses – wie es über der Stadt thront“, sagte Prof. Ruprecht Wimmer in einer Podiumsdiskussion zum Schluss der Tagung. „Thomas Mann war gerne hier, die Aufenthalte haben ihn beflügelt. Aber es ist auch etwas Distanziertes zu spüren.“ Tags zuvor hatten die Teilnehmer der Herbsttagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft mit Sitz in Lübeck das einstige Haus des Literaten von außen besichtigt. Wegen der unsicheren Wetterlage hatte die Stadt im Garten sogar eigens ein beheiztes Zeit aufgebaut. Das Innere des Hauses zu erkunden, war der Gruppe nicht möglich: Das Haus ist in privater Nutzung, es gehört bekanntlich dem Orden der Armen Schulschwestern und dient als Erholungsheim.

Wimmer, der von 1994 bis 2006 Präsident der Thomas-Mann-Gesellschaft und von 1996 bis 2008 Präsident der Katholischen Universität Eichstätt war, hatte zuvor in einem Vortrag dargelegt, wie das „Tölzhaus“ Eingang ins Werk von Klaus Mann fand. Er zitierte in erster Linie die autobiografischen Bücher „Kind dieser Zeit“ und „Der Wendepunkt“. Hier erscheine das Sommerhaus als „weich gezeichnetes Sehnsuchtsbild“, so Wimmer. Klaus Mann habe Bad Tölz als „Paradies der Unschuld“ erlebt. Im „Wendepunkt“ beschreibt Klaus Mann schwärmerisch den riesigen Garten, der Platz für allerlei Spiele bot, eine Lichtung im direkt hinter dem Garten beginnenden Wald, wo die Familie Beeren pflückte, oder den „moorigen Weg zum Klammerweiher“.

Allerdings scheint in Klaus Manns Texten auch die beginnende Entfremdung vom Vater auf, die er in den letzten Tölz-Jahren erlebte. Ironisch, distanziert, vom Alltag seiner Frau Katia und der damals vier Kinder Erika, Klaus, Golo und Monika abgeschirmt: So erlebte Klaus den berühmten Vater und beschreibt dessen strenge, verhärmte, stolze und gequälte Miene, während er im Sommerhaus angestrengt an den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ arbeitete.

Ein fiktional verfremdetes Bild des Tölzhauses findet sich später in Klaus Manns „Kindernovelle“ von 1926 wieder. Auch wenn die Tölzer Szenerie hier einen eher düsteren Hintergrund der Erzählung bilde, sei doch deutlich, dass das Sommerhaus für eine Kinderwelt stehe, „in die sich Klaus Mann ein Leben lang zurückgeträumt hat“, so Wimmer. In der Novelle bewohnt das Haus übrigens eine Mutter mit vier Kindern – der Vater ist tot. Das sei als Rache Klaus Manns dafür zu verstehen, dass Thomas Mann in „Unordnung und frühes Leid“ ein recht gehässiges Porträt seines Sohnes gezeichnet habe. Manch Tölzer Detail aus Klaus Manns Novelle lässt sich noch heute vor Ort erkennen – nicht nur der beschriebene „kleine, schmutzige Bahnhof“.

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