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Die Pension Johanna in der Schützenstraße 15: In ihr logierte um 1900 mehrfach Thomas Manns Schwester Julia. Beim Besuch lernte Mann Tölz kennen. Die 20-Zimmer-Pension Johanna warb – bemerkenswert – damals schon mit vegetarischer Küche. Das Haus wurde für einen Hotelneubau abgerissen, das später zur Reichsführerschule (später VKH) umgebaut wurde

Thomas-Mann-Vortrag am Dienstag

Sein Leben ist viel spannender als die Bücher

Martin Hake hat als Nachbar der Mann-Villa in der Tölzer Heißstraße  einen ganz eigenen Zugang zu Thomas Mann. Und er weiß eine Menge über den berühmten Schriftsteller, der von 1909 bis 1917 an der Isar lebte. 

Bad Tölz – 100 Jahre früher, und Martin Hake hätte sich an einem Sommertag über den Gartenzaun in der Tölzer Heißstraße lehnen und mit Thomas oder Katia Mann ein Schwätzchen halten können. Die Kinder hätten gemeinsam gespielt. Und ab und an wäre man für Kaffee und Kuchen nach nebenan gegangen. Schon nachvollziehbar, dass so eine Vorstellung verführerisch ist und außerordentliche Triebkraft entwickelt. Vielleicht ist es auch nur so zu erklären, dass Martin Hake, Nachbar der Mann-Villa, heute als unbestritten bester Kenner der Tölzer Epoche des Buddenbrooks-Schöpfers gilt und das Tölzer Thomas-Mann-Jahr maßgeblich prägt.

Internet-Fund für 12,50 Euro: Eigenhändig geschrieben Ansichtskarte (Motiv Mann-Villa) von Thomas Mann an einen Bewunderer.

Das Jahr, in dem sich Tölz seines großen Mitbürgers erinnert, ist schon ein wenig merkwürdig. 1917 verkaufte Mann nach acht Isarwinkler Jahren seine Villa an der Heißstraße und zog zurück in die Poschinger Straße nach München. Eigentlich kein Grund, ausgerechnet 2017 ein Jubiläum auszurufen. Dass man es doch tut, darf durchaus sinnbildlich für das über all die Jahrzehnte schwierige Verhältnis zwischen der Familie Mann und Bad Tölz stehen.

Ein zusätzlicher Ansporn ist gewiss, dass das Thomas-Mann-Forum-München heuer das von Daniel Lang geschriebene Buch mit dem etwas sperrigen Titel „Nicht auf der Rasenkante gehen!“ (übrigens ein Gebot von Vater Mann an seine Kinder) neu und deutlich erweitert herausgibt.

100 Jahre nach dem Wegzug der Mann-Familie ist auch im Tölzer Rathaus und der Tourist-Info die Erkenntnis gereift, dass man in der Isarstadt die einzige von Thomas Mann selbst gebaute Villa in Deutschland besitzt, die dank der Fürsorge der Armen Schulschwestern immer noch faktisch im Originalzustand erhalten ist. Ein Übriges tat dazu vielleicht die Tatsache, dass jüngst die Bundesrepublik Deutschland für viele Millionen Euro den Exil-Wohnsitz der Manns in Kalifornien erwarb.

Von all dem könnte der gelernte Maschinenbauingenieur Martin Hake stundenlang erzählen. Seitdem er die ersten Besuchergruppen des Münchner Mann-Forums staunend vor der Villa stehen sah und Kontakt zum rührigen Vorsitzenden Dirk Heißerer fand, ist er langsam in seine Rolle als Mann-Kenner hineingewachsen. Der 63-Jährige, der seit zehn Jahren jeden Tag ins Internet schaut, ob er ein Buch, Brief, Postkarte oder Foto mit Mann- oder Tölz-Bezug findet, interessiert sich dabei weniger fürs Literarische und sagt so ketzerische Sätze wie: „Das Leben von Thomas Mann ist wesentlich spannender als seine Bücher“.

Das trug ihm im TM-Forum, das von belesenen Professoren, Doktoren und Mann-Bewunderern dominiert ist, schon mal Dünkel ein. Hake berührt das wenig. „Mich interessieren sein Leben, sein politischer Sinneswandel, die Beziehungen in der Familie und zum Bruder“. In seinem Bücherregal sind so zwei laufende Meter Mann-Literatur zustande gekommen. Und es stapeln sich tausende Postkarten und Fotos, die sich auch – ein erwünschter Nebeneffekt – viel mit Tölzer Geschichte befassen. Das Stadtarchiv wird dabei stets getreulich mit Besonderheiten bedient.

Dass das TM-Forum das 140 Seiten starke Mann-Buch über die Tölzer Epoche aus dem Jahr 2007 nun fast doppelt so stark neu herausgeben kann, liegt entscheidend an Martin Hake, der in den vergangenen Jahren wichtige Dokumente zur Tölzer Zeit ausgegraben hat.

Einen ausführlichen Artikel in der „Süddeutschen Bauzeitung“ von Juni 1915 über die Baugeschichte der Mann-Villa etwa. Die Zeitung erschien nach Kriegsbeginn nur noch als Notausgabe. Das sei, sagt er mit blitzenden Augen, schon „ein Erlebnis“ gewesen, als er den Artikel fand. Auch eine Ansichtskarte der Mann-Villa, die er für 12,50 Euro im Internet ersteigerte, gehört zu Hakes absoluten Highlights. Nun ja, sie ist ja auch etwas Besonderes: Geschrieben von Thomas Mann an einen begeisterten holländischen Enthusiasten.

Was hat er sonst herausgefunden? Den Briefwechsel Katia Manns mit dem Stadtmagistrat über eine Wegverlegung und die Erweiterung der Heißstraße zum Beispiel. Manns Gattin Katia konnte sich 1911 „auch in 150 Jahre nicht einen größeren Autokorso auf der Heißstraße ausmalen“ und votierte gegen die Erweiterung. Der weitsichtige Stadtbaumeister Peter Freisl entschied anders. Es ist feine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet im Mann-Jahr 2017 über Erschließungspläne der Zwicker-Wiese über die Heißstraße diskutiert wird.

Die Tölzer Mann-Villa: Der Schriftsteller ließ Ansichtskarten davon drucken und verschickte sie zum Beispiel an Bewunderer.

Das Verhältnis der Tölzer zum Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann war nie ungebrochen. Das neue 213 Seiten starke Mann-Buch erzählt nicht nur die bekannte Geschichte aus der Nazizeit, als der „Volksschädling Thomas Mann“ von der Stadt förmlich ausgebürgert wurde. Die sprichwörtliche „damnatio memoriae“ („Verdammung des Andenkens“) setzte sich auch nach 1945 fort. Als sich der Tölzer Gymnasiallehrer Ludwig Zollitsch 1965 für eine Umbenennung des Tölzer Gymnasiums einsetzt, scheitert er mit diesem Vorstoß. Man habe, so die Überzeugung der Familie Zollitsch, ihm nicht verziehen, dass er im Krieg von den USA aus nazikritische Radioansprachen an das deutsche Volk richtete. Zollitsch konnte 1966 immerhin eine Gedenktafel an der Heißstraße mit einem Zitat aus dem „Zauberberg“ durchsetzen. Spannend ist auch die Friedenseiche-Geschichte, die erneut nicht auf eine städtische Initiative zurückging, sondern auf Golo-Mann, der mit der Stifterin, Gräfin Matuschka aus Erlangen, die Idee entwickelte und ausdrücklich Bad Tölz, das „Paradies seiner Kindheit“ empfahl. Der Tölzer Bürgermeister Eckart Fadinger, ließ sich gerne überzeugen, sodass 1989 der Festakt zur Eichenpflanzung am Klammerweiher stattfinden konnte. Bis heute ist nicht geklärt, wer 2005 mit „feinen Schnitten“ die „Friedenseiche“ so verletzte, dass sie gefällt werden musste. Es ist der Initiative von Johanna Zantl („Buchhandlung Winzerer“) zu danken, dass heute eine ganze Baumreihe an die Mann-Familie erinnert.

Martin Hake im Arbeitszimmer: In dem unscheinbaren Nebenraum arbeitete Thomas Mann zum Beispiel am „Tod in Venedig“ oder „Zauberberg“. Foto: cs

Es gibt auch Mann-Geschichten, die nicht in dem Buch zu finden sind, die aber Hake bestimmt bei seinem Vortrag am Dienstag im Stadtmuseum erzählen wird. Wie kam Thomas Mann überhaupt darauf, in Tölz eine Landvilla zu errichten? Woher kannte der eher großstädtisch Gesinnte überhaupt Bad Tölz? Hake ist überzeugt, auf die richtige Spur gestoßen zu sein, als er in der Fremdenliste des Tölzer Kurier auf Manns Schwester Julia, genannt Lula, stieß. Etwa 15 Mal kurte sie mit ihrem Mann in Tölz, oft in der Pension Johanna in der Schützenstraße und wurde dabei – Hake kann dies durch Briefe nachweisen – auch von ihrem Bruder Thomas besucht. Der Schriftsteller war angetan von diesem Städtchen.

Detektiv Hake hat herausgefunden, dass es bis heute existierende weitere Beziehungen der Manns zum Isarwinkel gibt. Lulas Tochter Eva-Maria heiratete einen Hans Bohnenberger. Deren Tochter Trixi lebt heute in Rom. Es besteht nach wie vor Kontakt zu Klaus Bohnenberger, der am Buchberg lebt.

Immerhin als Fußnote hat es die Mehlstäubl-Geschichte ins Buch geschafft. Karl Mehlstäubl von der Gärtnerei Schmidl im Badeteil hatte eine Großmutter, die Köchin bei den Manns war. Bis weit in die 1960er-Jahre gab es einen Briefwechsel zwischen der inzwischen am Zürichsee lebenden Mann-Familie und Mehlstäubl. Der Schriftverkehr, auch wenn es nur einfache Kartengrüße waren, lässt sich in der „Monacensia“ der Münchner Stadtbibliothek nachvollziehen, erzählt Hake. Das lag daran, dass die Manns, an der Spitze Tochter Erika, zu dieser Zeit längst alle Briefwechsel sorgfältig dokumentierten und so das Geschichtsbild ihrer Familie bewusst mitprägten. Die berühmten Tagebücher von Thomas Mann, die nach Hakes Überzeugung gerade die Tölzer Zeit ehrlich und authentisch geschildert hätten, gibt es leider nicht mehr. Thomas Mann hat sie in der McCarthy-Ära in den USA, als er im Ruch des Kommunisten stand, sicherheitshalber verbrannt.

Vortrag und Mann-Jahr

Am Dienstag, 14. März, ab 19.30 Uhr wird Martin Hake auf Einladung des Historischen Vereins im Bürgersaal des Tölzer Stadtmuseums über das Leben der Manns referieren. Das Tölzer Mann-Jahr im Überblick: http://www.bad-toelz.de/de/kultur-veranstaltungen/kunst-und-literatur/thomas-mann-jahr-2017.html

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