+
Eine Flutwelle hat in Obernzell viele Häuser zerstört, die nach dem Hochwasser 2002 schon einmal wiederaufgebaut werden mussten.

Bad Tölz bangt mit Obernzell 

Zum dritten Mal von Flut-Katastrophe getroffen

  • schließen

Bad Tölz/Obernzell - Bad Tölz und das niederbayerische Obernzell sind seit 2002 freundschaftlich verbunden. Damals richtete ein Hochwasser Millionenschäden in der Gemeinde an - genau wie 2013. Am Samstag wurde Obernzell erneut getroffen. 

 Seit der Hochwasserkatastrophe von 2002 verbindet Bad Tölz eine besondere Beziehung mit der niederbayerischen Marktgemeinde Obernzell (Kreis Passau). Der Tölzer Kurier initiierte damals eine Spendenaktion für den von der Flut schwer getroffenen 3800-Einwohner-Ort. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, speziell zwischen Markt- und Stadtkapelle. Viele Tölzer machen die aktuellen Nachrichten aus Niederbayern deshalb sehr betroffen: Bereits zum dritten Mal nach 2002 und 2013 traf Obernzell eine Flutwelle. Menschen, die sich ihr Zuhause eben erst neu aufgebaut hatten, stehen erneut vor den Trümmern ihrer Existenz.

„Die Menschen sind schon verzweifelt“, sagte Bürgermeister Josef Würzinger gestern im Gespräch mit dem Tölzer Kurier. „Man musste sich zusammenreißen, dass man nicht zu weinen anfängt.“ Am Samstagabend überflutete nach Starkregenfällen der Eckerbach nach Würzingers Angaben etwa 40 Häuser. „Das Wasser stand bis zu 1,50 Meter hoch. Innerhalb von einer Stunde war es wieder weg.“ Den Sachschaden schätzt der Bürgermeister auf „einige Millionen Euro“. Damit bleibt die Katastrophe zum Glück hinter den Dimensionen der Fluten von 2002 und 2013 zurück. Dennoch ist die Marktgemeinde schwer erschüttert.

Zu den Betroffenen zählt auch Würzinger selbst – wie schon 2002. „Damals haben wir gedacht: Hoffentlich passiert so ein Albtraum nie wieder.“ Doch jetzt ist in Würzingers Haus abermals das ganze Erdgeschoss zerstört: mit einer Wohnung, in der sein Schwiegervater lebte, und einem Bürotrakt für den Sohn. „Das ganze Mobiliar musste raus, die Wohnung muss entkernt werden, Boden, Türen, Estrich, Heizungsanlage, alles muss neu gemacht werden“, berichtete Würzinger gestern Abend. Da hatte er kurz zuvor „einen Riesen-Sperrmüllhaufen“ weggefahren und meldete sich zwischen einem Krisengespräch mit dem Landrat und einer Marktgemeinderatssitzung in der Kurier-Redaktion.

„Von dem, was nach 2002 gemacht wurde, ist ein Großteil wieder zerstört“, sagt er. In eine „Schlammwüste“ habe sich der Schlosspark der Gemeinde verwandelt, der Morast stehe dort 20 bis 30 Zentimeter hoch. „Der Park ist doch unser ganzer Stolz“, sagt das Gemeindeoberhaupt. Erst vor wenigen Wochen hatte der 60-Jährige nach einer langen Krankheitspause wieder den Dienst angetreten.

Was Würzinger besonders frustriert: „Dieses Mal hätte die Katastrophe verhindert werden können“, sagt er. Der Bürgermeister erhebt schwere Vorwürfe gegen die „Grenzkraftwerke“, die sechs Kilometer unterhalb von Obernzell das Jochenstein-Kraftwerk betreibt. Als am Samstag der Eckerbach anschwoll, kam es nach Würzingers Darstellung an einer Stelle nahe seinem Haus, wo der Bach durch zwei große Rohre in die Donau geführt wird, durch angeschwemmtes Material zu einer Verklausung. Den Wasser-Rückstau hätten die „Grenzkraftwerke“ per Knopfdruck vor Ort entschärfen können: indem sie einen Rechen hochgefahren hätten.

Dafür sei sogar eine Videoüberwachung eingerichtet, so der Bürgermeister. Doch der zuständige Mitarbeiter habe die Stelle wegen des Starkregens nicht erreicht. „Die Anlieger haben verzweifelt versucht, den Rechen anzuheben. Der Bereitschaftsdienst des Kraftwerks ist gekommen, als schon alles vorbei war.“ Die Kraftwerks-Leitung sei telefonisch nicht erreichbar gewesen. Der Bach staute sich zurück und brach sich dann Bahn. „Ich bin dermaßen sauer auf die Kraftwerks-Leitung“, sagt Würzinger.

Die erneute Flutwelle fällt in eine Zeit, in der Obernzell noch immer schwer damit beschäftigt ist, die Folgen der vergangenen Katastrophe 2013 aufzuarbeiten, als es den Ortsteil Erlau traf. Die Kurier-Leser halfen erneut mit großzügigen Spenden. Der Sportplatz und das Vereinsheim seien noch Baustellen. Ein Schaden von 20 Millionen Euro entstand allein beim größten Arbeitgeber vor Ort, dem Elektronikhersteller Sumida mit 500 Beschäftigten. Aktuell laufen Arbeiten am Hochwasserschutz für das Firmengelände. Dieses Mal „ist auch etwas Wasser reingelaufen, aber es hat hier keine großen Schäden verursacht“, berichtet Würzinger. Kommenden Freitag soll mit dem Firmenchef gefeiert werden, der eigens aus Japan anreist. Zum ersten Spatenstich für das neue Betriebsgebäude.

Spendenkonto

Der Markt Obernzell hat ein Spendenkonto für die Hochwasserhilfe eingerichtet. Die IBAN lautet: DE87 7406 6749 0600 5109 63.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Durch Niesanfall von Straße abgekommen: Fahrerin schwer verletzt
Nach ersten Erkenntnissen war es ein Niesanfall, der am Mittwochabend einen schweren Unfall auf der B 472 in der Nähe des Stallauer Weihers auslöste.
Durch Niesanfall von Straße abgekommen: Fahrerin schwer verletzt
B472 auf Höhe Stallauer Weiher nach Unfall gesperrt
B472 auf Höhe Stallauer Weiher nach Unfall gesperrt
Possenspiel vor Gericht
Eine junge Frau zeigt ihren Ex-Freund bei der Polizei an: Der Mann (24) soll sie in seiner Tölzer Wohnung mit der Faust in die Rippen und in den Rücken geschlagen haben. …
Possenspiel vor Gericht

Kommentare