Obdachlos trotz Vollzeitjob: Mann aus Bad Tölz lebt seit zwei Jahren in seinem Auto
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Seit fast zwei Jahren schläft ein Tölzer vor allem in seinem Auto. (Symbolbild)

Wohnungsnot

Obdachlos trotz Vollzeitjob: Tölzer lebt seit zwei Jahren in seinem Auto

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
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Seit fast zwei Jahren ist ein 34-jähriger Tölzer obdachlos und lebt meistens in seinem Auto. Er findet keine Wohnung, obwohl er Vollzeit arbeitet und einiges an Miete zahlen könnte. 

Bad Tölz – Markus Fischer (Name geändert) hat einen Vollzeitjob, in dem er, wie er sagt, „gar nicht schlecht verdient“. Jedenfalls würde es für eine Wohnung und den Lebensunterhalt reichen. Doch Fischer ist seit zwei Jahren obdachlos. Manchmal mietet er ein Zimmer in einer Pension oder eine Ferienwohnung, manchmal schläft er bei Freunden auf der Couch. Die meiste Zeit aber wohnt er in seinem Auto. Trotzdem versucht er, sein Leben in geregelten Bahnen zu halten.

Wohnungsnot in Bad Tölz: 34-Jähriger trotz Vollzeitjob auf der Straße

Der 34-Jährige ist sehr höflich und eher zurückhaltend. Über sich selbst spricht er nicht so gerne. Dem Termin mit der Zeitung hat er nur zugestimmt, weil ihn Barbara Stärz, bei der Caritas zuständig für die Wohnsitzlosenhilfe, darum gebeten hat. „Sie ist die einzige, die mir immer geholfen hat“, sagt Fischer. Nur so richtig helfen kann auch Stärz nicht. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp im Tölzer Land, die Bewerberschlangen lang. „Ich würde vermutlich auch eher einen Architekten als Mieter nehmen, wenn ich die Wahl hätte“, sagt Fischer.

+++ Lesen Sie auch über diesen dramatischen Fall von Dezember 2019 aus Bad Tölz: Sie hatte ihr Leben lang als Krankenschwester gearbeitet. Heute ist die Krankenschwester aus Bad Tölz obdachlos. Eine neue Wohnung zu finden, ist nahezu aussichtslos.

Wohnungsnot in Bad Tölz: 34-Jähriger wird plötzlich obdachlos

Markus Fischer heißt in Wirklichkeit anders. Aber weil in seinem Umfeld kaum jemand von seiner Lage weiß, möchte der gebürtige Tölzer lieber anonym bleiben. Wie er obdachlos wurde, kann er so genau gar nicht erklären. Irgendwie sei das alles unglücklich gelaufen. „Bis vor zwei Jahren habe ich ein mehr oder weniger geregeltes Leben geführt“, schildert er. Dann kündigte er seine alte Wohnung, weil für ihn das Umfeld nicht passte, hatte auch bereits eine neue gefunden. „Aber ich hatte nur eine mündliche Zusage, nichts Schriftliches“, sagt er. Die Abmachung zerschlug sich, und plötzlich war Fischer obdachlos. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal auf der Straße lande“, sagt er im Gespräch. Anfangs kam er bei dem einen oder anderen Kumpel auf der Couch unter. Auf Dauer sei das aber natürlich nichts. Und irgendwann habe er auch gemerkt, „dass man gar nicht mehr so viele Freunde hat, wenn man in dieser Situation ist“.

„Wohnungsnot in Bad Tölz: Mehr als 20 Minuten am Stück schlafe ich eigentlich nicht“

Fischer erinnert sich noch, wie er in den ersten Nächten nach dem Verlust seiner Wohnung in Tölz an der Isar saß und beobachtete, wie in den umliegenden Häusern nach und nach die Lichter ausgingen. „Ich hab’ gedacht: Die haben es schön, die gehen jetzt gerade schlafen.“ Er selbst stieg in seinen Wagen. Er ist in vielen Nächten seine einzige Zufluchtsmöglichkeit. Anfangs parkte er an ruhigen, einsam gelegenen Stellen. Das allerdings wirkte verdächtig. Mehrfach wurde er von der Polizei kontrolliert. Heute stellt er das Auto nur noch an belebten Straßen ab. Dort ist es entsprechend laut. „Mehr als 20 Minuten am Stück schlafe ich eigentlich nicht“, sagt er. Die Folge: „Ich bin immer müde.“ Damit ziehen ihn seine Kollegen an seiner Münchner Arbeitsstelle manchmal auf. Sie denken, dass Fischer abends oft unterwegs ist und um die Häuser zieht. Dafür hat der 34-Jährige aber überhaupt keine Kraft. „Früher habe ich Fußball gespielt und Kampfsport gemacht. Und ich bin viel gereist. Heute habe ich meistens keine Lust mehr auf Menschen.“

Das Zugfahren genießt der Tölzer: „Da kann ich schlafen“

Seinen Job in München mag er, sagt Fischer. Gerne würde er in die Landeshauptstadt ziehen. Aber nachdem er einige Besichtigungstermine mit weit über 100 Interessenten hinter sich gebracht hat, hält er das für aussichtslos. Auf dem Land ist die Situation aber auch nicht besser. „Ich wäre bereit, bis zu 100 Kilometer zur Arbeit zu fahren“, sagt er. Trotzdem finde er nichts.

Eigentlich müsste sich die Stadt Bad Tölz darum kümmern, dass Fischer ein Obdach hat. Sie ist für die Unterbringung von Menschen, die hier wohnsitzlos werden, zuständig. Das Problem: Auf dem Papier hat der Tölzer eine Meldeadresse. Einen Teil seines Gehalts überweist er jeden Monat an seine Mutter, damit der Vater erlaubt, dass er in der elterlichen Wohnung gemeldet bleibt. Leben kann er dort nicht. Zu schlecht ist das Verhältnis zu seinem Vater. Fischer braucht die Adresse aber unbedingt. Er könne ja schlecht seinem Arbeitgeber sagen, dass seine Post an die Tölzer Caritas geschickt werden soll. Dort geht nur ein Teil seiner Behördenkorrespondenz ein. Sie abzuholen ist schwierig: Der Tölzer fährt früh morgens mit dem Zug nach München und kommt erst abends zurück. Die einstündige Fahrt genießt er. „Eine Stunde an einem geschützten Ort, da kann ich schlafen“, sagt er.

Obdachloser Bad Tölzer: Der 34-Jährige will kein Geld vom Staat

Der 34-Jährige möchte für sich selbst sorgen. „Ich will kein Geld vom Staat“, sagt er bestimmt. Nur einmal musste er zum Jobcenter, weil die Zeitarbeitsfirma zu spät zahlte und ihm einfach nichts anderes mehr übrig blieb. Noch einmal, da ist er sich sicher, will er diesen Gang nicht antreten. Seitdem versucht er, so über die Runden zu kommen. Einiges an Geld investiert Fischer in Hallenbadeintritte – nicht um dort zu schwimmen, sondern um zu duschen. „Obdachlosigkeit ist teuer“, sagt Barbara Stärz. Dass Fischer einer geregelten Arbeit nachgeht, verlangt ihr höchsten Respekt ab. „Das aufrecht zu erhalten, das ist der Wahnsinn“, sagt sie.

Der Tölzer versucht immer noch, das Positive zu sehen

Der 34-Jährige klagt nicht, sondern versucht, immer noch das Positive zu sehen. „Wenn ich jammere, ändert das ja auch nichts.“ Und überhaupt hätten andere ein viel schlimmeres Schicksal als er. „Wenn ich beispielsweise die Geschichte von einigen Asylbewerbern höre, denke ich mir, dass es mir eigentlich noch ganz gut geht.“ Manchmal überlässt er sein Auto nachts auch einem anderen Obdachlosen, damit der nicht im Freien schlafen muss.

Mitleid möchte Fischer nicht – auch deshalb erzählt er niemandem, dass er obdachlos ist. Aber wie soll das für ihn weitergehen? „Man steht auf und kämpft weiter“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Er hofft immer noch, dass er wieder eine Wohnung findet. „Das ist alles, was ich will.“ Bis zu 700 Euro Miete könnte er bezahlen. Diesen Sommer wird er es hier noch einmal versuchen. Wenn es nicht klappt, wird er weggehen. Vielleicht nach Nordrhein-Westfalen, sagt er, wo es günstigere Wohnungen gibt und hoffentlich auch einen Job. Denn eines ist ihm wichtig: „Ich will mein Leben nicht verschwenden.“

Der Tölzer ist ein Beispiel für die neue Obdachlosigkeit. Immer öfter betroffen sind junge Menschen, Frauen oder Pärchen wie Leon und Alina, deren einzige Zuflucht ebenfalls ihr Auto war.

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