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Das Tölzer Gefängnis (Anbau rechts) wurde vor 50 Jahren geschlossen und 1973 abgerissen.

Vor 50 Jahren wurde das Tölzer Gefängnis geschlossen 

Kleine Ganoven, schwere Jungs

Bad Tölz - Es wissen nicht mehr viele Tölzer, dass die Stadt mal ein Gefängnis besessen hat. Am 1. Juni 1966, vor 50 Jahren, wurde es geschlossen, 1973 abgerissen. Das Gemäuer könnte viele Geschichten erzählen. Nachfolgend eine Auswahl davon.

Das Tölzer Gefängnis stand dort, wo sich heute der Parkplatz der Stadtbücherei befindet. Es war ein Anbau zum 1898 gebauten Amtsgericht und besaß elf Zellen, die im Sommer durchschnittlich mit 14 bis 15 Männer oder Frauen belegt waren. Maximal saßen 25 Insassen. Als die Tölzer Haftanstalt geschlossen wurde, erinnerte Amtsgerichtsdirektor Dr. Mann auch daran, dass die Maximalbelegung vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus häufig erreicht wurde.

In der Wirren der Nachkriegszeit saßen die wohl prominentesten Häftlinge im Tölzer Gefängnis. Henriette von Schirach etwa und Luise Funk, die Frauen der beiden Nazi-Größen, die in Schloss Aspenstein in Kochel und im Bergerhof bei Kirchbichl residiert hatten.

Und natürlich SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, der als Judenreferent einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns war und für die Deportation vieler tausender Juden aus Frankreich, Bulgarien und Ungarn verantwortlich war. Dannecker kam im Dezember 1945 zu seiner in Bad Tölz verborgenen Familie. Die Amerikaner verhafteten ihn und lieferten ihn ins Gefängnis ein, wo er sich am 10. Dezember erhängte.

Seit 1949 war Gefängnisoberverwalter Clemens Peischer mit seiner Frau für das Gefängnis zuständig. „Man ist Doktor, Fürsorger, Hausgeistlicher, einfach Mädchen für alles“, erinnerte sich Peischer später. Leicht war der Job nicht. Das sogenannte Mühe-Entgelt war nicht üppig. Für jeden Gefangenen erhielt Frau Peischer 2,20 Mark pro Tag für die Verpflegung.

Es muss den Gefangenen trotzdem nicht schlecht gegangen sein. Es ist verbürgt, dass in der kalten Nachweihnachtszeit die Zahl der Häftlinge sprunghaft nach oben ging.

Auf der Suche nach einer warmen Stube waren natürlich keine schweren Jungs, sondern eher kleinere Ganoven und Landstreicher.

Die einen wollten rein, die anderen raus. Es gab immer wieder Ausbruchsversuche aus dem Tölzer Knast. Allein im Jahr der Auflösung des Gefängnisses waren es zwei. Im März versuchten Otto E. (25) aus Wesermünd und sein Kumpel Helmut B. (35) aus Wackersberg „durch die Wand zu gehen“, wie es m Tölzer Kurier damals hieß. Mit einem Brotmesser und einem Eisenstück kratzten sie in einer Vier-Mann-Zelle im ersten Stock abends den Mörtel aus der Ziegelsteinmauer. Sie wollten, so ermittelte man im Nachhinein, aus dem ersten Stock hinausspringen und erwarteten, dass der Aufprall durch die Neuschneedecke gemildert worden wäre.

Die beiden wackeren Ausbrecher merkten freilich schnell, dass bei der massiven 80-Zentimeter-Mauer wenig zu machen ist und gaben nach etwa zwei Stunden auf. Die zehn Zentimeter tiefe Kratzstelle verklebten sie mit einer Illustrierten. Dem Mitgefangenen in der Zelle, den sie zum Schmierestehen verdonnert hatten, war indes nicht wohl in seiner Haut und so meldete er den Fluchtversuch.

Interessanterweise mussten sich die beiden nicht wegen des Tatbestands der Flucht vor Gericht verantworten sondern wegen „Gefangenenmeuterei nebst Sachbeschädigung“. Der Staatsanwalt im Gericht nebenan beantragte dafür die Mindesstrafe von sechs Monaten für jeden Angeklagten. Das Gericht gab dem Antrag statt.

Von einem weiteren Ausbruchsversuch berichtete Clemens Peischer. Ein Untersuchungshäftling, den eine lange Strafe erwartete, probierte den Ausbruch in den letzten Wochen des Gefängnisses. Und zwar „ziemlich gekonnt“, wie Peischer versicherte. Der Mann hatte sein Hemd in schmale Streifen geschnitten, um sich daraus einen Strick zu drehen.

Einen Eisenstab seines Fenstergitters hatte er schon zu zwei Dritteln durchgesägt, als er entdeckt wurde. Doch eine Säge, so berichtete Peischer, ließ sich nirgendwo finden. Bis der Gefängnis-„Direktor“ bemerkte, dass an der Aktentasche des Untersuchungshäftlings der Griff fehlte. Peischer fand ihn schließlich unter dem Bett. Bei der Untersuchung stellte sich dann heraus, dass es sich um eine Spezialanfertigung handelte. In dem Griff war eine winzige Eisensäge versteckt.

„Die meisten Häftlinge haben sich aber ordentlich geführt“, bilanzierte Clemens Peischer, der im Juni 1966 mit seinen Logis-Gäste nach „Sankt Adelheim“ (Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München) umzog. Prinzipiell war für die Tölzer Ganoven aber seit Mitte 1966 das Amtsgerichtsgefängnis Miesbach zuständig. 

Christoph Schnitzer

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