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Während es im Kreistag morgen die Zukunft der Geburtshilfe in Bad Tölz geht, kämpfen auch die Menschen in Wolfratshausen darum, dass an „ihrer“ Kreisklinik weiter Babys zu Welt kommen können. Engagierte Bürger haben dafür 4467 Unterschriften gesammelt. Hebamme Simone Meister-Färberjahn, Mutter Maria Hübschmann mit Stefan, Gynäkologin Dr. Ileana-Maria Niculescu mit Eva Hübschmann auf dem Arm sowie Hebamme Martina Effinger (re.) übergaben die Listen gestern an CSU-Kreisrat Gerhard Hasreiter.

Kreistag entscheidet am Freitag

Tölzer Geburtshilfe: Was wäre, wenn?

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Hopp oder topp: Am Freitag, 24. März, entscheidet der Kreistag, ob er sich finanziell an der Geburtshilfeabteilung der Tölzer Asklepios-Klinik beteiligen will. Was passiert bei einer Zustimmung, was bei einer Ablehnung? Ein Blick nach vorn.

Der Kreistag stimmt dem Zuschuss zu

Im Raum stehen momentan 1,8 Millionen Euro, die der Kreis zu einer Hauptabteilung zuschießen müsste. Und zwar pro Jahr und auf längere Sicht. Rund 400 000 Euro des erwarteten Defizits von 2,2 Millionen Euro würde Asklepios selbst tragen. Was würde die Klinik nach dem positiven Votum tun? „Ungeachtet der vorübergehenden Schließung der Geburtshilfe zum 1. April ist und bleibt es unser Ziel, eine Hauptabteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe in Kooperation mit Garmisch oder Agatharied aufzubauen“, so Klinik-Pressesprecher Christopher Horn auf Anfrage. Entsprechende Kooperationsangebote lägen vor, „können aber erst final vereinbart werden, wenn sich der Kreistag für den jährlichen Sicherstellungszuschuss ausgesprochen hat“. 

Sollte er das am Freitag tun, „werden wir die Kooperationsangebote umgehend vereinbaren und mit der Suche nach dem für eine gemeinsame Hauptabteilung notwendigen Fachpersonal nach den Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe beginnen“, so Horn. Nötig wären ein Chefarzt, zwei bis drei Oberärzte und fünf bis sechs Assistenzärzte. „Gerade die Akquise des erforderlichen Fachpersonals wird angesichts des harten Wettbewerbs um die wenigen auf dem Markt verfügbaren Fachärzte aber eine Herausforderung bleiben“, so Horn. 

„Die Räumlichkeiten der Geburtshilfe bei uns im Haus werden wir derweil weiter vorhalten, das Stationspersonal weiter beschäftigen und die Hebammen über einen Überbrückungsfinanzierung versuchen davon zu überzeugen, abzuwarten, bis die Hauptabteilung tatsächlich an den Start gehen könnte.“

Gleichzeitig würde versucht, „die beiden bisherigen Belegärzte im Rahmen einer Teilanstellung ebenfalls in das Konzept einer möglichen Hauptabteilung zu integrieren.“

-Wahrscheinlichkeit, dass der Kreistag dem Zuschuss zustimmt: gering.


Der Kreistag lehnt den Zuschuss ab

Nach den Expertenanhörungen am vergangenen Freitag (wir berichteten) haben sich die Fraktionen im Kreistag einige Gedanken gemacht. Das Zuschussmodell wurde von Prof. Günter Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomie sehr kritisch gesehen. Er hatte „Zweifel, dass so Qualitätsvorgaben und eine ausreichende Wirtschaftlichkeit erreichbar sind. Unter Berücksichtigung der derzeitigen Lage ist aus unserer Sicht der Vorschlag abzulehnen“. Auch die Frage, ob an kleinen Kliniken mehr Fehler gemacht werden als an großen, beantworteten die Experten mit einem Ja – beziehungsweise sei die Arbeit manchmal von „fragwürdigerer Qualität“. Prof. Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen: „Sobald für die sehr erfahrenen Belegärzte neue, unerfahrene Kollegen kommen, steigt die Rate der Komplikationen. Das liegt einfach daran, dass man das, was man häufiger macht, besser kann.“

Nach seiner Einschätzung gefragt, glaubt CSU-Fraktionschef Martin Bachhuber, „dass unsere Fraktion das Angebot von Asklepios ablehnen wird“. Hans Sappl (Freie Wähler) vermutet Ähnliches. „Gefühlsmäßig würde ich sagen, die Bereitschaft der Freien Wähler zuzustimmen, ist nicht sehr groß.“ 

Noch keine Prognose will die SPD abgeben. „Wir haben erst am Donnerstag Fraktionssitzung“, sagt Willi Streicher. Die Situation sei insgesamt aber „mehr als unerfreulich“. Die Grünen „haben noch keine klare gemeinsame Linie“, erklärt Fraktionssprecher Klaus Koch. Auch diese Fraktion treffe sich erst heute, um das Thema noch mal intensiv von allen Seiten zu beleuchten.

-Wahrscheinlichkeit, dass der Kreistag den Zuschuss ablehnt: ziemlich hoch.

Was passiert nach der Zuschuss-Ablehnung?

„Wir legen das Thema natürlich nicht zu den Akten“, betont Bachhuber. Seine Fraktion werde weiterhin dabei mitarbeiten, „eine flächendeckende Geburtshilfe im Landkreis anzubieten. Wir schreiben den Standort Tölz nicht ab.“ Aber man brauchen nun mal einfach eine Entscheidung, „nicht so eine Hängepartie“, so der CSU-Fraktionschef. Ähnlich äußern sich seine Kreistagskollegen aus den anderen Fraktionen. „Natürlich müssen wir sehen, wie es danach weitergeht“, sagt Sappl. Was er auf jeden Fall möchte: „Dieses Nord gegen Süd muss aufhören. Wir brauchen eine gemeinsame Lösung.“

Die Haltung der Klinik im Falle einer Ablehnung ist eindeutig: „Wir haben betont, dass es für uns ohne die Unterstützung der Politik insbesondere vor dem Hintergrund eines Defizits der Stadtklinik in Millionenhöhe in den vergangenen beiden Jahren nicht möglich ist, darüber hinaus die massiv steigenden Kosten einer Hauptabteilung zu tragen.“ Man wolle aber auch darauf hinweisen, „dass wir eine Unterstützung von Seiten der Politik zu keinem Zeitpunkt gefordert haben, sondern Landrat Josef Niedermaier uns Ende Dezember 2016 einen solchen Sicherstellungszuschuss vorbehaltlich der Zustimmung des Kreistags in Aussicht gestellt hat.“

Nach einer Ablehnung dürfte die Wolfratshauser Kreisklinik in den Fokus rücken. „Hinsichtlich Kooperationsmöglichkeiten ist man zwischenzeitlich mit dem Klinikum in Starnberg in Kontakt“, bestätigt Landratsamts-Sprecherin Marlis Peischer. Bei der Kindernotarztversorgung gebe es hier schon länger eine Kooperation. „Auch wenn Asklepios die Tölzer Geburtshilfe Ende März schließt, werden sich der Landrat und der Kreistag weiter dafür einsetzen, einen gebenenfalls neuen Weg für einen Standort Tölz in der Geburtshilfe zu finden.“

Denkbar wäre auch hier die Gründung einer gemeinsamen Hauptabteilung, in die man einen Standort Tölz – wie auch immer – integrieren möchte.

Wird am Freitag sicher entschieden?

Es gibt einige wenige Kreistagsmitglieder, denen die ganze Sache zu schnell geht. Dazu gehört Vize-Landrat Thomas Holz (CSU). „Die Entscheidung hat ja durchaus eine gewisse Tragweite“, sagt er. Dass die Station an der Tölzer Klinik Ende des Monats schließt, sei ohnehin nicht mehr abzuwenden. „Daher sehe ich die Notwendigkeit nicht, das jetzt so schnell zu entscheiden.“ Er würde sich gerne noch eingehender damit befassen. Diese Linie unterstützt der Tölzer Grünen-Stadtrat Franz Mayer-Schwendner. Ihm zufolge würde eine vorschnelle Entsheidung ins „Chaos“ führen.

-Wahrscheinlichkeit, dass der Kreistag die Entscheidung vertagt: geht gegen Null.


Die Sitzung im Landratsamt beginnt um 14 Uhr mit einem nicht öffentlichen Teil. Die Öffentlichkeit ist ab etwa 14.30 Uhr zugelassen.

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