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Mit diesem Schiff wird Matthias Wilke in See stechen. An Bord sind zehn Helfer. Wilke, der Segelerfahrung auf der Ostsee hat, ist Stellvertreter des Kapitäns.

Einsatz mit „Sea Eye“ 

Tölzer hilft Flüchtlingen im Mittelmeer

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Der 62-Jährige Tölzer Matthias Wilke fliegt diesen Montag nach Malta. Dort geht er an Bord des Schiffes „Sea Eye“, um Menschen zu helfen, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten sind – die meisten von ihnen Flüchtlinge.

Nicht das große, sondern dieses kleine Boot wird sich den Flüchtlingen nähern. Es werden Rettungswesten und Trinkwasser verteilt.

Bad Tölz– Es war ein Radio-Interview, das Matthias Wilke vor einigen Monaten sehr nachdenklich machte: Im Programm Bayern 2 hörte er in der Sendung „eins zu eins: Der Talk“ ein ausführliches Gespräch mit Michael Buschheuer. Der Unternehmer aus Regensburg gründete im Herbst 2015 die Organisation „Sea Eye“. Die Initiative kaufte einen alten Fischkutter, taufte ihn „Sea Eye“ und rüstete ihn zum Zweck der Seenotrettung um. Seit 2016 ist das Schiff auf Beobachtungsfahrt vor der Küste Libyens.

Seit 2017 gibt es ein weiteres Schiff, den „Seefuchs“. Mehr als 500 Freiwillige, die meisten davon aus dem deutschsprachigen Raum, halfen schon ehrenamtlich bei der Seenotrettung mit. Ab Montag wird auch Matthias Wilke einer von ihnen sein. Er nimmt dafür drei Wochen seines Jahresurlaubs.

Schon kurze Zeit nach dem Radio-Interview, das er auf einer längeren Autofahrt hörte, knüpfte der Tölzer Kontakte zu Michael Buschheuer und erkundigte sich, wie er helfen könnte. Wilke, aufgewachsen im Rheinland, hat jahrelange Segelerfahrung auf der Ostsee. „Navigation ist mir vertraut.“ Und so wurde er nach einigen Treffen und Besprechungen in Regensburg in eine Crew aufgenommen, die jetzt in See sticht. An Bord sind zehn Helfer, unter ihnen auch ein Arzt. Wilke ist Co-Skipper: „Das heißt, ich vertrete den Kapitän, wenn er zum Beispiel Pause hat“, erklärt er.

Matthias Wilke (62), Fachbereichsleiter bei der Diakonie mit Schwerpunkt Suchthilfe.

Wenn Wilke in Maltas Hauptstadt La Valetta eintrifft, wird er erst mal die „Sea Eye“ ganz genau kennenlernen. Seine Kameraden kennt er schon, „die meisten sind Männer in meinem Alter“. Am Dienstag um Mitternacht stechen sie in See.

Das Team auf der „Sea Eye“ arbeitet mit dem Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom zusammen. Von dort wird die Seenotrettung im westlichen Mittelmeer koordiniert. „Sie haben den Überblick und patrouillieren“, sagt Wilke. Tritt ein Notfall ein – egal ob Flüchtlings- oder Segelboot – wird ein Funkspruch abgesetzt. „Das heißt, unser Einsatzbefehl kommt aus Rom, und wir fahren dann an diese Stelle.“ Dort angekommen, nimmt die „Sea Eye“ aber nicht etwa die Menschen auf. Es wird ein kleines Boot zu Wasser gelassen, auf dem drei Helfer beispielsweise zu dem Flüchtlings-Schlauchboot fahren. „Je nach Lage werden Rettungswesten und Trinkwasserflaschen an die Menschen verteilt“, sagt Wilke. Dann wiederum informiere man das MRCC, was passiert sei. In einem Rettungsfall sendet dieses ein Militärschiff, das kommt und die Flüchtlinge aufnimmt. Die „Sea Eye“ bleibt derweil in der Nähe.

Es ist jedoch davon auszugehen, dass es viele schwierige zwischenmenschliche Situationen geben wird. Wilke weiß, dass manche Flüchtlinge versuchen, zum Beispiel ihre Babys den „Sea Eye“-Rettern zuzuwerfen. Er kennt Berichte, in denen Schlepper Kinder und schwache Personen ins Meer stießen. „Alle Flüchtlinge, die im Boot sitzen, sind sich auch dieser Dinge bewusst“, sagt er. „Keiner steigt da leichtfertig ein.“ Die „Sea Eye“ hat Leichensäcke an Bord. Wilke und das Team haben gelernt, wie man eine Seebestattung durchführt.

Zwei Wochen wird das Team kontinuierlich auf See sein, einen Kontakt zur Familie gibt es via Satellitentelefon nur bei einer Notlage. Die Helfer sind 24 Stunden einsatzbereit, eingeteilt in drei Schichten.

Warum hat sich Wilke für diesen Einsatz entschieden? „Menschen vor dem Ertrinken zu retten, ist ja eigentlich Grund genug“, sagt der Tölzer, der der evangelischen Kirchengemeinde angehört und den örtlichen Asylhelferkreis mit aufgebaut hat. „Ich weiß auch, dass unser Einsatz das Flüchtlingsproblem nicht löst.“ Aber er lebe nun mal an einem der reichsten Orte des Landes in einem der reichsten Länder der Erde, profitiere von Bildungs- und Gesundheitssystem, Bürgerrechten und politischer Stabilität: „Für mich ist dieser Einsatz auch eine Fastenzeit in der Wahrnehmung meiner zivilisatorischen Privilegien.“

Mitte Oktober wird Wilke auf dem Schiff seinen 63. Geburtstag begehen – „feiern wäre das falsche Wort“. Nicht nur dieser Tag wird für ihn ein ganz besonderer sein. „Dieser Einsatz ist kein Urlaub und keine Abenteuerreise. Es ist eher ein Experiment mit mir selbst, zu sehen, wie Menschen auch leben könnten: füreinander, nicht auf Kosten anderer.“

Weitere Infos

zu dem Projekt von Michael Buschheuer im Internet auf www.sea-eye.org.

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