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Der Chef des Tölzer Jobcenters zieht Bilanz und hat sich seinen Optimismus für 2021 bewahrt.

Interview mit Andreas Baumann

Tölzer Jobcenter-Chef: Trotz Corona stieg Zahl der Hartz-IV-Empfänger nur moderat

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Die Befürchtungen waren und sind groß, dass die Corona-Lockdowns viele Unternehmen in die Insolvenz treiben, dass Arbeitnehmer ihre Jobs verlieren und massenweise in Hartz IV abrutschen. Im Vergleich zu diesen Szenarien fällt die Jahresbilanz des Tölzer Jobcenter-Chefs Andreas Baumann aber sehr glimpflich aus.

Herr Baumann, hat Corona die Zahl der Hartz-IV-Empfänger im Landkreis steigen lassen?

Andreas Baumann: Nicht so, wie man gemeint hat. Man hatte gedacht, dass die Zahlen gewaltig ansteigen. Wir sind aber in etwa auf dem gleichen Niveau geblieben. Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften klag Anfang des Jahres 2020 bei 1408, im November – die aktuellsten Zahlen, die mir vorliegen – bei 1486. Die Zahl der von uns betreuten Arbeitslosen nach Sozialgesetzbuch II ist um etwa 100 gestiegen.

Das heißt, der Ausbruch der Corona-Krise hat sich im Jobcenter nicht so bemerkbar gemacht?

Andreas Baumann: Doch. Normalerweise liegt die Zahl der monatlichen Neuanträge bei etwa 80. Im April waren es dann plötzlich 280, im Mai 209.

Andreas Baumann, Geschäftsführer Jobcenter Tölz

Sind so viele Menschen auf einmal in Hartz IV gerutscht?

Andreas Baumann: Viele Menschen haben einen Antrag gestellt, waren aber am Ende doch nicht leistungsberechtigt. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein sogenannter vereinfachter Antrag eingeführt, der die Hemmschwelle senken sollte, Hartz IV zu beantragen. Zudem wurde die Vermögensgrenze deutlich angehoben. Ein Alleinstehender durfte zum Beispiel bis zu 60 000 Euro behalten. Man hat da an die Menschen gedacht, die vorher ganz normal gearbeitet haben. Sie sollten wegen Corona nicht plötzlich ganz ohne Geld dastehen oder sofort gezwungen sein, an ihr Erspartes zu gehen. Zudem gibt es keine Mietobergrenzen mehr. Berechtigte bekommen also in jedem Fall ihre Miete bezahlt. Es sollte auch keiner auf einmal auf der Straße stehen. Dies ist allerdings bis 31. März 2021 befristet. Diese Maßnahmen waren sehr wichtig für den sozialen Frieden.

Tatsächlich aber fielen trotz der Antragsflut doch nicht so viele Menschen in Hartz IV?

Andreas Baumann: Das gab es natürlich schon, aber bei Weitem nicht so viele. Viele Selbstständige oder Menschen, die in Kurzarbeit gingen, haben vorsorglich Hartz IV beantragt, teils auch als Aufstockung, weil sie Sorge hatten, das Geld wird ihnen nicht mehr zum Leben reichen. In vielen Fällen ist es aber dann doch nicht so schlimm gekommen.

Wie ging es in den folgenden Monaten weiter?

Andreas Baumann: Im Juni hatten wir noch 97 Neuanträge, im Juli 75, im September waren es dann wieder 100. Und am Jahresende wurden es mit „Lockdown light“ und Lockdown wieder mehr, das hat man sofort gemerkt. Im Dezember waren es 150.

Woran liegt es, dass es unterm Strich doch nicht so viel mehr Hartz-IV-Empfänger geworden sind?

Andreas Baumann: Es konnte sehr viel übers Kurzarbeitergeld aufgefangen werden. Fürs Jobcenter lief das Jahr also relativ gut, aber für die Agentur für Arbeit bei Weitem nicht. Wenn man bedenkt, dass es deutschlandweit drei Millionen Kurzarbeiter gibt...

Das Kurzarbeitergeld „fängt einen Großteil der Menschen auf“

Glauben Sie, dass das dicke Ende dann in diesem Jahr kommt?

Andreas Baumann: Ich glaube eher nicht, dass sich das bei uns im Jobcenter so stark niederschlägt. Das Kurzarbeitergeld ist verlängert worden, das fängt einen Großteil der Menschen auf. Aber ich kann ehrlich gesagt nicht einschätzen, wie es mit den Insolvenzen weitergeht. Wenn es eine große Insolvenzwelle gibt, könnte es schwierig werden. Gerade in der Gastronomie und Hotellerie arbeiten viele im Niedriglohnbereich. Dann reicht das Arbeitslosengeld nicht, und die Betroffenen müssen eventuell aufstocken.

Wie planen Sie für 2021?

Andreas Baumann: Natürlich weiß niemand, wie es mit Corona weitergeht. Wir rechnen aktuell aber damit, dass es nicht deutlich mehr Bedarfsgemeinschaften werden als bisher. Ich habe einen Jahresschnitt von 1600 Bedarfsgemeinschaften eingeplant, das wären etwas mehr als im Mittel 2020. Ich gehe aber davon aus, dass die Zahl eher um die 1500 liegen wird. Eine Planung muss man ja machen, damit auch der Landkreis eine gewisse Summe für die Mietkosten, die er übernimmt, in den Haushalt stellen kann. Ich habe die Hoffnung: Wenn die Wirtschaften und Läden wieder aufmachen, dann geht im Sommer wirklich was vorwärts, und die Wirtschaft explodiert.

Vermittlung in Arbeitsstellen „funktioniert erstaunlich gut“

Kann das Jobcenter unter den aktuellen Bedingungen noch Menschen in Arbeit vermitteln?

Andreas Baumann: Ja, das geht erstaunlich gut. 2020 haben uns 1194 Menschen im Landkreis „verlassen“, 1250 sind dazugekommen. Man sieht, der Umschlag funktioniert noch. 522 Personen davon sind in Arbeit gekommen. Das sind 27,7 Prozent der erwerbsfähigen Leistungsbezieher. Damit haben wir unser Vermittlungsziel von 37 Prozent zwar nicht erreicht, aber wir sind froh, dass es überhaupt so gut gegangen ist.

Konnte eine persönliche Betreuung der Jobcenter-Kunden stattfinden?

Andreas Baumann: In der Anfangszeit gab es nur telefonische Gespräche, wir konnten niemanden zu uns einladen. Dann haben wir zwei eigene Interviewräume eingerichtet, mit Plätzen in 1,50 Meter Abstand und einer Plexiglasscheibe dazwischen, ausgestattet mit Desinfektionsmittel und dauernd gelüftet. Der Zugang ist von außen möglich, sodass die Kunden nicht durch die Bürogänge laufen mussten. Mittlerweile sind es durch den Einbau neuer Türen sogar vier Räume, aber aktuell können wir sie wieder nicht nutzen.

Wie sieht dann Ihre Gesamtbilanz für 2020 aus?

Andreas Baumann: Es hat schlimm angefangen, und man hat gedacht, es geht die Welt unter. Im Lauf der Zeit hat sich aber vieles normalisiert. Im Blick zurück habe ich an Silvester zu meiner Kollegin gesagt: „So schlecht war es am Ende gar nicht.“ Und in diesem Geist gehe ich auch ins neue Jahr.

Einen Überblick über die Corona-Entwicklung im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen finden Sie hier.

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