Dr. Martin Grundhuber sitzt an seinem Schreibtisch.
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Hält viel von Masken: Der Tölzer Kinderarzt Dr. Martin Grundhuber.

Nach offenem Brief zweier Kinderärzte aus München

Tölzer Kinderarzt Dr. Martin Grundhuber verteidigt Maskenpflicht an Schulen: „Keine Qual“

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
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  • Die bekannten Münchner Kinderärzte Dr. Martin Hirte und Dr. Steffen Rabe sehen in der Maskenpflicht an Schulen eine zu große psychische und physische Belastung für die Heranwachsenden.
  • Diese Meinung vertreten sie in einem offenen Brief an die Staatskanzlei. Im Landkreis sorgt er bei Eltern für Verunsicherung.
  • Tölzer Kinderarzt sieht in der Maskenpflicht keine „Qual“ und verteidigt sie im Interview.

Bad Tölz – Das Thema Maskenpflicht an der Schule treibt viele Eltern um. Im Unterricht soll sie diesen Freitag wegfallen, auf Gängen und im Pausenhof bleibt sie. Auch im Landkreis kursiert aktuell ein offener Brief zweier bekannter Kinderärzte. Darin verleihen sie ihrer Sorge Ausdruck, dass die Maskenpflicht eine zu große Belastung für die Heranwachsenden darstelle. Das Recht der Kinder auf Bildung muss aus Sicht von Dr. Martin Hirte und Dr. Steffen Rabe „uneingeschränkte Priorität“ haben – also noch vor dem Infektionsschutz. Der Tölzer Kurier wollte von einem lokalen Kinderarzt - Dr. Martin Grundhuber - eine Einschätzung der Behauptungen in dem Brief.

Herr Dr. Grundhuber, was ist wichtiger: Infektionsschutz oder Bildung?

Diese Frage klingt polemisch. Ziel muss sein, dass Bildung und Infektionsschutz sich nicht ausschließen.

Erfüllen Sie die Corona-Regelungen an den Schulen wie Ihre Kollegen aus München mit großer Sorge?

Nein, die Pläne für Kita und Schulen sind auch unter Mitarbeit der kinderärztlichen Fachgesellschaften entwickelt worden. Dank ihnen ist es möglich, unter Beachtung von Hygieneregelungen einen Präsenzunterricht zu gestalten.

Die Verfasser des Briefes fürchten Schuld- oder Versagensängste bei den Schülern, wenn sie es nicht schaffen, das eigene Gesicht nicht zu berühren. Wie sehen Sie das?

Die Schutzmaßnahme „Vermeiden des Berührens von Augen, Nase und Mund“ ist eine Regel wie „Niesen in die Armbeuge“. Es ist möglich, sie zu lernen. Sie muss halt wie alle neuen Regeln geduldig und vernünftig eingeübt werden.

Eine weitere These lautet, dass die Kinder durch die Verhaltensregeln unter anderem in ihrer sozialen Entwicklung gebremst würden. Sind aus Ihrer Sicht tatsächlich schwere psychische und soziale Konflikte die Folge der Maskenpflicht?

Kinder akzeptieren Regeln oft besser als Erwachsene

Die kinder- und jugendärztlichen Verbände haben schon frühzeitig die Wiederöffnung der Kitas und Schulen gefordert. Das gemeinsame Spielen, Lernen und Sich-Austauschen ist für Kinder und Jugendliche unabdingbar. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen das möglich ist. Kinder akzeptieren Regeln oft besser als Erwachsene, vor allem, wenn sie ihnen verständlich erklärt werden. Schwierig wird es, wenn Eltern und Lehrerinnen gegensätzliche Standpunkte haben, das führt zu Loyalitätskonflikten: Wem soll ich folgen? Für Kinder, die Chemotherapie bei Krebs haben, ist eine Maske schon immer selbstverständlicher Schutz, kein Trauma.

Wird der Schulalltag für Kinder wirklich zur Qual, weil sie nicht genug Sauerstoff bekommen und die zwischenmenschliche Kommunikation erschwert wird?

Für Kinder mit Asthma empfehlen wir sogar noch eindringlicher Schutzmasken, weil sie durch eine Infektion stark gefährdet wären. Die Maske ist gewöhnungsbedürftig, aber keine Qual.

Sollten Masken und Abstandsregeln tatsächlich abgeschafft werden, oder überwiegt der Nutzen dieser Maßnahmen?

Der Nutzen überwiegt, je älter die Kinder oder Jugendlichen sind. In den Rahmen-Hygieneplänen wird ja auch nach Kita, Grundschule und weiterführenden Schulen unterschieden.

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Worin liegt aus Ihrer Sicht der Nutzen von Mund- und Nasebedeckungen?

Sie bieten zumindest einen Schutz vor Tröpfcheninfektion in beiden Richtungen – mit Einschränkungen auch vor Aerosol. So machen sie einen Präsenzunterricht möglich.

Ist es sinnvoll, Schulen zu schließen, wenn die Testergebnisse über eine bestimmte positive Marke klettern, oder spielen Kitas und Schulen wirklich keine große Rolle bei der Verbreitung von Covid-19?

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Gerade die Schließung von Schulen und Kitas soll ja mit den Hygieneplänen vermieden werden. Wichtig ist es, Infektionsketten zu vermeiden.

Was halten Sie von den Verfassern des offenen Briefes? Handelt es sich um renommierte Fachmänner oder um Verschwörungstheoretiker?

Auch unter Kinder- und Jugendärzten gibt es viele verschiedene Meinungen. Dr. Hirte und Dr. Rabe haben auch zu Impfungen andere Standpunkte als die Mehrheit der Kollegenschaft, und sie erreichen durch Buchveröffentlichungen und Internetauftritte ein breites Publikum. Ich kenne von beiden aber keine Verschwörungstheorien und maße mir daher kein Urteil an. Wichtig ist es, fachlich zu argumentieren, um zum besten Ergebnis zu kommen.

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