Interview

Tölzer Kinderarzt zum Thema Masern-Impfung: „Sehr emotionales Thema“

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Der Tölzer Kinderarzt Dr. Tobias Reploh befürwortet, dass sich Menschen gegen Masern impfen lassen, ist aber gegen eine Pflicht. Warum, erklärt er im Interview.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Laut Welt-Gesundheitsorganisation haben sich 2018 in Europa so viele Menschen mit Masern angesteckt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Zahl stieg innerhalb eines Jahres auf das Dreifache: 82 600 Fälle. Gesundheitsminister Jens Spahn und Familienministerin Franziska Giffey sprechen sich für eine Impfpflicht in Kitas und Schulen aus. Der Tölzer Kinderarzt Dr. Tobias Reploh befürwortet, dass sich Menschen impfen lassen, ist aber gegen eine Pflicht. Warum, erklärt er im Interview.

Wie stehen Sie zu dem Vorschlag, eine Impfpflicht für Kinder einzuführen?

Dr. Tobias Reploh: Ich bin absolut dafür, dass die Kinder geimpft werden. Gerade gegen Masern, weil das keine harmlose Kinderkrankheit ist. Wir – also Dr. Grundhuber und ich – stehen einer Impfpflicht aber skeptisch gegenüber.

Warum?

Dr. Tobias Reploh: Es sollte ein Pro und Contra geben, die Leute sollen abwägen und entscheiden. Sie sollen selbst davon überzeugt sein, dass die Impfung notwendig ist. Ich vergleiche das mit der Diskussion um die Skihelm-Pflicht, die es früher mal gab. Inzwischen hat jeder einen Skihelm auf, auch ohne Pflicht. Einfach, weil die Leute überzeugt sind, dass es hilft und wichtig ist.

Wie würde sich eine staatliche Regulierung Ihrer Meinung nach auswirken?

Dr. Tobias Reploh: Es gibt einen Teil der Bevölkerung, der sich zum Beispiel durch soziale Medien verunsichern lässt. Diesen Leuten würde man vielleicht damit helfen. Aber bei der großen Masse an Leuten sehe ich das skeptisch. Wenn man jemanden zu etwas verpflichtet, obwohl er ein schlechtes Gefühl hat, kann es sehr emotional werden. Mal abgesehen davon, dass ich nicht wüsste, wie man eine Impfpflicht in der Praxis umsetzen soll.

Hatten Sie schon einen Masernfall in der Praxis?

Dr. Tobias Reploh: Nein, keinen einzigen seit ich die Praxis 2012 übernommen habe. Der größte Teil unserer Patienten ist gegen Masern geimpft.

Droht die Gefahr, dass im Landkreis die Masern ausbrechen?

Dr. Tobias Reploh: Der Impfschutz im Landkreis scheint nicht ausreichend zu sein. Wenn Masern hier ankommen, könnten sie auch ausbrechen.

Haben Sie schon mal erlebt, dass es bei einer Masern-Impfung erwähnenswerte Nebenwirkungen gegeben hat?

Dr. Tobias Reploh: Nein. Ich hatte in den vergangenen sechs Jahren keinen einzigen Fall, in dem es einen Schaden durch die kombinierte Mumps-Masern-Röteln-Impfung gegeben hat. Das Risiko ist extrem gering. Es gibt aber Impf-Reaktionen, klar. Fieber, eine Rötung im Bereich der Einstichstelle – das kann auch mal schmerzhaft sein.

Welche Folgen kann eine Masern-Erkrankung haben?

Dr. Tobias Reploh: Wie bei jeder Kinderkrankheit kann es Komplikationen hervorrufen. Bei Masern kann ein Organ mitbetroffen sein. Es kann zum Beispiel zu einer Lungenentzündung kommen. Im schlimmsten Fall kann das Gehirn betroffen sein. Gerade die Enzephalitis, die Entzündung des Gehirns, ist sehr gefährlich. In sehr seltenen Fällen kann es viele Jahre nach der Masern-Erkrankung zu einer subakuten sklerosierenden Panenzephalitis kommen. Darunter versteht man eine Hirnveränderung. Die Kinder verlernen dann plötzlich Dinge, die sie schon gekonnt haben. Sie können nicht mehr gehen und reden und werden schwerst behindert.

Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Dr. Tobias Reploh: Ja, zweimal, in meiner Zeit in der Uni-Klinik in München.

Gibt es viele Leute, die dem Impfen skeptisch gegenüberstehen?

Dr. Tobias Reploh: Bei uns in der Praxis gibt es viele Leute, die skeptisch sind und Dinge hinterfragen. Der überwiegende Teil lässt sich dann aber doch impfen. Absolute Impfgegner gibt es wenige, im Prozent-Bereich.

Dr. Tobias Reploh, Tölzer Kinderarzt

Wie kommt es zu dieser Skepsis?

Dr. Tobias Reploh: Ich denke, dass es vor allem an den Neuen Medien liegt. Die Verunsicherung der Leute ist groß, nicht nur beim Thema Impfen, sondern auch bei anderen Gesundheitsthemen, wie zum Beispiel Ernährung und Säuglingspflege. Früher war es einfacher. Da hat man die Mama gefragt: „Wie hast Du das gemacht?“

Müssen Sie sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, dass die Kinderärzte von der Pharma-Lobby gesteuert werden?

Dr. Tobias Reploh: Ja, absolut. Dieser Vorwurf kommt immer wieder. Es gibt da wilde Verschwörungs-Theorien. Ich will nicht sagen, dass jeder Impfgegner ein Verschwörungstheoretiker ist, aber manche treiben es schon auf die Spitze.

Wie reagieren Sie darauf?

Dr. Tobias Reploh: Wir versuchen, Gespräche zu führen. Gegebenenfalls auch außerhalb der Sprechstunde. Wir verteilen Info-Material. Wohlgemerkt nicht von der Pharmaindustrie, sondern von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und von unserem Berufsverband. Eine direkte Beeinflussung durch Pharmafirmen gibt es nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es solch eine Beeinflussung bei anderen Kinderärzten gibt. Sicherlich gibt es aber viele Studien, die von der Pharma-Industrie finanziert sind.

Wie gehen Sie mit der Flut an Informationen um?

Dr. Tobias Reploh: Ich schaue mir an: Wer hat die Studie gemacht? Woher kommen die Zahlen? Da geht es mir wie jedem, der Wissen ansammelt: Er muss sich klar sein, woher er seine Informationen bezieht.

Lesen Sie auch: Aktuelle Masernsituation: Der Landkreis als schlechtes Vorbild und Kindergärten: „Gute Beratung wichtiger als Impfpflicht“

Rubriklistenbild: © dpa / Karl-Josef Hildenbrand

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